Zwischen Pilates und Matcha Latte: Ist das Leben nur noch Performance?
Ich sitze bei strahlendem Sonnenschein im Straßencafé. Vor mir steht ein dampfender Amerikano in einer weißen Keramiktasse. Auf meiner Nase sitzt eine Designer-Sonnenbrille aus den 2000ern, die ich zu einem Schnäppchenpreis auf einer Secondhand-Plattform gekauft habe. In meinen Händen ein Buch, das ich auf Anraten diverser Book-Toker käuflich erworben habe. Vielleicht stecken in meinen Ohren weiße Kabelkopfhörer, aus ihnen tönt „Everywhere“ von Fleetwood Mac.
So oder so ähnlich sieht mein Traumszenario für meine freien Tage aus. Und so oder so ähnlich hat es sich schon oft zugetragen. In den vergangenen Monaten hat sich jedoch langsam, aber sicher ein seltsames Gefühl eingeschlichen, das meiner Buchlektüre einen bitteren Beigeschmack verleiht, der nicht vom Kaffee stammt: „Das wirkt total performativ, was ich hier tue!“
Mit dem Stichwort „performativ“ werden Menschen als vermeintlich unauthentisch entlarvt
Performativ – einer jener inflationär genutzten Begriffe des Internetzeitalters. Das Wort beschreibt den Akt, eine Tätigkeit rein für die öffentliche Wahrnehmung oder das Posten im Internet auszuüben. Mit diesem einen Wort, das dieser Tage allem und jedem im Internet um die Ohren gehauen wird, werden Menschen vermeintlich als falsch, fake, unauthentisch entlarvt. An erster Stelle wären da die „Performative Males“ zu nennen – jene Männer, die dem Klischee nach etwa mit dem Feminismus-Sachbuch aus dem Spiegel-Bestseller-Regal in der Hand, Vintage-Loafern und Nagellack in der Bahn sitzen. All das tun sie, um von potenziellen Partnerinnen als Vorzeigefeministen wahrgenommen zu werden – doch in Wahrheit lesen sie das Buch schon seit zwei Jahren und den Gender Pay Gap halten sie auch nicht für real.
Ein Prominenter, der schon häufig unter performativem Generalverdacht stand, ist der australische Schauspieler Jacob Elordi. Anfang des Jahres tauchten Bilder mit Kabelkopfhörern auf, die jedoch ins Nichts führten. Trug er sie also nur performativ für einen künstlerisch-verträumten Look? So zumindest die weit verbreitete Annahme in den Kommentaren.
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„Zwei Freundinnen posierten und knipsten sich gegenseitig auf den Reformer-Pilates-Geräten“
Ein weiteres Habitat, in dem die Grenzen zwischen Performance und Ernsthaftigkeit fließend sind, ist das urbane Pilatesstudio. Ein Kosmos, in den ich mich jüngst wagte, wohl wissend, dass ich mich damit auf ein sektenähnliches Terrain begeben würde. Um zur Personengruppe der urbanen Pilatespraktizierenden zu gehören, braucht es ein Set aus farblich abgestimmtem Top und Leggings – letztere im besten Fall mit Schlag. Dazu ein pastellfarbenes Paar Stoppersocken, im Pilates-Jargon „Grip Socks“ genannt. Falls man diese vergessen hat, kann man sie für ein kleines Vermögen direkt im Studio kaufen. Extrapunkte gibt es für einen Edelstahl-Trinkbecher mit integriertem Halm, der neben der Matte platziert wird. Selbstredend – und absolut performativ – zähle ich all diese Dinge inzwischen auch zu meinen Besitztümern. Ich will schließlich dazugehören!
Nicht selten beobachte ich andere Sportkurs-Teilnehmerinnen dabei, wie sie ein Foto des minimalistisch eingerichteten Studios machen. Wahlweise auf ihrer pastellfarbenen Matte oder vor der Monstera-Pflanze und dem organisch geformten Spiegel – Insignien einer elitären Pilates-Welt. Gestern beobachtete ich ein ganzes Fotoshooting. Zwei Freundinnen posierten und knipsten sich gegenseitig auf den Reformer-Pilates-Geräten.
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Dass das eigene Leben für das Internet kuratiert und inszeniert wird, ist natürlich nicht neu. Aber dieser Tage scheint es sich mehr denn je den Regeln des Internets zu beugen. Ob Hobbys, Job oder Einrichtung – das ganze Dasein wird im digitalen Zeitalter danach beurteilt, wie gut es auf Social Media aussieht.
Eine Entwicklung, von der man mitgerissen wird, sobald man sich ins Internet wagt – ob man will oder nicht. Auch wenn man selbst nichts postet, beeinflussen die Inhalte auf Instagram und Co., wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen – und wie sie gestaltet ist. Was ist noch wahrhaftig, wenn selbst Geburten dafür genutzt werden, Fitnessprodukte zu bewerben? Kein Witz: Der Influencer Christian Wolf drapierte kürzlich Produkte am Wochenbett seiner Frau, um Werbung zu machen. Erinnert an eine Folge „Black Mirror“, ist aber das wahre Leben im Jahr 2026.
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Schon Shakespeare und Goffman wussten: Wir alle spielen Theater
Die Wahrheit ist, die Grenzen sind längst aufgeweicht. Wer weiß dieser Tage schon noch genau, wer er oder sie ohne das Internet wäre? Ich kann mich jedenfalls nicht davon ausnehmen. Bestelle ich einen Espresso Martini, weil er schmeckt? Ja. Aber natürlich denke ich auch darüber nach, dass er hübsch auf Fotos aussieht. Genauso wie ich immer das schönere Buchcover wählen würde – selbst wenn es teurer ist. Wir sind also alle performativ – was im Übrigen nichts Neues ist. „Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Männer und Frauen bloße Spieler“, schrieb schon Shakespeare.
Später bezog sich Erving Goffman darauf, als er schrieb: „Wir alle spielen Theater.“ Im sozialen Raum – im Büro, im Restaurant – stehen wir auf der Bühne und performen. Der Backstage-Bereich ist der persönliche Rückzugsort: das eigene Zuhause. Doch mit dem Smartphone ist die Wand zwischen Bühne und Backstage längst eingerissen, wir blicken einander durch den „schwarzen Spiegel“ in die Wohnzimmer. Durch Social Media ist das ganze Leben zu einer fein kuratierten Performance geworden.
Es spielt fast keine Rolle, ob ich das Foto mache oder nicht
Zurück in mein Traumszenario: Ich sitze im Straßencafé, Buch in der Hand, Americano auf dem Tisch. Und ja, ich ertappe mich dabei, wie ich kurz überlege, ob das Licht gerade gut genug für ein Foto wäre. Die Wahrheit ist: Es spielt fast keine Rolle mehr, ob ich das Foto mache oder nicht.
Selbst der bewusste Verzicht auf das Foto ist inzwischen eine Geste – auch sie performt etwas, nämlich Authentizität. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Nicht die Performance ist das Problem, sondern die Illusion, man könnte sich ihr noch entziehen. Ich jedenfalls mache einfach das, was mir Freude bereitet. Manchmal ist das ein Foto, manchmal aber auch nicht.
