Und wäre das Menschliche nicht …
Ich habe schon einmal in dieser Reihe über einen von mir sehr geschätzten Podcast gesprochen, der über chinesische Philosophie geht: „This Is the Way“ mit Justin Tiwald und Richard Kim. Jede einzelne Episode ist derart inspirierend, dass ich kaum eine Folge weiter bin und schon wieder darüber sprechen möchte.
Parallelwelten China und Europa
Die chinesische Philosophietradition kennt ähnliche historische Entwicklungen wie die europäische und interessanterweise hat eine der einflussreichsten Figuren ungefähr zur selben Zeit gelebt wie „unser“ Sokrates, im 6.-5. Jahrhundert v. Ch: Kongzi, oder wie wir ihn kennen: Konfuzius. Und eine ebensolche Parallele tut sich auf, wenn wir den Neo-Konfuzianismus im 11.-12. Jahrhundert „unserem“ Thomas von Aquin (ein bisschen später: 13. Jahrhundert) beistellen können. Beide haben sich auf eine reiche Tradition, die weit zurück ihren Ursprung hat, bezogen und diese systematisiert und mit einer Aktualisierung, Bereicherung und Präzisierung in die Mitte des Denkens versetzt.
Die antike, platonisch und aristotelisch (eigentlich verweisen beide auf Sokrates) geprägte Vorstellung von den Tugenden kennt eine Vierfaltigkeit der Kardinaltugenden, die allen anderen Tugenden vorstehen: Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Der Weisheit maßt der platonische Sokrates die Überlegenheit und den Ursprung der anderen drei Kardinaltugenden zu, denn nur das Wissen und das Vermögen mit diesem Wissen auch Erkenntnis zu haben, ermöglicht es, wahrhaftig gerecht, tapfer und gemäßigt zu sein. Gut kann jemand eigentlich nur sein, wenn er die Weisheit besitzt, das Gute zu erkennen, und anzustreben.
Der Scholastiker Thomas über eineinhalb Jahrtausende später begründet und beleuchtet diese Hierarchie noch einmal neu, mit dem Blick auf das Göttliche, die Weisheit selbst als Erkenntnis des Guten oder Richtigen ist weiterhin Nummer eins vor den anderen dreien. Aber die heidnische Quelle (Platon) ist eben für dieses Resultat nicht ausreichend, sie wäre doch nur allzu irdisch, allzu menschlich. Der göttliche Aspekt gesellt sich als eine Trias ergänzend dazu, diesmal aus der christlichen Schrift.
Wer schon auf Hochzeiten war, die im kirchlichen Rahmen abgehalten wurden, wird unweigerlich auf diesen Teil aus den Briefen des Neuen Testaments der Bibel gestoßen sein, über „Glaube, Liebe, Hoffnung“ und „doch am größten unter ihnen ist die Liebe“. Dieser Passus, der erste Brief des Paulus an die Korinther, im Kapitel 13 ist eine leidenschaftliche und erhebende Stelle, in welchen die Liebe gefeiert, und ihr Eigenschaften zu- und abgesprochen werden. So spricht man auch vom „Hohelied der Liebe“.
Paulus schreibt da an die Gemeinde in Korinth, nachdem es dort Streitigkeiten gab, vor allem auch um das Auftreten einiger Mitglieder. Er ermahnt, er spricht konkrete Unfeinheiten an, er gibt Ratschläge. Eines der Probleme, um deren Lösung man ihn vorher gebeten hatte, ist der Umgang mit Charismatikern,........
