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Ukraine bietet Russland Waffenstillstand für Energieinfrastruktur an

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Die Ukraine hat Russland einen Waffenstillstand vorgeschlagen – allerdings keinen umfassenden, sondern einen, der allein die Energieinfrastruktur betrifft. Wolodymyr Selenskyj spitzt das Angebot auf eine Formel zu: Wenn Moskau aufhört, ukrainische Kraftwerke und Stromnetze anzugreifen, würde Kiew im Gegenzug seine Schläge gegen russische Öl- und Gasanlagen einstellen. Übersetzt heißt das: Wenn ihr aufhört, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören, lassen wir eure Einnahmequellen in Ruhe.

Was auf den ersten Blick wie ein begrenztes humanitäres Ansinnen wirkt, verweist tatsächlich auf eine tiefere Veränderung dieses Krieges. Energie ist längst mehr als eine bloße Versorgungsfrage. Sie ist zum Hebel geworden, mit dem sich militärische Verwundbarkeit in politischen Druck übersetzen lässt.

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Seit Beginn des Krieges in der Ukraine zielt Moskau systematisch auf die ukrainische Energieversorgung: Stromnetze, Umspannwerke, Heizkraftwerke. Hinter den Angriffen steht militärischen Expertenkreisen zufolge ein klares Kalkül: die zivile Versorgung destabilisieren, die Bevölkerung zermürben, politischen Druck auf Kiew erzeugen.

Doch Kiew hat darauf in den vergangenen Monaten mit einer eigenen Strategie reagiert. In Sicherheitskreisen ist von „kinetischen Sanktionen“ die Rede, also gezielten Angriffen mit Drohnen und Raketen auf russische Raffinerien, Ölterminals und Tanker-Infrastruktur. Anders als die westlichen Wirtschaftssanktionen, die über Embargos, Preisdeckel und Handelsströme wirken, greifen diese Angriffe direkt die physische Grundlage der russischen Exportwirtschaft an.

„Peinliches Versagen“ und maximale Verwundbarkeit

Russlands empfindlichste Stelle liegt dabei offen zutage. Die Volkswirtschaft hängt strukturell vom Energieexport ab, Öl und Gas stehen für mehr als 60 Prozent der Exporterlöse und speisen einen erheblichen Teil des Staatshaushalts. Zugleich konzentriert sich die gesamte Exportinfrastruktur auf wenige zentrale Knotenpunkte nahe Sankt Petersburg.

Die Ostsee-Terminals Ust-Luga und Primorsk schlagen zusammen rund 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag um. Die Raffinerie in Kirischi, ebenfalls unweit der ehemaligen Zarenhauptstadt, verarbeitet täglich etwa 350.000 Barrel – rund 6,6 Prozent der gesamten russischen Raffineriekapazität.

Gerade diese Konzentration verleiht ukrainischen Angriffen eine überproportionale Wirkung. Wird ein einzelner Knotenpunkt getroffen, gerät nicht nur eine Anlage unter Druck, sondern ein System, das auf permanenten Durchfluss angewiesen ist. Reuters-Analysen zufolge fielen bei einer Angriffswelle im März zeitweise rund 40 Prozent der gesamten russischen Ölexportkapazität aus. Weitere Schläge auf Tanks und Pipelines in den Raffinerien von Rjasan, Jaroslawl und im Moskauer Umland bedrohten laut Reuters zusätzlich bis zu 400.000 Barrel pro Tag.

Dass ukrainische Drohnen dabei russische Verteidigungslinien über Hunderte Kilometer hinweg durchdringen konnten – von Brjansk über Smolensk und Pskow bis an die Ostsee –, legt die Verwundbarkeit der russischen Luftabwehr offen. In militärischen Fachkreisen gilt der Angriff auf Ust-Luga als „peinliches Versagen der Verteidigung“. Für Selenskyjs strategische Verhandlungsposition ist das von doppeltem Wert: Die Ukraine kann glaubwürdig mit weiterer Eskalation drohen und gleichzeitig Deeskalation anbieten.

Asymmetrie: Moskau trifft Haushalte, Kiew den Haushalt

Entscheidend ist die Asymmetrie dieses Schlagabtauschs. Russland nimmt vor allem jene ukrainische Energieinfrastruktur ins Visier, von der die zivile Versorgung unmittelbar abhängt. Die Folgen spüren Haushalte: Stromausfälle, Heizungsprobleme, ein prekärer Alltag.

Die Ukraine zielt demgegenüber auf russische Exportinfrastruktur, also auf die Einnahmebasis des Staates. Moskau will die Moral der Bevölkerung brechen, Kiew die wichtigsten Einnahmequellen des russischen Staatshaushalts treffen.

Diese Rechnung gewinnt zusätzlich an Schärfe, wenn man die russische Haushaltsplanung betrachtet. Kalkuliert wird dort mit einem Ölpreis von 59 Dollar pro Barrel. Bei aktuellen Preisen um die 100 Dollar bedeutet das zwar zusätzliche Erlöse von rund 50 Milliarden Dollar pro Jahr. Aber nur, solange die Exportkapazitäten intakt bleiben. Wo kein Öl abfließen kann, gibt es auch kein Geschäft.

Hormus-Blockade als Brandbeschleuniger

Mit der iranischen Blockade der Straße von Hormus kommt eine zweite Dimension hinzu, die den Vorschlag in einen größeren geopolitischen Interessensrahmen rückt. Rund ein Fünftel des globalen Ölhandels passiert diese Meerenge zwischen Iran und der Arabischen Halbinsel. Jede Störung dort treibt Preise, verschärft die Inflation und erhöht den Druck auf energieabhängige Volkswirtschaften, nicht zuletzt auf Europa, das über 20 Prozent seines Energiehandelsvolumens über diese Route bezieht.

Paradoxerweise steigt damit eigentlich zunächst auch Russlands Gewicht. Höhere Weltmarktpreise können Moskaus Einnahmen kurzfristig selbst dann erhöhen, wenn die exportierten Mengen sinken. Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer rechnet vor, dass Russland durch die Hormus-bedingten Preissteigerungen über zehn Milliarden Euro zusätzliche Exporteinnahmen pro Monat erzielen könnte. Theoretisch.

Hier setzt die ukrainische Logik an. Wenn Russland von Preissteigerungen profitiert, wird die physische Unterbrechung seiner Exportkapazitäten zum entscheidenden Gegenmittel. Kiew will den globalen Preisschock nicht einfach hinnehmen, sondern ihn für Moskau in einen Einnahmeschock verwandeln.

Selenskyj verwies in diesem Zusammenhang auch auf die ukrainischen Erfahrungen mit dem Schwarzmeer-Korridor, also mit Verfahren, die Handelsschifffahrt trotz militärischer Bedrohung aufrechtzuerhalten. Ähnliche Methoden ließen sich auf die Situation im Persischen Golf übertragen, so der ukrainische Präsident.

Vom Sicherheitsproblem zum Energierisiko

Damit verschiebt sich auch die europäische Wahrnehmung des Krieges. Lange wurde Russlands Angriff vor allem als sicherheitspolitische Herausforderung verstanden. Inzwischen zeigt sich jedoch immer deutlicher, dass der Konflikt auch ein energiepolitisches Risiko darstellt.

Zwar erfasst das Sanktionsregime inzwischen rund 90 Prozent der EU-Ölimporte aus Russland. Russlands Anteil an den EU-Importen von Petroleumöl fiel damit von 29 Prozent Anfang 2021 auf ein Prozent Ende 2025. Gleichwohl bleibt ein stabiler globaler Energiefluss für Europa wirtschaftlich zentral.

Mit steigenden Preisen geraten daher nicht nur die Kosten, sondern auch die tatsächlich verfügbaren und zusätzlich mobilisierbaren Mengen auf den Weltmärkten in den Blick. Russisches Öl gelangte zudem lange über Drittstaaten indirekt weiter nach Europa.

Genau diese Lücke versucht die EU inzwischen zu schließen. Seit dem 21. Januar 2026 ist auch die Einfuhr von in Drittstaaten aus russischem Rohöl hergestellten raffinierten Produkten untersagt.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein auf Energieinfrastruktur begrenzter Waffenstillstand nicht nur als humanitäre Maßnahme zugunsten der ukrainischen Zivilbevölkerung. Er wäre zugleich ein Beitrag zur Stabilisierung der internationalen Energiemärkte.

Genau deshalb richtet sich Kiew mit diesem Vorschlag nicht direkt an Moskau, sondern vermittelt über die USA. Das Angebot ist militärisch motiviert, aber politisch so formuliert, dass es auch westliche Interessen anspricht.

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Verwundbarkeit als Verhandlungsmasse

Erstmals gelingt es der Ukraine, ihre eigene Verwundbarkeit in strategische Gegenseitigkeit zu übersetzen. Nicht mehr allein die einseitige Zerstörung bestimmt das Kalkül, sondern die Aussicht auf wechselseitigen Schaden. Kiew signalisiert: Wir können euch empfindlich treffen – und genau deshalb können wir anbieten, darauf zu verzichten.

Ob Russland auf den Vorschlag eingeht, bleibt offen. Aus Moskau liegt bislang keine Reaktion vor.


© Berliner Zeitung