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Umfrage zu Markt und Staat beweist: Ukrainer und Russen driften auseinander

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28.03.2026

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Umfrage zu Markt und Staat beweist: Ukrainer und Russen driften auseinander

28. März 2026 | Rainer Zitelmann

Demoskopen belegen zunehmende Divergenz der wirtschaftlichen Überzeugung in den Ländern, die eine gemeinsame sowjetische Vergangenheit haben

In Osteuropa vollzieht sich ein leiser, aber folgenreicher Wandel. Während sich die geopolitische Aufmerksamkeit auf Krieg und Sicherheit richtet, weist eine neue Studie auf eine tiefere Entwicklung hin: eine zunehmende Divergenz der wirtschaftlichen Überzeugungen zwischen der Ukraine und Russland, die die Zukunft der Region ebenso prägen könnte wie militärische Ergebnisse.

Die Studie basiert auf Meinungsumfragen in der Ukraine, Polen und Russland und untersucht Einstellungen zur Marktwirtschaft und zum Kapitalismus. Die Ergebnisse der Umfragen sind bemerkenswert. Die Ukrainer gehören heute weltweit zu den Befragten mit den positivsten Einstellungen zur Marktwirtschaft – übertroffen nur von wenigen Ländern wie Polen, den USA, Tschechien, Südkorea und Japan. Russland hingegen bildet unter den 36 untersuchten Ländern das Schlusslicht. In den meisten Ländern, darunter Polen und Russland, wurde die Befragung von Ipsos MORI durchgeführt; in der Ukraine wurde sie vom International Institute of Freedom in Auftrag gegeben.

Anstatt direkt nach „Kapitalismus“ zu fragen – einem Begriff, der als ideologisch aufgeladen gilt –, verwendete die Studie zunächst sechs Fragen zur Marktwirtschaft, ohne das Wort überhaupt zu erwähnen. Damit wird ein bekanntes Problem umgangen: Viele Menschen reagieren negativ auf den Begriff „Kapitalismus“, selbst wenn sie die zugrunde liegenden Prinzipien wie Wettbewerb, Privateigentum und wirtschaftliche Freiheit unterstützen.

Wurden diese Prinzipien in neutraler Form abgefragt, zeigte sich ein klares Bild: In der Ukraine und in Polen stimmte nur etwa jeder Zehnte der Aussage zu: „Wir brauchen viel mehr staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, weil der Markt immer wieder versagt“, während es in Russland jeder Vierte war.

Noch deutlicher werden die Unterschiede bei konkreteren wirtschaftspolitischen Fragen. So wurde etwa gefragt, ob der Staat Preise für Mieten und Lebensmittel festlegen sowie Mindest- und Höchstlöhne bestimmen solle. In der Ukraine unterstützten 32 Prozent diese Position, in Polen lediglich 19 Prozent. In Russland hingegen lag der Anteil bei 65 Prozent – mehr als doppelt so hoch wie in der Ukraine.

Ansichten in Polen ähneln denen in der Ukraine

Diese Ergebnisse verweisen auf eine grundlegende Divergenz der politischen Kultur zwischen zwei Ländern, die einst demselben sowjetischen System angehörten. Die Ukrainer bewegen sich offensichtlich in Richtung einer Einstellung, die Märkte bejaht und die Rolle des Staates begrenzen will. Russland hingegen neigt weiterhin deutlich stärker zu staatlicher Kontrolle.

Der Unterschied tritt noch klarer zutage, wenn der Begriff „Kapitalismus“ verwendet wird. Die Studie umfasst einen Assoziationstest mit zehn Begriffen zum Kapitalismus sowie 18 weitere Aussagen – positive wie negative – über das System. Unter den 36 untersuchten Ländern weist nur Polen eine noch höhere Zustimmung zum Kapitalismus auf als die Ukraine, die auf einem ähnlich hohen Niveau wie die USA liegt. In 33 Ländern sind die Einstellungen zum Kapitalismus negativer als in der Ukraine.

Russland steht am anderen Ende der Skala. Nur in zwei Ländern sind die Einstellungen zum Kapitalismus noch negativer als in Putins Reich.

Bei der Interpretation ist ein gewisser Vorbehalt angebracht. Die Umfragen in Polen und Russland wurden bereits früher durchgeführt – zwischen 2021 und Anfang 2022 –, während die Erhebung in der Ukraine im September 2025 stattfand. Doch die Unterschiede sind so groß, dass sie kaum allein durch den Zeitpunkt erklärt werden können. Zudem wurde in allen drei Ländern derselbe Fragebogen verwendet, was die Vergleichbarkeit ungewöhnlich robust macht.

Unterschiedliche Entwicklung nach Ende der Kommunismus

Die Erklärung liegt weniger in aktuellen Ereignissen als in langfristigen wirtschaftlichen Erfahrungen. Polen hat seit 1990 eine der erfolgreichsten wirtschaftlichen Transformationen der modernen Geschichte durchlaufen – mit anhaltendem Wachstum, steigenden Einkommen und zunehmender Integration in die Weltmärkte – wie ich in meinem Buch über diese Transformation gezeigt habe. 

Russlands Entwicklung verlief weit ungleichmäßiger: geprägt von Phasen der Stagnation, starker staatlicher Einflussnahme, einer Kleptokratie, die Privateigentum nicht respektiert, und einer anhaltenden Abhängigkeit von natürlichen Ressourcen.

Die Ukrainer, zwischen diesen beiden Modellen positioniert, haben ihre Schlussfolgerungen gezogen. Der Erfolg Polens bietet ein sichtbares Beispiel dafür, was marktwirtschaftliche Reformen leisten können. Russland hingegen dient als warnendes Gegenbeispiel.

Die Ergebnisse zeigen zudem klare demografische Muster. Wie in den meisten Ländern ist die Unterstützung für Marktwirtschaft und Kapitalismus in der Ukraine unter Befragten mit höherer Bildung und höherem Einkommen stärker ausgeprägt. Männer äußern sich tendenziell positiver als Frauen; dieser Unterschied ist in der Ukraine besonders deutlich. Über alle Altersgruppen hinweg bleibt jedoch das Gesamtbild stabil: Sowohl jüngere als auch ältere Ukrainer stehen der Marktwirtschaft überwiegend positiv gegenüber.

Insgesamt stellen die Ergebnisse die verbreitete Annahme infrage, post-sowjetische Gesellschaften hätten ähnliche wirtschaftliche Mentalitäten. Tatsächlich bewegen sich die Ukraine und Russland in entgegengesetzte Richtungen. Die eine orientiert sich zunehmend an den wirtschaftlichen Werten westlicher Demokratien, die andere bleibt in einer Tradition staatlicher Kontrolle verhaftet.

Rainer Zitelmann ist Historiker und Soziologe; sein nächstes Buch erscheint in Kürze und befasst sich auch mit ökonomischem Denken: ZERO SUM MINDSET


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