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Exklusive Rentenstatistik: Altersarmut in Ostdeutschland steigt sprunghaft an

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Immer mehr Rentner und Rentnerinnen sind in Ostdeutschland auf Grundsicherung angewiesen. Die Entwicklung ist dramatisch: Zwischen März 2021 und Dezember 2025 stieg die Zahl von rund 84.000 auf rund 126.000 um 51 Prozent. Das geht aus neuen Zahlen des Statistischen Bundesamts hervor, die das BSW erfragt hat und die der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung und der Berliner Zeitung exklusiv vorliegen.

Der Trend lässt sich in ganz Deutschland beobachten. Doch in den westdeutschen Bundesländern beträgt die Zunahme „nur“ 31 Prozent auf rund 640.000 Rentnerinnen und Rentner, die „Grundsicherung im Alter“ beziehen müssen. Besonders betroffen von Altersarmut sind Rentner in Ostdeutschland.

Thüringen: +69 Prozent

Mecklenburg-Vorpommern: +58 Prozent

Sachsen-Anhalt: +57 Prozent

Brandenburg: +57 Prozent

Die tatsächlichen Zahlen der in Altersarmut lebenden Rentner dürften jedoch weitaus höher sein, als die Statistik verrät. Je nach Studie gibt es eine riesige Dunkelziffer, nach der lediglich ein kleiner Teil der Bezugsberechtigten die Grundsicherung im Alter beantragt. Die Gründe sind oft Scham der Senioren oder die hohen bürokratischen Hürden.

BSW: „Das System ist nicht mehr zu heilen“

Frauen sind über die Jahre stärker betroffen als Männer. Auch hier lässt sich eine flächendeckende Entwicklung erkennen: Lag der Anteil der Rentnerinnen mit Grundsicherung in den fünf ostdeutschen Flächenländern unter 50 Prozent, liegt er nun überall darüber – in Sachsen und Thüringen beispielsweise bei 54 Prozent, in Sachsen-Anhalt bei 52 Prozent. In Gesamtdeutschland bei 57 Prozent. Altersarmut wird zusehends weiblicher.

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„Wenn bundesweit über 760.000 Seniorinnen und Senioren auf Sozialhilfe angewiesen sind, ist das System nicht mehr zu heilen, sondern es ist am Ende“, kommentiert Thomas Schulze, Vorsitzender des BSW Sachsen-Anhalt und Spitzenkandidat für die Landtagswahl, die Statistik: „Während Milliarden in die Aufrüstung und eine verfehlte Energiepolitik fließen, rutschen diejenigen, die unser Land aufgebaut haben, in die bittere Armut und den sozialen Abstieg.“

Schulze: „Die Lebensleistung der Ostdeutschen wird durch das aktuelle Rentensystem systematisch entwertet. Die gebrochenen Erwerbsbiografien der Nachwendezeit und besonders bei Frauen schlagen nun gnadenlos zu.“ Das BSW fordert daher eine stärkere Berücksichtigung ostdeutscher Erwerbsbiografien bei der Rentenberechnung. Eine Rentenreform nach dem Vorbild Österreichs ist das Ziel des BSW um Schulze und Sahra Wagenknecht. Doch was hat es damit auf sich?

Österreich: mehr Beitragszahler, mehr Steuern im System

Österreich hatte seine große Rentenreform bereits vor 20 Jahren. Dort liegen die Bruttorenten im Schnitt etwa um die Hälfte höher als in Deutschland. In Österreich zahlen fast alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung ein – also auch Selbstständige. Zudem verbeamtet man kaum mehr, um staatlich Beschäftigte und andere Angestellte zunehmend gleichzustellen. Rentner sollen nach 45 Beitragsjahren 80 Prozent ihres durchschnittlichen Lebenseinkommens erhalten, so die Faustregel. Das gelingt allerdings nur mit um etwa vier Prozentpunkten höheren Sozialbeiträgen als in Deutschland – und einem entsprechend hohen Steuerzuschuss. Da der Rentenbeitragssatz seit 1988 bei 22,8 Prozent (Deutschland 18,6) eingefroren ist, finanziert der Steuerzahler die Mehrkosten des Systems.

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Laut Nicola Jovanovic von der Deutschen Rentenversicherung haben die Österreicher eine etwas jüngere Bevölkerung als Deutschland, was das Rentensystem zusätzlich stützt. Das zunehmend höhere Lebensalter bringt allerdings auch die österreichische Rentenversicherung in Bedrängnis. In Österreich gehen Männer mit 65 Jahren in Rente, Frauen mit 60. Bei ihnen wird allerdings das Rentenalter bis 2033 schrittweise auf 65 angehoben. Frauen bekommen wegen ihrer traditionell geringeren durchschnittlichen Erwerbstätigkeit in Österreich nur rund 62 Prozent der Rentenhöhe der Männer. Derzeit wird über einen Renteneintritt für alle mit 67 Jahren diskutiert. Wer weniger als 15 Jahre eingezahlt hat, bekommt am Ende gar keine Rente. In Deutschland liegt die Grenze bei fünf Jahren.

Jovanovics Fazit: „Ob Österreich daher in jedem Punkt als Vorbild dienen kann, bleibt fraglich. Interessant für die deutsche Reformdiskussion ist, wie es die Österreicher geschafft haben, ein einheitliches Rentenrecht für alle Erwerbstätigen, inklusive der Selbstständigen und Beamten, auf den Weg zu bringen.“


© Berliner Zeitung