menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Diesel und Benzin in Berlin auf Allzeithoch: „Das kann nicht mehr lange gut gehen“

7 0
latest

Der Rekordflug von Diesel und Benzin geht weiter nach oben. Laut ADAC hat der Dieselkraftstoff mit 2,44 Euro pro Liter ein neues Allzeithoch erreicht. Damit ist weiterhin keine Entspannung bei den Spritpreisen in Sicht. Und der Frust an den Säulen steigt.

Die Tankstelle hat sich in diesen Tagen verwandelt. Einst war sie ein Ort des kurzen Innehaltens, eine beiläufige Station auf dem Weg von A nach B. Heute ist sie Bühne und Brennpunkt zugleich.

Hier begegnen sich Handwerker und Rentner, Pendler und Kurierfahrer, junge Familien und Außendienstler. Was sie eint, ist nicht das Ziel ihrer Reise, sondern der Blick zur Preisanzeige – und die stille Kalkulation im Kopf. Wie weit reicht der Tank noch? Muss es wirklich voll sein? Ist der Umweg noch bezahlbar? Und was bleibt am Ende des Monats?

Angst an den Zapfsäulen macht sich breit

Die Zapfpistole klickt – ein trockenes, endgültiges Geräusch. Unspektakulär auf den ersten Blick, und doch von beinahe brutaler Klarheit. Es markiert den Moment, in dem Geld sich in Bewegung verwandelt. Mit jedem Liter wächst nicht nur die Reichweite, sondern auch der Verzicht an anderer Stelle. Vielleicht bleibt der Restaurantbesuch aus. Vielleicht der Wochenendausflug. Vielleicht wieder nur das Nötigste. Und über allem steht eine leise, drängende Frage: Wie lange geht das noch gut?

Weniger Transparenz für Bürger: Berlin beschneidet Informationsfreiheit im Eilverfahren

Für eine Tankstellenverkäuferin in Prenzlauer Berg steht die Antwort fest. „Das kann nicht mehr lange gut gehen“, sagt sie und verweist auf die hohen Lebenshaltungskosten. „Miete, Lebensmittel, Gebühren – alles steigt. Und der einfache Bürger verdient ja nicht mehr in diesen Zeiten.“ Draußen zieht derweil eine junge Frau die Pistole aus dem Tankstutzen, schüttelt den Kopf und lacht kurz. „Irgendwann lohnt sich das Arbeiten gar nicht mehr“, sagt Altenpflegerin Andrea (46). „Wenn es teurer wird, wird nicht nur Mobilität teurer. Dann wird das Leben für einen Großteil der Gesellschaft enger“, sagt die Pflegefachkraft und legt 70 Euro auf den Tresen. „Früher hat das für eine ganze Tankfüllung gereicht, heute nur für die Hälfte.“

Tankstellenpächter spüren Auswirkungen

Von der Preisentwicklung an den Tanksäulen sind allerdings nicht nur Kunden betroffen. Auch die Tankstellenpächter spüren die Auswirkungen. „Es wird schon weniger getankt“, sagt einer von ihnen. Er betreibt in Neukölln eine große Markentankstelle. „Offiziell dürfen wir nichts zu dem Thema sagen, hat man uns ausdrücklich von der Zentrale aus hingewiesen.“ Mit Blick auf die Zukunft meint er: „Wenn das noch lange so weitergeht, mache ich mir große Sorgen.“

Denn weniger Kunden und hohe Preise führten dazu, „dass wir in unserem Shop nichts anderes mehr verkaufen“. Und gerade mit diesen Zukäufen wie Kaffee, Brötchen oder Wurst macht ein Tankstellenpächter sein Geld. „Am Benzin oder Diesel verdienen wir nicht wirklich.“ Eine Tatsache, die auch Jürgen Ziegner, Geschäftsführer  des Zentralverbands des Tankstellengewerbes, betont. „Die Politik ist anscheinend enttäuscht oder hat vergessen, dass an den Tankstellen mehr als nur Benzin verkauft wird“, meint er ironisch. Nach seiner Aussage ist die Stimmung bei den Tankstellenbetreibern angespannt, aber nicht hoffnungslos.

Spritpreise: Diesel knackt 2,50 Euro und erreicht nächstes Rekordhoch

Schwarzer April droht: Krise schwerwiegender als 1973, 1979 und 2022

Politik ist gefordert

Kritisch äußert sich Ziegner zu den jüngsten Maßnahmen der Politik. Mit der Übernahme des Österreich-Modells, wonach nur um 12 Uhr die Benzinpreise angehoben werden dürfen, habe man nur eins erreicht: „Es herrscht Ruhe an der Preisfront.“ Eine Entspannung gebe es nicht. „Das haben ja allein die Feiertage gezeigt.“ Eine Entwicklung, auf die drei Verbände bereits vor einigen Wochen hingewiesen hätten. Doch die Politik habe das entsprechende Schreiben ignoriert.

Eine kurzfristige Lösung sieht Ziegner in einer Senkung der Energiesteuer. „Die bringt Entlastung und verursacht nicht so viele Kosten.“ Auch solle die Politik über die Senkung der CO₂-Steuer nachdenken. Eine Erhöhung der Pendlerpauschale lehnt er ab. „Davon haben nur ein paar Leute etwas. Den mittelständischen Betrieben nützt die gar nichts.“

Die Situation an den Zapfsäulen beschäftigt auch den Bundesverband Ambulante Dienste und Stationäre Einrichtungen. Die Stimmung bei den Mitgliedern sei angesichts der hohen Preise noch positiv. „Viele Mitglieder sehen in der momentanen Situation die Chance, E-Mobilität zu fördern“, teilt der Verband mit. Allerdings müssten dafür die Referenzverhandlungen über Kosten und Investitionen verändert werden.


© Berliner Zeitung