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Eigene Bedürfnisse sind kein Störfaktor

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23.04.2026

Eigene Bedürfnisse sind kein Störfaktor

Stand: 22.04.2026, 17:15 Uhr

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Nörgeln und pingelig sein, ist gelebte antikapitalistische Praxis.

Was ist eigentlich mit den guten alten Ansprüchen passiert? Ich kenne niemanden mehr, der noch welche hat. Alles muss schnell gehen, unkompliziert, bitte keine Extrawünsche – die halten doch nur den Betrieb auf. Erst kürzlich wurde ich Zeuge, wie sich die Kundin eines Restaurants tatsächlich einmal nach den Allergenen und Inhaltsstoffen eines Gerichts erkundigte – also genauso, wie das in den Speisenkarten immer nahegelegt wird. Ein allgemeines Augenrollen kullerte durch den Raum wie bleischwere Billardkugeln.

Ansprüche zu haben, sich nicht auf den Standard zu verlassen, nachzufragen – das alles ist als arrogant und pedantisch markiert. In Gestalt der Witzfigur „Karen“, einer prototypischen weißen US-Konsumentin, die bei jeder Beschwerde den Vorgesetzten sprechen möchte, hat das auch noch eine misogyne Projektionsfläche gefunden. Coole Leute beschweren sich nämlich nicht!

Ein Freund aus Japan erzählt, wie sehr ihn in deutschen Bäckereien ekle, dass dieselbe Hand, die das Wechselgeld abzählt, Sekunden später das Körnerbrötchen greift. Und zwar nicht versehentlich, sondern systemisch. Klar, das kann man heikel oder überempfindlich nennen. Ist doch nicht so schlimm. Unser Immunsystem ist stark, wir sind ja nicht aus Zucker. Aber Hand aufs Brötchen: Wären da Handschuhe oder eine Zange nicht doch einen Ticken schöner? Weil es ja doch auch irgendwie eklig ist?

Doch wir schlucken den Ekel runter wie ein zu trockenes Croissant. Mit dem stillen Heldentum des coolen Konformismus. Wem nützt es überhaupt, dass wir alle immer so herrlich unkompliziert, unheikel und antipetete sind? Offiziell der Serviceperson, der wir ja keine Umstände machen wollen. Und wir wollen auch nicht die sein, die den Laden aufhalten, während hinter uns schon der nächste Autoschlüssel klimpert.

Aber seien wir ehrlich: Es ist eine Frage der Arbeitsorganisation. Und damit eine Frage des Profits. Jedes nicht reklamierte Brötchen, jede als „Flexibilität“ getarnte Schlamperei ist Profit; Profit, der nie mehr zu uns wiederkehrt. Und wenn wir dann auch noch so tun, als fänden wir das vollkommen in Ordnung, dann ist das kein Sozialverhalten mehr, sondern Ideologie.

In Wahrheit ist jedes gemurmelte „Alles gut“, „Passt schon“, „Macht nix“ eine kleine Selbstaufgabe. Wir werden erzogen, unsere eigenen Bedürfnisse als Störfaktor zu empfinden. Dabei ist das doch das Einzige, was der Kapitalismus zu bieten hat: Drückt euch aus! Seid besonders! Kauft den Joghurt, der euren Namen trägt! Aber bitte fragt nicht nach seinen Lieferketten.

Und dann ist da noch KI. Sie macht das „Passt schon“ zum Prinzip der Wissensorganisation selbst. Wir lassen uns per Prompt informieren oder Briefe schreiben – und wissen im selben Moment, dass das Ergebnis zu sechzig Prozent Müll sein wird. Halluzinierte Fakten, hohle Textbausteine aus der zehnten Reihe des Internets. Aber wir nehmen es trotzdem. Weil es ja schnell geht. Also akzeptieren wir die KI-Halluzination als gut genug. Statt zu fragen, ob es für diesen Scheiß wirklich zehn neue Kraftwerke und einen halben Stausee an Wasser braucht.

Nein: Karen macht es richtig. Nörgeln und pingelig sein, ist gelebte antikapitalistische Praxis. Völker, hört die Signale – und lasst euch mit dem Vorgesetzten verbinden!

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