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Male Privilege: Der Vorteil, den Mann einfach hat

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24.03.2026

Erik ist es gewohnt, dass die Leute seinen Brotjob als „schönes Hobby“ abtun – das übliche Schicksal eines freischaffenden Comiczeichners, könnte man meinen. Doch das wäre in diesem Fall ein voreiliger Schluss. Erik ist trans. 2019 passt er seinen Personenstandseintrags zu „männlich“ an und ändert im Zuge dessen auch seinen Vornamen.

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Seitdem fallen die Kommentare über seinen Beruf anders aus: „Ab dem Moment, wo ich mich als Erik vorgestellt habe, war die Frage, ob ich das überhaupt professionell mache oder nicht, nicht mehr da. Plötzlich war es viel einfacher, dass mir geglaubt wird, dass ich das kann und nicht nur als Hobby mache“. Dass er von seiner Umwelt erst als Mann wahrgenommen werden musste, um als Künstler ernst genommen zu werden, ärgert ihn, „weil ich weiß ja, was ich kann und was ich nicht kann. Das war vorher so, das ist jetzt so, das bin immer noch ich“.

Festgefahrene Vorstellungen

„Ein eindrückliches Beispiel für männliche Privilegien“ – so nennt Erich Lehner, Männerforscher, Psychotherapeut und Obmann des Dachverbands Österreichischer Männerarbeit (DMÖ), Eriks Geschichte im Gespräch mit der WZ. Er meint damit Vorteile, die in patriarchalen Gesellschaften automatisch mit dem Mann-Sein einhergehen. Dass Erik plötzlich für professioneller gehalten wird, habe damit zu tun, dass Männlichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung mit Vernunft, Kompetenz und Beruf in Verbindung gebracht werde. Weiblichkeit dagegen mit Gefühl, Privatheit und Pflege.

Diese und ähnliche stereotype Vorstellungen über die Geschlechter würden sich im Alltag durchschreiben. Sie bestimmen, „wie man auf jemanden schaut, wo Vertrauen ist, wem man etwas zutraut“ – oder in Eriks Fall: wen man eher als professionellen Künstler wahrnimmt und wen als Hobby-Zeichnerin. Neben dem Chancen-Ungleichgewicht, das derartige Zuschreibungen bergen, bemerkt Erik auch einen veränderten Umgang in vermeintlich belanglosen Alltagssituationen.

Sag mir dein Geschlecht und ich sage dir, wie kompetent du bist

Zum Beispiel beim Autofahren. Den Führerschein macht Erik schon mit 17. Er fährt viel, und weil er selten Alkohol trinkt, wird er irgendwann „zum designierten Fahrer für alle“. Er erinnert sich an die erste Familienfeier nach seiner Transition. Es ist Winter, die Straßenverhältnisse nicht ideal. Wie immer fährt er. Und wie immer bei Schlechtwetter rechnet er mit (durchaus lieb gemeinten) Warnungen aus der Verwandtschaftsrunde – so etwas wie: „Es ist aber Schnee draußen, Vorsicht!“ und „geht das überhaupt?“. Oder zumindest damit, dass ihn irgendwer aus der Parklücke rauswinkt. Doch weder bei dieser noch bei darauffolgenden Familienfeiern oder Urlaubsfahrten mit Freunden wird gewachelt oder sich gesorgt: „Es ist einfach weg, es passiert mir nicht mehr. Ich höre einfach nichts mehr, kein Kommentar über mein Autofahren“.

Eine unerwartete Stille erlebt auch Simon, seit er von seiner Umwelt als Mann wahrgenommen wird. Es ist die Stille, sobald er spricht. Am Anfang, so erzählt der heute 27-Jährige, hätte er sich mit dieser neu gewonnenen Aufmerksamkeit sogar ein bisschen schwergetan. „Es war dann manchmal so, dass ich Sätze gar nicht zu Ende gedacht habe, weil ich es so gewohnt war, dass mich irgendwer unterbrechen wird. Und dann steht man plötzlich im halben Satz da und denkt sich‚ die hören jetzt noch immer alle zu, und niemand sagt irgendwas?‘“. Besonders, wenn er sich damals bei Uni-Veranstaltungen zu Wort meldete, fiel ihm auf, „dass die Leute, und ich glaube gar nicht absichtlich, einfach leise sind und zuhören, und man wird ernster genommen“.

Ernster genommen zu werden als früher, ist eine Erfahrung, die alle Gesprächspartner in dieser Geschichte teilen. Für voll genommen zu werden, etwas zugetraut zu bekommen und dementsprechend behandelt zu werden, all das bringt ihre männliche Außenwirkung für sie mit – ob im akademischen Bereich, im Beruf oder im Alltag.

Verzerrte Wahrnehmung durch Geschlechterschieflage

Wenn dieselben Verhaltensweisen und Eigenschaften je nach Geschlecht unterschiedlich bewertet werden, wird das in der Wissenschaft „Gender Bias“ genannt. „Bias“ bedeutet so viel wie „Verzerrung“, und „Gender“ steht für das sozial wahrgenommene oder zugeschriebene Geschlecht. Gender Bias ist also eine Art unbewusster Urteilsfehler, der über Schubladendenken und geschlechtsbezogene Vorurteile entsteht. Was Simon im Hörsaal und Erik beim Autofahren erleben, ist, kurz gesagt, ein Phänomen, bei dem Geschlechterstereotype den Blick auf Personen und Situationen verzerren.

Was diesen Blick formt und warum er gerade für männlich gelesene Personen Vorteile bringt, muss im Kontext unserer gesellschaftlichen Geschlechterordnung insgesamt verstanden werden. Im WZ-Interview beschreibt Anna Babka, Genderforscherin und Professorin an der Universität Wien, das Verhältnis zwischen Mann und Frau als ein historisch gewachsenes Machtungleichgewicht, das bis heute unsere politischen Strukturen und unser Denken und Handeln prägt. Und das trotz diverser Meilensteine der Frauenrechtsbewegung.

Befasse man sich von diesem Wissensstand aus mit männlichen Privilegien, bedeute das nicht, „dass man männliches Leid leugnet oder die ganzen Ungerechtigkeiten, die natürlich auch Männern passieren, kleinredet“, so die Expertin. Es bedeute aber eine Verantwortung, gerade vonseiten der Männer, „sich der eigenen Position in diesem Geflecht von gesellschaftlicher Macht bewusst zu werden“.

Wer hält Frauen die Karrieretür auf?

Auch Kian kannte männliche Privilegien vor seiner Transition nur aus der Theorie. „Aber wie sich das anfühlt, kann dir ja niemand sagen. Wie du automatisch, wenn du einen Raum betrittst, irgendwie als kompetent wahrgenommen wirst“. Kian Kaiser aka „Der Kuseng“ ist Kabarettist, Autor und Moderator. 2025 gewann er den Österreichischen Kabarettförderpreis. Wie in der Szene mit ihm umgegangen wird, sieht auch er in einem unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Männlichkeit: „dass auf einmal andere Männer, die in der Branche tätig sind, auf mich zukommen, mir Tipps geben, mir sagen, mach das, mach jenes und ‚kennst du den schon?‘. Generell würde Netzwerken unter Männern „wie selbstverständlich“ ablaufen: „Du musst einfach nur in einem Raum sein und ein anderer Mann muss dich sehen“. Dass ein derartiges An-Der-Hand-Genommen-Werden für seine Kolleginnen viel seltener passiert, findet Kian erschreckend.

Wer sich mit seinen Privilegien auseinandersetzt, müsse den Mythos der Leistungsgesellschaft aufgeben, wonach Chancen und Erfolge nur auf individueller Anstrengung beruhen. Das schreibt die US-amerikanische Wissenschaftlerin und Aktivistin Peggy McIntosh schon 1989 in ihrem berühmt gewordenen Essay „White Privilege and Male Privilege“.

Dabei würden von einem Abbau männlicher Privilegien am Ende alle profitieren, sind sich DMÖ-Obmann Lehner und Genderexpertin Babka einig. Für Männer würde der Druck sinken, starren Rollenbildern nachzukommen. „Du giltst als groß und stark, aber du musst es auch sein“, so Lehner. Das habe im gesamtgesellschaftlichen Kontext zwar keine diskriminierenden Effekte für Männer, schlage sich aber in einer riskanteren Lebensweise und anderen Gesundheitsrisiken wie Depressionen nieder. Man spricht dabei von den sogenannten „Kosten der Männlichkeit“.

Fürsorge und Empathie statt tradierter Männlichkeit

Was also tun, um diesen unfairen Privilegien entgegenzuwirken? Auf individueller Ebene müsse ein partnerschaftliches Miteinander, unabhängig vom Geschlecht, angestrebt werden, sagt Lehner. Seine Devise: „Reflektieren, reflektieren, reflektieren und aufteilen, aufteilen, aufteilen“. Im Zusammenleben von Mann und Frau ginge das los bei der Care-Arbeit, einem zentralen Träger männlicher Privilegien, „bis hin zum Auftreten als Paar. Lasse ich meine Frau reden oder nicht?“ bis hin zu den „Goodies“ im Familienalltag: „Ist es ausgehandelt, dass ein Vater jede Woche ins Fitnessstudio geht oder einfach Privileg?“.

Dafür brauche es einerseits mehr Bewusstseinsbildung. Von der frühkindlichen bis zur Hochschuledukation müsse feministisches Basiswissen fixer Bestandteil des Lehrplans sein, so Babka. Andererseits brauche es alternative Männlichkeitsbilder. „Caring masculinity“, also „fürsorgliche Männlichkeit“, ist ein Konzept, das Lehner in seiner Arbeit mit Männern und Burschen entwickelt hat. Es soll wegführen von männlichem Konkurrenzdenken und dem Gefühl, sich durchsetzen und funktionieren zu müssen. Stattdessen wird eine empathische Männlichkeit angestrebt, die versucht, „partnerschaftlich auf andere einzugehen und sie als Personen ernst zu nehmen“.

Dass politische Gleichstellungsmaßnahmen bisher nur wenig bei Männern ansetzen, hält Lehner für ein Versäumnis: „Wenn ich etwas verändern möchte, muss ich Frauen stärken und Männlichkeiten verändern“. Auf staatlicher Ebene durch Gesetze und Regelungen und eine Stufe darunter über die Institutionen, die diese Vorgaben auch tatsächlich umsetzen. Großen Reformbedarf sehen die Expert:innen etwa beim Karenz- und Elternrecht. Nach wie vor bleiben die Erwerbsverläufe von Männern weitgehend unberührt von der Familienplanung. Frauen hingegen würden systematisch in die Teilzeit gedrängt, so Babka - Einbußen bei Karriere, Pension und finanzieller Unabhängigkeit inklusive.

Bei all dem unverzichtbar bleibt der persönliche Veränderungswille. Wer Männlichkeit anders lebt, der erfährt eine neue Art von Vorteil, wie Anna Babka versichert: „Es ist vielleicht nicht der bequemere Weg, dafür aber der glücklichere“.

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Gesprächspartner:innen

Erik Pekny (31) ist freischaffender Künstler.

Simon Pfeifer (27) ist Sachbearbeiter und freier Journalist.

Kian Kaiser (32) ist Kabarettist, Autor und Moderator.

Anna Babka ist Professorin für neuere deutsche Literatur an der Uni Wien und forscht u. a. auf den Gebieten Gender Studies und Queer Studies.

Erich Lehner ist Obmann des Dachverbands für Männer-, Burschen- und Väterarbeit in Österreich (DMÖ). Er ist Männlichkeits- und Geschlechterforscher und als Psychotherapeut tätig.

Weitere Personen, die im Zuge der Recherche ihre Erfahrungen geteilt haben und im Artikel nicht explizit erwähnt wurden, sind die Künstlerin Steffi Stanković und der Schüler Cameron Liska.

In einer Studie, die 2021 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Psychology of Men and Masculinities“ erschienen ist, wurden trans Männer aus den USA zu ihren Erfahrungen mit männlichen Privilegien befragt. Fünf wiederkehrende Aussagen waren: 1) Ich fühle mich sicherer, 2) man geht davon aus, dass ich kompetent bin, 3) ich bin frei von traditionellen Erwartungen an weibliche Geschlechterrollen, 4) ich bin „einer von den Jungs“, 5) ich erlebe keine männlichen Privilegien.

Nicht alle Männer sind gleich privilegiert. Im österreichischen Gleichbehandlungsgesetz werden neben dem Geschlecht noch die ethnische Zugehörigkeit, Religion, Weltanschauung, das Alter und die sexuelle Orientierung als Dimensionen von Diskriminierung genannt, von denen natürlich auch Männer auf unterschiedliche Weise betroffen sein können. Zusätzlich gibt es den Tatbestand der „Diskriminierung aufgrund von Behinderung“, der an anderer Stelle im Gesetz festgehalten ist.

Eine 2025 im „Journal of Marriage and Family“ veröffentlichte Studie untersuchte in 30 Ländern den Zusammenhang von Elternschaft und subjektivem Lebenssinn beziehungsweise Lebenszufriedenheit. Auffällig war, dass skandinavische Eltern sowohl mehr Zufriedenheit als auch einen größeren Lebenssinn empfanden. Studien-Mitautor Ansgar Hudde von der Universität Köln kommentierte das mit einem Hinweis auf die skandinavische Politik, die seit langem darum bemüht sei, Eltern sowohl finanziell als auch zeitlich zu entlasten, und dies stets auch aus einer Gleichstellungsperspektive.

Obwohl die Erwerbsquote der Frauen steigt, gibt es keine entsprechende Übernahme unbezahlter Betreuungsarbeit durch Männer. Zu dem Schluss kommt eine 2024 veröffentlichte Studie, die vom Frauenministerium in Auftrag gegeben wurde. Gleichzeitig sind es nach wie vor die Erwerbsverläufe von Frauen, die von der Familienplanung beeinflusst werden. Die Erwerbsbeteiligung von Männern sei von Familienstand und Kinderanzahl weitgehend unabhängig.

In derselben Studie wurde für die Jahre 2014 bis 2024 „eine Verringerung, aber noch keine Angleichung der strukturellen Unterschiede in den Lebensbedingungen von Frauen und Männern in Österreich“ beobachtet.

The Oxford Review Briefings: Male Privilege – Definition and Explanation

Peggy McIntosh: White Privilege and Male Privilege

WIFO: Mind the Gaps. Zur Gleichstellung von Frauen und Männern in Österreich

DemokratieWEBstatt: Interview mit Veronika Wöhrer, Soziologin

DemokratieWEBstatt: Frauenrechte und Gleichberechtigung in Österreich

ABZ*Austria: Verein zur Förderung von Arbeit, Bildung und Zukunft von Frauen: Gegenwartsgespräche | Dr. Erich Lehner

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