Russische Schriftstellerin Jegana Dschabbarowa: „Ich wurde gleichzeitig von mehreren Gruppen bedroht“
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Im Jahr 2024 ist Jegana Dschabbarowa aus Russland nach Hamburg geflohen, weil sie aufgrund ihrer politischen Ansichten um ihr Leben fürchten musste. Nun, ein Jahr später, hat sie mit ihrem Roman „Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt“ den Hamburger Literaturpreis gewonnen. Im Interview spricht sie über Ängste und traumatische Erfahrungen, von denen sie sich immer noch nicht vollständig erholt hat.
Frau Dschabbarowa, Sie sind 1992 in Jekaterinburg in Russland geboren, leben aber seit 2024 in Hamburg. Es stand zu lesen, dass Sie gezwungen waren, Russland zu verlassen – inwiefern?
Aufgrund meiner politischen Ansichten – insbesondere meiner Ablehnung des Krieges – und meines Engagements in feministischen und dekolonialen Projekten wurde es für mich zu gefährlich, in Russland zu bleiben. Irgendwann erhielt ich Morddrohungen, diverse Kriegsbefürworter versuchten, alle meine Konten zu hacken, und schließlich erstattete eine mir unbekannte internationale orthodoxe Organisation Anzeige gegen mich bei allen wichtigen russischen Sicherheitsbehörden. Anwälte und Menschenrechtsverteidiger, die mit meinem Fall vertraut waren, rieten mir dringend, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Hamburg war keine bewusste Entscheidung meinerseits; die Stadt hat gewissermaßen mich gewählt. Es war einfach der Ort, der mir mit meinem humanitären Visum zugewiesen wurde.
Man darf wohl annehmen, dass sich Ihr Leben seither stark verändert hat.
Ja, es war eine radikale Veränderung – eigentlich sogar mehrere auf einmal. Von zehn Monaten in einem Containerlager für Geflüchtete bis hin zum kompletten Erlernen der deutschen Sprache. Dank der Unterstützung der sozialen Organisation Abrigo haben wir endlich eine Wohnung gefunden, unsere Katze mit nach Hause genommen und versuchen nun, wieder ein Gefühl von Normalität zu entwickeln.
Was bestimmt nicht einfach sein dürfte.
Die Erfahrung der Obdachlosigkeit war zutiefst traumatisch, ebenso wie die Unfähigkeit, die Sprache zu sprechen. Die Sprachbarriere macht einen extrem verletzlich, fast wie ein Kind. Es fühlt sich an, als könnte man seine Gedanken nie wieder vollständig ausdrücken. Ich hoffe, dass ich mich in absehbarer Zeit beim Sprechen sicherer fühle und im Alltag auf Deutsch wechseln kann. Schließlich wünsche ich mir von Herzen, Arbeit zu finden und völlig unabhängig zu werden.
In Ihrem Buch beschreiben Sie an einer Stelle die Situation, als Ihre Mutter bemerkt, dass Sie Gedichte schreiben, und davon überrascht ist – darauf wäre sie wahrscheinlich nie gekommen. Wann haben Sie mit dem Schreiben........© Berliner Zeitung
