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Vor verschlossenen Toren: Der Görlitzer Park hat seine Problemzone ausgeweitet

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24.03.2026

Es ist ein ungewohntes Bild für Kreuzberg: Wo früher die Nacht zum Tag gemacht wurde, hängen jetzt massive Vorhängeschlösser. Seit dem 1. März ist das Ende der grenzenlosen Freiheit im Görlitzer Park in Kreuzberg offiziell besiegelt.

Pünktlich zur Sperrstunde riegelt ein privater Sicherheitsdienst die 16 neuen Tore ab. Die Idee hinter der nächtlichen Absperrung war verlockend einfach: Werden die Tore geschlossen, wandert die Kriminalität aus dem Park ab. Wohin genau, das lässt sich nun in den Seitenstraßen beobachten. Denn jetzt, wo die Barrikaden tatsächlich stehen, geht es nicht mehr um Prognosen, sondern um erste Beobachtungen.

Die neue Zeitrechnung im Görlitzer Park

Die Debatte darüber, ob der Görlitzer Park nachts geschlossen werden soll, ist alles andere als neu. Über Jahre hinweg gab es Auseinandersetzungen: Politische Forderungen trafen auf lautstarken Widerstand, Senatsbeschlüsse auf Gegendemos. Zwischen dem Ruf nach Ordnung und der Sorge vor Verdrängung blieb die Frage nach der richtigen Strategie für diesen Brennpunkt bis zuletzt eines der am heftigsten diskutierten Themen der Stadt.Hinter dieser Maßnahme steht großer politischer Handlungsdruck. Der Görlitzer Park gilt seit Jahren als Berlins Kriminalitätsschwerpunkt Nummer eins. Der Fokus der polizeilichen Arbeit liegt hier vor allem auf dem weitverzweigten Drogenhandel, gefolgt von Diebstählen und Gewaltkriminalität. Mit der nächtlichen Sperrung will der schwarz-rote Senat in Berlin den Akteuren den Rückzugsraum entziehen und die Sicherheit für die Anwohner erhöhen – zumindest in der Theorie.

Die konkrete Umsetzung sieht vor, dass die Parknutzung an die Jahreszeiten gekoppelt wird. In der dunklen Jahreshälfte, von November bis März, werden die Tore des Parks bereits um 22 Uhr verriegelt. Mit Beginn der Sommersaison verschiebt sich die Sperrstunde auf 23 Uhr. Erst mit dem Morgengrauen, Punkt 6 Uhr, wird das Gelände wieder für die Allgemeinheit freigegeben. „Die Berlinerinnen und Berliner haben ein Recht darauf, sich in Berlin angstfrei zu bewegen und ihren Park sicher nutzen zu können“, betonte der Regierende Bürgermeister Kai Wegner. Es ist ein Satz, der wie ein Schutzschild über der Maßnahme schwebt. Doch die Frage, die sich nun im Kiez stellt, lautet: Gilt dieses Recht nur für das Innere des Parks zwischen Sonnenaufgang und Sperrstunde – oder endet es pünktlich an der verschlossenen Pforte?

Vor der Parkmauer: Warum die Angst jetzt näher rückt

Der neue Zaun steht auf rechtlich wackligem Boden. Während die statistische Kurve der Straftaten innerhalb des Zauns durch die nächtliche Leere zwangsläufig nach unten zeigen wird, hat sich das Sicherheitsgefühl aus Sicht der Anwohner keineswegs verbessert. Im Gegenteil: Die versprochene Angstfreiheit scheint derzeit an der Parkmauer zu enden. Wer jetzt nach Einbruch der Dunkelheit, so gegen 22 Uhr, in den angrenzenden Straßen unterwegs ist, der erlebt Angst in einer neuen Intensität. Wo sie sich früher auf den Park beschränkte, hat sie nun auch die Umgebung fest im Griff: Der Zaun hat das Problem laut Anwohnern nicht gelöst, er hat es lediglich vom Rasen auf den Asphalt verschoben.

Anwohner berichten, dass Bushaltestellen nachts oft voll besetzt sind – natürlich selten von Fahrgästen. Alle paar Meter bilden sich kleine Gruppen auf der Straße. Die umliegenden Bars erleben einen Zulauf, der die Kapazitäten der Kiezkultur übersteigt, und auch die Hinterhöfe werden nachts häufiger zu Rückzugsorten.Das Problem wird dort größer, wo der öffentliche Raum auf das Private trifft. Viele Anwohner beschreiben, dass die Angst oder die Unsicherheit jetzt direkt an der eigenen Haustür beginnt. In den Eingängen, Fluren oder Treppenhäusern rund um das Parkgelände finden sich vermehrt Spuren: Utensilien für den Drogenkonsum wie Alufolienreste oder Verpackungen landen immer öfter dort, wo sich morgens Kinder auf den Weg zur Schule machen.

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Eine Anfrage an die Berliner Polizei, ob die Behörde die Wahrnehmungen der Nachbarschaft teilt, blieb bislang unbeantwortet. Eine Stellungnahme wurde zwar in Aussicht gestellt, steht zum jetzigen Zeitpunkt aber noch aus.

Am Görlitzer Park zeigt sich einmal mehr, dass Berlin sich schwertut mit echten Lösungen. Vorerst müssen sich Nachbarschaft, Besucher und Politik wohl damit arrangieren, dass der Görli auch mit Sperrstunde genau das bleibt, was er schon immer war: Berlins schwierigstes Pflaster.


© Berliner Zeitung