Sein erstes Cello baute er selbst, jetzt hat er 6,5 Millionen Follower auf Instagram
Jodok, Sie sind auf einem Biobauernhof im Emmental in der Zentralschweiz aufgewachsen. Ist es schön dort?
VUILLE: Sehr schön sogar. Ländlich, mit vielen Tannenwäldern und grünen Hügeln. Ich bin sehr behütet großgeworden, auf einem Hof mit 18 Kühen, zwei Pferden, Katzen, Hunden, Hühnern, viel Obst, Getreide und Kartoffeln. Unser Haus war eine Mischung aus Biobauernhof und Kinderheim. Ich habe zwei Geschwister, und dazu kamen die Pflegekinder, die in schwierigen Verhältnissen aufwuchsen und bei uns in der Natur im Emmental runterkommen konnten.
Gibt es den Bauernhof noch?
VUILLE: Den Hof gibt es noch, er wird aber jetzt von jungen Leuten bewirtschaftet. Uns drei Kinder hat es alle in die Kunst gezogen, und meine Eltern wohnen nun in einem kleinen Häuschen direkt nebenan.
Wie kommt der Junge vom Biobauernhof zum Cello?
VUILLE: Als ich sieben Jahre alt war, kam ein junger Lehrer zu uns auf den Hof. Er litt an Burnout, konnte super Fußball spielen, kam aus der Stadt, kannte die Welt – ich war direkt ein Fan von ihm. Und er hat Cello gespielt. Das wollte ich dann auch, und schnell wurde deutlich, dass ich ein gewisses Talent hatte und dieses Instrument wirklich liebte. Ich bin aufgegangen in der Emotionalität und der Wärme seines Klanges. Im ersten Jahr gab mir der junge Cello-Lehrer auf dem Hof Unterricht, dann bin ich zur Musikschule gegangen, wurde Lehrer für Musik und Sport und erwarb außerdem noch ein Konzertdiplom.
War Profi-Cellist immer Ihr Musikwunsch?
VUILLE: Nein, ich wollte eigentlich Bäcker werden, dann Gärtner oder Schreiner. Dann besuchte ich einige klassische Konzerte in großen Häusern, und es hat mich unglaublich fasziniert, wie fokussiert 2000 Menschen den Musikern auf der Bühne lauschten. Das hat mich nicht mehr losgelassen.
Als Schreiner wären Sie begabt gewesen – Sie haben Ihr eigenes Cello gebaut.
VUILLE: Das stimmt. 568 Stunden hat die Arbeit an dem Cello gedauert, ich habe darüber Tagebuch geführt. Ich hatte ein bisschen Hilfe von einem Geigenbauer aus Bern, und auf dem Instrument habe ich dann auch mein Bachelor-Studium absolviert.
Wie baut man ein Cello?
VUILLE: Das Wichtigste ist das richtige Holz. Gut geeignet sind Bergahorn oder Rottanne mit sehr engen Jahresringen, das sind also Bäume, die in kargen Verhältnissen sehr langsam gewachsen sind. Das Holz ist sehr vibrationsfähig und ergibt den charmanten Klang. Auch auf den Lack kommt es an und natürlich auf die Bauform als solche.
Wo kommt das Holz für Ihr Cello her?
VUILLE: Die Fichte stammt aus der Hohen Tatra in der Slowakei, und der Bergahorn kommt aus Norditalien. Dort haben sich schon die großen Geigenbauer wie Stradivari und Guarneri del Gesù bedient.
Was war es für ein Gefühl, zum ersten Mal auf Ihrem Instrument zu spielen?
VUILLE: Das war gewaltig. Ich spielte die ersten Töne, und sie waren warm, saftig, voller Bässe. Auch die Experten waren beeindruckt, zum Teil haben sie mir nicht geglaubt, dass ich das Instrument wirklich mit den eigenen Händen erschaffen hatte, weil es so gut klang. Ich habe dieses Cello dann drei Jahre lang gespielt. Inzwischen habe ich eins, das 1710 in London gebaut wurde. Mit dem kann meins nicht mithalten (lacht).
In Ihren Videos spielen Sie Cello in sehr schönen Landschaften, gern auch auf Berggipfeln. Lassen Sie das Instrument mit dem Hubschrauber dort hochfliegen?
VUILLE: Das denken viele. Aber nein. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, in den Ferien bin ich mit meiner Familie im Wallis wandern gegangen. Ich nehme also mein Cello, Kameradrohnen, Objektive, meinen Rucksack und laufe zwei Stunden den Berg hoch, um dann bei Sonnenuntergang, der goldenen Stunde, meine Videos zu produzieren.
Wieviel wiegt denn Ihr Cello?
VUILLE: 7,2 Kilo. Das geht eigentlich. Es ist eher die Größe, die es umständlich zu tragen macht. Die Objektive und die Kameras sind insgesamt schwerer.
Wie kommt überhaupt ein studierter und diplomierter Cellist auf die Idee, seine Musik mittels schöner Videos auf Social Media zu vermarkten, anstatt brav irgendwo im Orchester zu spielen?
VUILLE: Das habe ich alles der Corona-Pandemie zu verdanken. Ich hatte keine Konzerte mehr, auch mein Musikunterricht fiel aus, und dann habe ich das ausprobiert, habe meine ersten Videos produziert, bei Youtube hochgeladen, auf einmal hatten sie ein paar hunderttausend Views, und plötzlich kamen die Unternehmen auf mich zu und fragten Kooperationen an. Mercedes-Benz, Swatch, sogar der FC Barcelona. Das war schon verrückt für mich als Bauernsohn.
Was haben Sie für den FC Barcelona gemacht?
VUILLE: Die Anfrage lautete, ob ich die Champions-League-Hymne im Barca-Trikot auf dem Cello spielen würde. Ein Traum für mich als Barca-Fan! Ich habe das Video produziert, und einen Tag später stand es auf dem Barca-Kanal neben Trainingsvideos von Lamine Jamal und Robert Lewandowski. Ich dachte, das verschafft mir jetzt ganz viele neue Follower. Und was ist passiert? Über Nacht waren es 35.000 weniger.
VUILLE: Genau (lacht). So habe ich gelernt, dass man aufpassen muss, wie man sich in den sozialen Medien positioniert. Trotz des Lehrstücks würde ich das aber sofort wieder machen. Wir sind in Verbindung geblieben, auch nach Barcelona ins Stadion haben sie mich schon eingeladen.
Sie sind auch schon auf den Malediven, in Dubai oder Singapur aufgetreten. Sogar der Emir von Katar hat Sie engagiert. Wie lief das?
VUILLE: Noch so eine verrückte Geschichte, die ohne Frage mit meinem Erfolg auf Social Media und meinen 16 Millionen Followern zu tun hat. Der oberste Tourismusminister hatte mich offenbar auf Instagram entdeckt, rief an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, für den Emir zu spielen. Sie flogen mich nach Doha ein, mieteten mir für eine Woche eine Suite im 5-Sterne-Hotel mit Butler, das war schon der Wahnsinn für einen Bauernjungen aus dem Emmental. Aber nichts, was mich langfristig glücklich machen würde.
Aber wahrscheinlich wurde der Auftritt nicht schlecht bezahlt.
VUILLE: Ja, das Honorar war ganz gut. Sogar für Schweizer Verhältnisse (lacht)
Nachdem Sie also mit deinen Cello-Cover-Songs auf Social Media berühmt geworden sind, wollen Sie jetzt den nächsten Schritt gehen und sich als Konzertmusiker etablieren. Wieso?
VUILLE: Social Media ist ein Luftschloss. Es kann sein, dass TikTok aufgrund politischer Entscheidungen morgen in der Schweiz nicht mehr erreichbar ist, Kanäle wie Youtube oder Instagram kontrollieren alles und könnten mich morgen rauskicken. Ich bin nicht nur Musiker, sondern auch Unternehmer, und mein Ziel ist es wirklich, die Leute vom Bildschirm in den Konzertsaal zu holen.
VUILLE: Wenn möglich ja. Wir schauen natürlich, wo meine Follower sitzen, viele sind im persisch-arabischen Raum, in Süd- und Nordamerika, natürlich auch in Europa. Wir wollen dort hingehen, wo die Fans sind. Außerdem möchte ich Menschen wie meine Mutter erreichen. Mama mag Musiker wie Andrea Bocelli oder David Garrett, aber sie weiß nicht mal wirklich, was Instagram ist.
Wie gehen Ihre Eltern mit Ihrem Erfolg um?
VUILLE: Mit gemischten Gefühlen. Meine Eltern freuen sich für mich, sind aber etwas skeptisch, was diese Smartphone-Welt betrifft. Meine Mutter leitet den Frauenchor bei uns im Dorf, und Papa spielt Alphorn und jodelt ein bisschen. Mein Vater ist nur einmal in seinem Leben geflogen, er ist ein richtiger Schweizer Bergbauer.
Jodok Vuille, 37, ist auf einem Biobauernhof im Schweizer Emmental aufgewachsen. Seine Mutter kommt aus Maierhöfen im Allgäu, der Vater ist Schweizer. In Luzern absolvierte er ein Musikstudium, arbeitete anschließend als Musik- und Sportlehrer. Während der Corona-Pandemie drehte er Videos von seinem Cellospiel in der Natur und erreichte damit innerhalb kurzer Zeit Millionen. (sk)
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