Gewalt gegen Frauen: Wir Männer müssen uns hinterfragen
Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht wieder ein Fall auftaucht, der erschüttert. Da sind aufsehenerregende Fälle, wie Pelicot oder Epstein, wo es um mehrfachen, jahrelangen, schwersten Missbrauch von Frauen und Mädchen geht. Und dann ist da der alltägliche Skandal, der Frauen widerfährt, ohne dass es öffentlich wird. Tag für Tag erfahren hierzulande Frauen von Männern körperliche Gewalt, werden verbal attackiert oder digital missbraucht. Manchmal auch alles zusammen. Nun wieder ein Vorgang, der juristisch nicht abgeschlossen ist, bei dem die Unschuldsvermutung gilt und der dennoch die Gesellschaft erschüttert: die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen.
Für viele Frauen hinterlässt all das ein Gefühl der Ohnmacht, der Verzweiflung und der Wut. Frauen sind weit überwiegend die Leidtragenden, erschreckend viele Männer die Schuldigen. Das sollte uns Männer aufrütteln. Wir dürfen nicht länger mehrheitlich schweigen zu dem, was manche unserer Geschlechtsgenossen Frauen antun. Um ihre Sicherheit, ihren Schutz und eine Gesellschaft, die beides garantiert, geht es zuallererst.
Was soll man denn entgegnen, wenn Frauen jetzt fragen: Wie soll man euch noch glauben?
Es geht aber auch um unsere Glaubwürdigkeit als Ehemänner, Partner, Väter. Auch deshalb hinterlassen die aktuellen Fälle bei vielen Männern ebenfalls Ohnmacht, Wut, und Verzweiflung. Was soll man denn entgegnen, wenn Frauen jetzt fragen: Wie soll man euch noch glauben? Selbst dort, wo Männer öffentlich eine Vorbild(s)rolle für sich reklamiert haben, tun sich plötzlich Abgründe auf.
Wie kann es sein, dass sich im Jahr 2026 immer noch so viele Fälle häufen, obwohl wir in der Gesellschaft seit Jahren darüber debattieren? Mich als Mann hinterlässt es ratlos, warum Frauen heute noch Angst haben müssen, wenn sie über die Straße gehen, wenn sie sich auf ein Date einlassen, beim Sex, wenn sie in ihrem intimsten Umfeld zu Hause bei der Familie sind. Muss meine Tochter wirklich noch dieselben Ängste, dasselbe Misstrauen und die gleichen Sorgen haben wie Generationen an Frauen vor ihr?
Christian Tretbar Seit 2004 ist Christian Tretbar beim Tagesspiegel. Erst als Reporter für den Sport, dann als Volontär. Anschließend hat er im Parlamentsbüro über innenpolitische Themen berichtet. Seit vielen Jahren kümmert er sich um die Digitalisierung des Tagesspiegels zunächst als Chefredakteur Online und Mitglied der Chefredaktion. Seit 2021 ist er Chefredakteur des Tagesspiegels.
Empörte Ratlosigkeit kann aber nicht unsere Antwort sein, sie genügt einfach nicht. Was können wir als Männer tun? Vielleicht wäre es ein Anfang, uns selbst Fragen zu stellen. Jeder bei sich.
Was kann ich anders machen? Was habe ich selbst falsch gemacht? Wie oft sage ich etwas, wenn unangebrachte Sprüche fallen? Schreite ich ein, wenn ich merke, dass Situationen unangenehm werden für Frauen in der S-Bahn, beim Einkaufen oder beim Feierabendbier? Haben wir überhaupt schon ausreichend Sensibilität dafür, das in jeder Situation zu merken, egal, ob im Meeting im Büro, beim Ausgehen mit Freunden, in der Kneipe mit den Kumpels oder auch im Bett? Und zeigen wir Fehlverhalten, Missbrauch immer an, egal, ob analog oder digital?
Niemand wird all diese Fragen jederzeit mit einem klaren Ja beantworten können. Und wer es doch tut, sollte prüfen, ob das wirklich stimmt. Oder die eigene Wahrnehmung nicht blankem Wunschdenken entspricht.
Die Wende zum Besseren muss im Privaten beginnen
Natürlich ist es Aufgabe der Politik, die richtigen gesetzlichen Rahmen zu setzen und Straflosigkeit, die es in einigen Fällen noch gibt, zu beenden. Aber es ist auch Aufgabe von uns Männern, hier etwas zu verändern. Das betrifft unsere Erziehung, unser Berufsleben, unser Familienleben, unseren Freundeskreis, unser Sexualleben.
Die Wende zum Besseren – sie muss im Privaten, im Persönlichen beginnen. Das ist ein Auftrag für jeden Einzelnen, auch wenn er glaubt, längst ein moderner Mann zu sein.
Denn die Fälle zeigen doch: Auch heute gibt es noch mehr als genug Männer, die leben, als hätte es all diese Debatten nie gegeben. Wie sonst wäre es möglich gewesen, dass sich im Fall Pelicot Dutzende Männer aus der gesellschaftlichen Mitte am Missbrauch einer Frau beteiligt haben? Und im Fall Epstein? Da sind vermeintliche männliche Eliten offenbar tief verstrickt.
Zu welchem gesellschaftlichen Klima tragen wir als Männer mit unserem alltäglichen Verhalten bei?
Wir als Männer müssen uns fragen, was das alles mit uns und unserem Verhalten zu tun hat. Gewalt gegen Frauen fängt mit Herabsetzung an. Mit einem Spruch, einer, vielleicht sogar ungewollten Geste, die man als Mann womöglich gar nicht merkt. Denn auch das trägt zum gesellschaftlichen Klima bei.
Und es geht noch weiter. Warum sind denn die meisten Deep-Fake-Videos im Netz Pornos? Weil die Nachfrage von Männern offenbar extrem hoch ist. Es ist ein lukratives Geschäft. Und eines, das mittlerweile auch für viele Jugendliche sehr leicht zugänglich ist. Damit werden Rollenbilder in noch früherem Alter reproduziert. Und durch KI geht der Missbrauch noch deutlich weiter und er ist noch dazu technologisch deutlich niedrigschwelliger. Ganz zu schweigen vom analogen Sexgeschäft in Bordellen, die es im ganzen Land gibt und die noch immer stark nachgefragt sind. Wie oft fragen die Männer dort vorher, ob die Frau diese Arbeit wirklich freiwillig macht, bevor sie sich Sex kaufen?
Wir müssen herauskommen aus der Sprachlosigkeit
Gleichzeitig entwickelt sich auch eine Art männliche Gegenbewegung zum Feminismus, die den Verlust von Männlichkeit an die Wand malt. Eine tradierte Männlichkeit, die überholt ist, aber von vielen völlig verklärt wird. Politische Gruppierungen machen sich das zu eigen und können damit Wahlerfolge feiern – weltweit.
Doch umso mehr sollten Männer deutlich machen, dass toxisches Verhalten kein Ausdruck von Männlichkeit ist, sondern schlicht und ergreifend ein humanitäres Fehlverhalten, ein Missbrauch.
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Wenn jeder Einzelne sich selbst hinterfragt, wenn wir wirklich zuhören, wird Veränderung möglich. Und vielleicht kommt man so aus der Sprachlosigkeit heraus und hinein in den Dialog mit denen, die anfangen, sich abzuwenden von Männern: den Frauen.
