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Gelobt sei die Durchschnittlichkeit

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Gelobt sei die Durchschnittlichkeit

Stand: 29.04.2026, 16:26 Uhr

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Das Mittelmaß bietet Geborgenheit und schützt vor politischen Zumutungen.

Viele Menschen sind ja besessen von Exzellenz. Sie möchten herausstechen, besonders sein – oder wenigstens anders. Für den Beruf braucht es sie auch, die Exzellenz, die einmaligen Qualifikationen, die niemand sonst hat.

Ich hingegen strebe buchstäblich nach Durchschnittlichkeit. In gewisser Weise verkörpere ich sogar den Durchschnitt: Nicht nur bin ich exakt so alt wie der Durchschnittsdeutsche (44,9 Jahre), sondern auch exakt so groß (1,79 Meter). Ich bin leicht übergewichtig (so wie der Bundesdurchschnitt), und ähnlich wie 66 Prozent aller Männer schätze ich meine Gesundheit als „gut” bis „sehr gut” ein, auch, weil ich viele Symptome mit großer Tapferkeit ignoriere. Zudem habe ich eine ziemlich durchschnittliche politische Meinung (alles nicht so gut grade) und verbringe die amtlich vorgeschriebenen 613 Minuten am Tag sitzend.  

Aber auch dort, wo ich noch abweiche, versuche ich, mich der Durchschnittlichkeit anzunähern. Der Durchschnitt bietet Schutz und Geborgenheit, ähnlich wie eine Viehherde: Das Gnu, das mittendrin steht, wird mit weniger Wahrscheinlichkeit vom Säbelzahntiger erdolcht. Die Durchschnittlichkeit bietet auch eine Befreiung von unzumutbaren Erwartungen: Wer von mir mehr als den Durchschnitt erwartet – egal, bei welchem Thema! – , wird enttäuscht werden!

Durchschnitt liegt außerdem im Trend: Künstliche Intelligenz ist eine riesige Durchschnittsmaschine, kann auf jede Frage die Antwort finden, die das Internet durchschnittlich gibt – und wann immer die Leute auf die Ratschläge der Chatbots hören, speisen sie diese Durchschnittlichkeit wieder zurück ins System. Ein sich selbst bestätigender Kreislauf, ohne jeden Nachteil. Die Zukunft wird durchschnittlich!

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe nichts gegen Exzellenz, einige meiner besten Freund:innen sind exzellent. Schließlich haben wir Durchschnittlichen auch etwas von den Exzellenten. Zum Beispiel heben sie den Durchschnitt! Überall dort, wo Exzellenz am Werk ist, steigen messbar alle relevanten Durchschnittswerte! Und nicht zuletzt: Irgendwer muss ja auch mal aus der Herde heraustreten, schauen, ob der Säbelzahntiger noch da ist. Und wer sollte das tun, wenn nicht die Menschen, die einfach besser sind, besser im Gucken, Weglaufen oder Sichzerfleischenlassen.

Durchschnittlichkeit schützt auch vor politischen Zumutungen. Gerade ist es wichtig, durchschnittlich gesund zu sein. Denn die Regierung Merz-Klingbeil würde gerne kranken Leuten das Geld wegnehmen, um es ihren Freunden bei der Ölindustrie zu geben. Die machen zwar gerade einen absolut überdurchschnittlichen Reibach, es ist aber leider immer noch nicht genug. Für mich als durchschnittlich gesunden Menschen, der sein Geld gerne anderswo sähe als bei der Ölindustrie, ist das ein Auftrag: nicht krank, bedürftig oder alt werden! Ich werde beispielsweise versuchen, möglichst lange 44,9 Jahre zu bleiben, um der Ölindustrie nicht zur Last zu fallen.

Das ist auch insgesamt mein Ziel: So gewöhnlich bleiben, dass mich die Geschichte einfach übersieht. Denn in Zeiten wie diesen ist es das größte Privileg, schlichtweg nicht der Rede wert zu sein. In diesem Sinne: Machen Sie es gut, aber bloß nicht zu gut!


© Frankfurter Rundschau