menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Berliner Radiolegende Rik De Lisle ist tot: Eine Stimme, die Ost und West verband

2 0
yesterday

Der US-amerikanische Radiomoderator Rik De Lisle ist im Alter von 79 Jahren in Berlin gestorben. Der gebürtige Amerikaner aus Milwaukee prägte über Jahrzehnte die Berliner Radiolandschaft und wurde mit seinem markanten Stil und seinem Slogan „Icke bin’s, der alte Ami“ zu einer Kultfigur. Seine Karriere begann beim Soldatensender AFN, der ihn Ende der 1970er-Jahre nach West-Berlin brachte. Dort entwickelte er sich schnell zu einer der bekanntesten Radiostimmen der Stadt.

Seit seiner Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der AFN Berlin (American Forces Network) die Mission, die amerikanischen Truppen und ihre Angehörigen über Nachrichten, Unterhaltung und Musik aus der Heimat auf dem Laufenden zu halten. Der Sender bot nicht nur eine willkommene Ablenkung vom Alltag der Soldaten, sondern schuf auch eine Verbindung zur Kultur und den Neuigkeiten aus der Heimat.

Die lockere amerikanische Art

Der Historiker und Kurator Bernd von Kostka vom Berliner Alliierten-Museum stellte anlässlich einer Ausstellung fest, dass die deutsche Hörerschaft bereits in den 1960er-Jahren für die amerikanischen, britischen und französischen Militärsender rund sechs Millionen betrug. Dabei dürfte das Sendegebiet der ehemaligen DDR mangels statistischer Daten nicht mit einbezogen sein. „Die Musik war der Schlüssel zu den Hörern“, sagt von Kostka. Zudem sah er die lockere Art der DJs im Gegensatz zur konservativen Art der deutschen Rundfunksender als Erfolgsfaktor.

Das Radio als Informationsmittel für die Massen: „Aus schläfriger Stumpfheit erweckt“

Rik De Lisle, eine Berliner Radio-Ikone unter dem Label „Der alte Ami“, hat den AFN von 1978 bis 1984 mitgeprägt. Er nannte in einem Interview die deutschen Zuhörer „Schattenpublikum“ des AFN. „Wir wussten auch nicht, dass viele Leute in der DDR mitgehört haben. Ehrlich gesagt, wir haben nicht an die deutschen Hörer gedacht, weil die Deutschen nicht unser Zielpublikum waren.“ Es war nicht so, dass GIs mit großer Begeisterung nach Deutschland kamen. Rik De Lisle sagt: „Die meisten wollten zurück nach Tennessee oder sonst wohin. Sie sollten AFN einschalten und das Gefühl bekommen, als seien sie in Tennessee“. Es war der Draht nach Hause und die Informationsquelle über alles, was in Berlin los war. Chef des AFN war der US-Stadtkommandant.

Rik De Lisle war vor seinem Dienst in Berlin bereits ein erfahrener Militär-DJ. Als er in die U.S. Air Force eintrat, begann er seinen Dienst in San Antonio, Texas. Es folgten zwölf Stationen in Alaska, Alabama, Thailand, Portugal und Ramstein, bevor er in Berlin ankam.

Als 1975 der Vietnamkrieg endete, war er in Thailand stationiert und bekam den Befehl, mehrere Radiostationen in Südostasien abzuwickeln. Der Job dauerte bis April 1976, und obwohl er lieber geblieben wäre oder auf die Philippinen gehen wollte, kam er über Ramstein nach Frankfurt am Main. Es war nicht sein Traumziel. US-Soldaten waren dort nicht sehr beliebt. Rik Delisle berichtet von Kneipen in Frankfurt-Sachsenhausen, die GIs nicht bedienen wollten. Dann hieß es, es gäbe eine Stelle in Berlin für ein Jahr. Er sagte zu und hoffte, danach in die Heimat zu kommen. Es kam anders. Er blieb in Berlin, wurde heimisch und machte dort bis vor kurzem täglich Radio.

Radio-eins-Moderator Johannes Paetzold: „Ohne kulturelle Aneignung gäbe es keinen Rock’n’Roll“

Der erste Tag bei AFN Berlin im Jahr 1978 war sofort ein großes Erlebnis für ihn. Auf dem Sendeplan von Rik De Lisle standen zwei Interviews. Das erste mit dem bis 1966 in der Zitadelle Spandau inhaftierten Kriegsverbrecher Albert Speer, der als Hitlers Architekt gilt und beim Propyläen-Verlag eine Buchpremiere feierte, und das zweite mit Mick Jagger von den Rolling Stones, die mit „Some Girls“ gerade ihr 14. Studioalbum herausgegeben hatten.

Rik De Lisle war von Anfang an fasziniert von der Stadt mit Vier-Mächte-Status und ohne Sperrstunde. „Ich war mittendrin in der Berliner Szene. Jede freie Minute war ich in der Underground-Musik-Szene unterwegs“, sagt De Lisle. US-Soldaten gehörten auch in Ost-Berlin zum Stadtbild. Sie wollten zeigen, dass sie als Alliierte präsent sind. „Wenn wir über Checkpoint Charlie nach Ost-Berlin einreisten, hatten wir sofort ein Auto der Stasi hinter uns. Sie folgten uns überallhin.“, erinnert sich De Lisle. „Keiner wollte mit uns in den blauen Uniformen reden. Ich kaufte Bücher, die in der DDR sehr, sehr preiswert waren, sowie Kleidung und Schuhe für meine drei Kinder.“

Für Rik De Lisle bleibt bei allen politischen und historischen Berlin-Dimensionen das Hauptthema die Musik. Durch seine Kontakte mit deutschen Musikmanagern und Persönlichkeiten wie dem Starfotografen Jim Rakete, der die Berliner Band Spliff und Nina Hagen promotete, brachte er beispielsweise Nena ins AFN-Musikprogramm. Sie trat im AFN-TV auf, bevor sie ins deutsche Fernsehen kam. Das war im Sommer 1982. Ein Jahr später kletterte Nena mit „99 Luftballons“ in den US-Charts auf Nummer drei.

Ende einer heiklen Beziehung: Wie es zu Anja Casparys Abgang bei Radio eins kam

Erst nach dem Mauerfall erfuhr Rik De Lisle wie beliebt AFN in Ost-Berlin gewesen ist. Er selbst war seit 1984 nicht mehr beim AFN. Nach 20 Jahren beim US-Militär ging er dort in „Rente“, wie er es selbst bezeichnete. Aber er wollte nun unbedingt in Berlin bleiben. Seine Kinder gingen hier zur Schule. Mit Jim Rakete ging er auf Spliff-Tour. „33 Shows in 30 Tagen. Das war mega“, sagte er. Die Sehnsucht nach dem Radio war größer. Man holte ihn zum Rias, gab ihm eine Nachtsendung. Die Kolleginnen dort waren alle viel jünger, und seitdem gilt der Claim „Der alte Ami“. Als am 10. November etwa 100 Ost-Berliner Jugendliche in sein Radiostudio strömten, bemerkte er die tatsächliche Wirkung des Radios im Kalten Krieg.

Der Feind kommt hier nicht rein

Gleich nach der Wende fuhr Rik De Lisle in die Nalepastraße nach Ost-Berlin, zeigte seinen Rias-Ausweis und wollte den Programmchef des Berliner Rundfunks sprechen. Es glaubte, es wäre eine Superidee, dort Radio zu machen. Der Volkspolizist im Wachhäuschen sagte allerdings: „Der Feind kommt hier nicht rein!“ Ironie der Geschichte. Rik De Lisle saß beim Berliner Rundfunk noch Jahrzehnte täglich am Mikrofon. Er moderierte dort bis zuletzt. Seine Sendungen zeichneten sich durch persönliche Geschichten, Musikexpertise und Nähe zum Publikum aus. Mit seinem Tod verliert Berlin eine prägende Medienpersönlichkeit, deren Stimme Generationen von Hörerinnen und Hörern begleitet hat und die eng mit der Geschichte Berlins und des Radios in Deutschland verbunden bleibt.


© Berliner Zeitung