Erste Schau unter neuer Direktion: Was ist los im Mies-van-der-Rohe-Haus?
Der Titel der Ausstellung, als Einstand des neuen jungen Direktors, stellt die lapidaren Frage „Was ist los?“. „What’s going on?“ (so heißt auch ein legendäres Lied des amerikanischen Soul-Sängers Marvin Gaye) könnte aber auch meinen: „Was war hier mal?“ Dennis Brzek, der das Mies-van-der-Rohe-Haus (Schatzkästchen-Museum des Stadtbezirkes Lichtenberg) aus den Händen der 33 Jahre hier mit Kunstanspruch und Seele wirkenden, in den Ruhestand gegangenen Wita Noack übernahm, startet nicht mit Aplomb.
Er beginnt vielmehr leise, subtil, reduziert. Das Publikum geht durch den Drei-Zimmer -Bungalow des kunstliebenden Ehepaares Lemke wie auf Suche nach der (zwar nicht verlorenen), aber unterm Hakenkreuz zerbrochenen, auch nach 1945 brüchigen Zeit und deren Spuren.
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Das schlichte, lichtdurchflutete Haus im Stil des Neuen Bauens war 1933 Mies van der Rohes letztes Projekt vor der NS-Verfemung und Emigration in die USA. Das mit ihm befreundete Berliner Verleger-Ehepaar Lemke, Betreiber der Graphischen Kunstanstalt, konnte sein schönes Refugium nicht lange genießen. Es hatte Hitler und den Krieg zurückgezogen überstanden, wurde aber 1945 von den Stalinisten enteignet und ging in den Westen.
Teile Hohenschönhausens wurden nach dem 8. Mai durch die Rote Armee zum Sperrgebiet. Der aus gelbroten Klinkern wie ein L gebaute Bungalow mit aufschiebbaren Fensterfronten wurde erst von sowjetischen Offizieren und später von der DDR-Staatssicherheit benutzt. Abgeranzt, von Einbauten verschandelt, waren Haus und Garten 1990. Immerhin hatte der Magistrat von Ost-Berlin das Ensemble 1977 auf die Denkmalliste gesetzt.
Nach der Wiedervereinigung gelang es mit viel Fantasie und Einsatz, die ramponierte Architektur-Ikone in eine Kunstinstitution zu verwandeln. Dem Stadtbezirk Lichtenberg wurde das Anwesen vom Senat übertragen, das neue Kulturamt übernahm, erkannte das Potenzial des Hauses mit großem Garten am Obersee. Begehrlichkeiten privater Investoren in den Neunzigern wurden abgewiesen.
Improvisationsfantasie verlangte das Museum immer
Die geglückte denkmalgerechte Sanierung zwischen 2000 und 2002 verschlang über 1,7 Millionen Euro, kommunal finanziert. Das Bauhaus-Ensemble gibt der Oberseestraße Glanz. Bauhaus-Gemeinden von Dessau, Stuttgart, Brünn, Tel Aviv und Barcelona über Chicago und Kalifornien kommen seither in die vielen unvergesslichen Ausstellungen und Podiumsveranstaltungen – ebenso wie Kunstfreunde aus Berlin und sonst woher, um hier Architektur und mit ihr still oder auch lebhaft korrespondierende Kunstwerke im Einklang zu erleben.
Improvisationsfantasie verlangte das kleine Museum von Anfang an von seinem gleichfalls nur winzigen Teams ab. Viel Bewegungsraum gibt es nur im großen Garten, bei schönem Wetter idyllisch, bei schlechtem wird’s eng. Denn Garderobe, Aufenthaltsraum, gar ein winziges Café bleiben bislang nur Utopie.
Dennis Brzek, Jahrgang 1993, Kunsthistoriker und letzten Dezember aus dem Dresdner Albertinum nach Berlin gekommen, hat sich vorgenommen, in seiner Arbeit zu ergründen und vor allem einem jungen Publikum sinnlich nahezubringen, wie sich eine fast 100 Jahre alte Architektur der Bauhausidee mit unserer rastlosen, krisenprallen Gegenwart verbindet.
Wie Botschaften aus einem anderen Universum
Er hat für seine erste „Erkundungsschau“ dieser Mies-Räume sieben Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sie kommen aus Japan, Kroatien, Deutschland, Großbritannien, den USA. Einer, der Zeichner und Collagekünstler Melvin Way aus Brooklyn, New York, ist schon 2024 verstorben.
Ways farbige Papierstücke an den Wänden des einstigen Schlafzimmers der Lemkes sind rätselhafte Chiffren, chemische und mathematische Formeln, gleichungsartige Zahlen, Buchstaben, Kringel, Kritzel; und Symbole von Tieren und Pflanzen, die sich zu mythischen Ornamenten verbinden. Way hatte am Technical Career Institute studiert, wurde aber psychisch krank und zum Außenseiter, war sogar obdachlos. Und so lesen sich seine Fetzen-Bildchen wie Botschaften aus einem anderen Universum.
Brzek lässt in seiner ersten Ausstellung an diesem Ort die anderen sechs – Dora Budor, Clara Hausmann, Constantina Zavitsanos, Samuel Jeffery, Tam Ochiai, Oliver Tirré – nach dem reflektierten Umgang mit der Logik des Denkmals suchen, nach den Spuren des Gestern, um sie heute zu verstehen, ihnen Form zu geben: Als Skulpturen, Zeichnungen, sogar als Tisch mit 18 verführerisch duftenden runden Schokoladenkuchen des Briten Jeffery. Als ein Versprechen, das aber nicht eingelöst werden kann. Denn wenn die Ausstellung Ende Juli schließt, sind die Kuchen nicht mehr essbar. Ein kurioses Symbol für unerfüllte Wünsche. Und für Vergänglichkeit.
Erst aus Vergnügen, später weil die Nerven blank lagen
Etliche Wände haben einen feinen Gelbstich, an Stellen, wo nur noch die helleren Umrisse der einstigen Möbel zu sehen sind. Die Kroatin Dora Budor erinnert im „Nikotinmuseum“ an den Zigarettenrauch, der hier in die Wandfarbe drang im Lemke’schen Wohnzimmer bei Besuchen von Freunden, wo geraucht wurde, erst aus Vergnügen in Gesellschaft, später, weil in der NS-Zeit, im Krieg die Nerven blank lagen.
Die Offiziere der Roten Armee qualmten hier nach 1945 ihre Papirossa und später die Herren in den Trenchcoats aus Mielkes „Schwert und Schild“-Truppe ihre F6, Cabinet, Semper oder gleich die filterlose, starke Karo. Wenn man die Augen nur genug anstrengt, tauchen so die Geister der vergangener Zeiten auf, wie Palimpseste, vor denen sich aber niemand fürchten muss.
An der Wand des Wohnzimmers lehnt ein Matratzentopper. Die Amerikanerin Zavitsanos hat darauf drei Jahre geschlafen, geträumt, geliebt. Der Abdruck der abwesenden Körper zeichnet sich ab in den Ausbeulungen nach hinten. Nun ist die intime Skulptur in die Öffentlichkeit geraten, so wie seit langer Zeit das ganze, von Mies erbaute Privathaus Lemke.
Und der Brite Tirré hat nicht nur hoffnungsvoll ein Walnussbäumchen in den Garten gepflanzt; er markierte auch mit einem winzigen weißen Bild genau jene Stelle, wo die Lemkes sich einst ein kleines, längst verschwundenes, namenloses Wandbild hatten malen lassen. Ein altes Foto zeigt: Der Stil war lyrisch-expressiv, fast ein bisschen wie bei Franz Marc.What’s going on? Mies-van-der-Rohe-Haus in Hohenschönhausen, Oberseestr. 60, Di–So 11–17 Uhr, Eintritt frei. Bis 26. Juli
