Vergewaltigung in Neuköllner Jugendklub: Sozialarbeiter sind gegen Anzeige bei der Polizei
Eine 16-Jährige soll in einem Neuköllner Jugendklub vergewaltigt worden sein. Im Raum stehen Vertuschungsvorwürfe durch das Jugendamt Neukölln, das den Fall nicht bei der Polizei angezeigt hat. Jetzt melden sich Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zu Wort, die ebenfalls der Ansicht sind, dass eine Anzeige nicht viel gebracht hätte. Sie befürchten, dass der Fall rassistisch instrumentalisiert wird, weil die mutmaßlichen Täter aus arabischen Familien stammen.Die 16-Jährige aus einer kurdischstämmigen Familie soll im vergangenen November in dem Jugendzentrum an der Wutzkyallee vergewaltigt worden sein. Die mutmaßlichen Täter filmten die Tat und sollen das Mädchen erpresst haben, um dessen 14-jährige Schwester zu einem Treffen zu bewegen. Im Januar soll die 16-Jährige in dem vom Bezirksamt Neukölln betriebenen Jugendklub erneut sexuell belästigt worden sein. Bereits seit Anfang vorigen Jahres sollen Mädchen von sexuellen Übergriffen in dem Haus berichtet haben, wie nun bekannt wurde. Zur Anzeige gebracht wurden die Taten weder von der Klubleitung noch vom Jugendamt, das davon erfahren hatte. Das erledigte erst der Vater der 16-Jährigen am 23. Februar.
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Derweil sorgte eine bereits am 20. März veröffentlichte Stellungnahme des Mädchenschutzvereins Wildwasser für Empörung in sozialen Medien. Der vom Senat geförderte Verein setzt sich gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen ein und betreibt in Berlin Beratungsstellen. Die Verantwortlichen halten eine Strafanzeige nicht für sinnvoll. Und sie befürchten, dass der Fall rassistisch instrumentalisiert wird.
„Sexualisierte Gewalt ist kein kulturell bedingtes Phänomen“
In der Erklärung heißt es unter anderem: „Die häufig erhobene Forderung nach einer Strafanzeige greift aus Kinderschutzperspektive zu kurz. Strafverfahren dauern oft sehr lange und stellen für Betroffene eine erhebliche zusätzliche Belastung dar. Gleichzeitig liegt die Verurteilungsquote bei sexualisierter Gewalt in Berlin seit Jahren auf einem sehr niedrigen Niveau von unter fünf Prozent. Dies macht deutlich, dass eine Strafanzeige nicht dazu dient, eine lückenlose Aufklärung weder der Geschehnisse noch der damit verbundenen Verantwortlichkeiten zu gewährleisten.“
Weiter schreiben die Verantwortlichen: „Mit Sorge beobachten wir Versuche, den Vorfall rassistisch zu instrumentalisieren. Sexualisierte Gewalt ist kein kulturell bedingtes Phänomen, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Der kulturelle Hintergrund von Tatverdächtigen ist nicht ausschlaggebend für das Auftreten von sexualisierter Gewalt.“ Auf Instagram, wo die Erklärung ebenfalls veröffentlicht wurde, ist sie inzwischen nicht mehr aufrufbar, dafür auf der Webseite des Vereins.
In großen Teilen wort- und inhaltsgleich äußerte sich vor wenigen Tagen auch die „Berliner Fachrunde gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend“, in der neben Wildwasser fünf weitere Vereine sitzen, die Fachberatungsstellen zu sexualisierter Gewalt in Berlin betreiben. Auch sie argumentieren, warum Anzeigen nicht sinnvoll seien und dass der kulturelle Hintergrund von Tatverdächtigen nicht ausschlaggebend für das Auftreten von sexualisierter Gewalt sei.
Polizei wertet Handy mit dem Erpressungsvideo aus
In der Fachrunde sitzen die Vereine Strohhalm, Wildwasser, Hilfe für Jungs und Tauwetter sowie das vom Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk betriebene Projekt „Kind im Zentrum“.
Den Fall Wutzkyallee nehmen die sämtlich vom Land Berlin geförderten Vereine zum Anlass, mehr Geld zu fordern. In ihrer Erklärung heißt es: „Dringend erforderlich ist nun die Stärkung von Schutzkonzepten und präventiven Maßnahmen in Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit. Mitarbeitende müssen umfassend geschult werden, um eine Haltung zu entwickeln und Grenzverletzungen frühzeitig erkennen, angemessen reagieren und Betroffene professionell unterstützen zu können. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass in den vergangenen Jahren entsprechende Projekte reduziert, eingestellt oder zu spät finanziell unterstützt wurden und werden.“
Die Polizei hat das Handy beschlagnahmt, mit dem das Vergewaltigungsvideo gemacht worden sein soll. Es wird derzeit in der Kriminaltechnik ausgewertet. Die Ermittlungen führt das für Sexualdelikte zuständige Kommissariat im Landeskriminalamt. Polizei und Staatsanwaltschaft hüllen sich zu dem Fall in Schweigen. Die Berliner Staatsanwaltschaft verrät nicht einmal, gegen wie viele Personen Ermittlungsverfahren eingeleitet wurden – „zum Schutz der Ermittlungen“, wie ein Sprecher begründet.
