Als Sabrina zwölf war, sagte sie: Ich kann nicht mehr, ich gehe jetzt in eine Klinik
Wenn es Sabrina schlecht geht, puzzelt sie. Am liebsten mit 1000 Teilen. Dann ist sie im Tunnel, in einer anderen Welt. Was auch geht: einen Kuchen backen, einen „Insta“-Kuchen, wie ihre Eltern sagen. Also einen, den sie fotografieren und ins Internet stellen kann, einen Himbeer-Schmand-Vanillepudding-Kuchen zum Beispiel. Muffins hat Sabrina ebenso drauf, gern mit Blümchen-Verzierung. Hauptsache, sie konzentriert sich auf etwas – bis es ihr ein paar Stunden später besser geht.
Sabrina (16) leidet an einer Depression, die chronisch ist. Erst mit den Jahren lernte sie, wie sie sich in schlechten Phasen ablenken kann. Als sie zehn Jahre alt war, suchte ihre Familie das erste Mal Hilfe. Zwei Jahre später wachte Sabrina eines Morgens auf und sagte: Ich kann nicht mehr, ich gehe jetzt in eine Klinik. Sie verbrachte einen ganzen Sommer, vier, fünf Monate in einer Psychiatrie. Heute, als Teenager, spricht Sabrina reflektiert über ihre Krankheit, sie benutzt dabei häufig das Wort „man“, vermeidet das Ich. Sie stehe nicht gerne im Mittelpunkt, sagt Mutter Andrea Steiner (50).
Etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter psychischen Störungen und Belastungen
Ihre Tochter sagt Sätze wie: „Man kann nicht sagen: Ich will das einfach nicht, sondern man muss damit klarkommen.“ Und: „Es kann sein, dass man fünf Jahre nichts von seiner schlechten Seite spürt, sie dann aber wiederkommt.“ Die Depression werde nie ganz weggehen.
Etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland leiden unter psychischen Störungen und Belastungen. Die Zahl ist stark gestiegen, auch bedingt durch die Corona-Pandemie mit ihren Schulschließungen und Kontaktverboten. Zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter zählen Angststörungen, Depressionen, ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Vor allem Jugendliche leiden an Depressionen, Kinder seltener. Im Kindesalter ist das häufig auf ein konkretes Ereignis zurückzuführen – oder die Eltern sind selbst psychisch erkrankt.
Sabrina ist aus Sicht ihrer Eltern ein „ganz normales Mädchen“. Sie hat viele Freunde, 15 enge, sagt sie, denen sie zu 100 Prozent vertraut, „die für mich da sind“. Viele davon kennt Sabrina vom Reiten und von Konzertbesuchen, sie wissen von ihrer Krankheit. Im vergangenen Sommer war sie an den Wochenenden häufig in Großstädten unterwegs: abhängen am Fluss, Pizza essen. Ihr Zuhause ist ein Bauernhof im Schwarzwald auf 800 Meter Höhe. Sabrina sitzt draußen, zwischen den Hofgebäuden unter einem Sonnenschirm.
Psychische Störungen können durch schulischen Druck oder Vergleiche in den sozialen Netzwerken ausgelöst werden
Sabrina heißt in diesem Text anders, ihre Eltern haben auch andere Namen. Einzelne persönliche Details sind verändert, um die Anonymität der Familie zu wahren. Sabrina möchte aber über ihre Krankheit reden, „weil viel zu selten darüber gesprochen wird“. Sabrina glaubt, dass mehr Menschen betroffen sind, als man denke, die aber nicht darüber reden wollten – aus Angst vor der Reaktion der anderen. „Man verbindet eine Depression halt mit etwas Negativem: Man ist die ganze Zeit traurig und weint und ist in seinem Zimmer und so.“ Das seien aber die schlechten Phasen. „Man kann trotzdem glücklich sein und lachen.“ Und dann höre man: Ja, du lachst doch gerade, es kann doch gar nicht sein, dass es dir schlecht geht. Für viele sei es unverständlich, wie facettenreich die Krankheit sein kann.
Psychische Störungen können durch schulischen Druck, Vergleiche in den sozialen Netzwerken sowie Ängste um die Zukunft in einer Zeit vieler Konflikte und des Klimawandels ausgelöst werden. Symptome einer Depression sind der Verlust von Freude an Dingen, die einem vorher Spaß gemacht haben, sozialer Rückzug, Inaktivität, niedergeschlagen sein, traurige Stimmung. Beobachten Eltern dies zwei Wochen lang bei ihrem Kind, sollten sie sich Hilfe holen.
Psychologen wie Hanna Christiansen (52) sind aufgrund der hohen Fallzahlen alarmiert. Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter seien ein „Schrittmacher“ für Störungen im Erwachsenenalter, sagt sie. Weil sie immer früher auftreten. Wer als Kind oder Jugendlicher psychisch erkranke, habe eine hohe Wahrscheinlichkeit für eine chronische Erkrankung. „Mentale Gesundheit entscheidet sich im Kindes- und Jugendalter.“ Die Hälfte aller psychischen Störungen entwickelt sich bis zum 14. Lebensjahr, 75 Prozent bis zum 25. Lebensjahr. Es sei viel schwieriger, diese Störungen zu behandeln, wenn sie seit sieben, acht, zehn, 15 Jahren chronisch sind, „als wenn man das frühzeitig angeht“. Deshalb plädiert Hanna Christiansen für eine andere und modernere Behandlung.
Sabrinas Vater sagt: „Das bestimmt schon so viele Jahre mein Leben, dass ich keine Lust mehr habe, mit anderen darüber zu sprechen“
Sabrina wurde in der Schule wegen ihrer Depression gemobbt. Es gab Sprüche wie „Ach ja, jetzt braucht sie etwas, um sich in den Mittelpunkt zu bringen“ oder „Jetzt komm mir nicht direkt wieder mit deiner Depression“. In der Jugendsprache gibt es das Wort „Emo“ – für jemanden, der auffällig emotional ist. Mobbing kann die depressive Symptomatik nach Meinung von Experten verstärken.
Gerade weil kaum jemand die Krankheit wirklich verstehe, reden Sabrinas Eltern wenig mit Freunden darüber. „Das bestimmt schon so viele Jahre mein Leben, dass ich keine Lust mehr habe, mit anderen darüber zu sprechen“, sagt Andrea Steiner. Ihr Mann Matthias (53) sagt: „Das ist eine Gratwanderung: Wem erzählst du es? Ich fände es besser, wenn man mit der Krankheit offener umgehen könnte und sie nicht als Einbildung angesehen würde.“ Depressionen würden teils als Modekrankheit dargestellt: Ach stell dich mal nicht so an, geh mal raus an die frische Luft, mach mal Sport.
Als Sabrina zehn Jahre alt war, versuchte sie sich das Leben zu nehmen. Mit einem Messer. Doch der Vater erwischte sie gerade noch rechtzeitig, hielt sie fest, während Sabrina weinte, strampelte und sich losreißen wollte. „Das war schon heftig“, sagt Matthias Steiner. Ihm kamen Fragen wie: Was habe ich falsch gemacht? Was ist, wenn das noch mal passiert, es erfolgreich ist? Man könne ja nicht alle Messer wegräumen. In solchen Situationen helfe nur, für Sabrina da zu sein. Doch wenn es Sabrina im Alltag schlecht geht, müsse sie selbst das Gespräch suchen, sagt Matthias Steiner. Wenn er auf seine Tochter zugehe, habe das kaum Erfolg. Umso mehr freut es ihn, wenn Sabrina einen „Insta“-Kuchen für den Hofladen backt.
Psychologin Hanna Christiansen möchte Betroffene und Angehörige „ermächtigen“, um eigene Entscheidungen treffen zu können
Kürzlich ist Sabrina auf eine niedrigere Schulart gewechselt. Sie vermisst ihre alte Klasse, aber es sei der richtige Schritt gewesen – um den Notendruck herauszunehmen. Denn zuvor ging sie mit Magenschmerzen und Tränen in den Augen in die Schule, verpasste aufgrund ihrer Krankheit auch mal eine ganze Woche. Auf der neuen Schule hat Sabrina bisher nicht von ihrer Krankheit erzählt. Sie weiß noch nicht so genau, wie ihre neuen Mitschüler drauf sind. Bis zum Abschluss ist es nur noch ein Jahr und sie will nicht, dass sie „so krass persönliche Sachen von mir wissen“.
Mit jungen Patienten wie Sabrina hat die Psychologin Hanna Christiansen häufig zu tun. Sie leitet die Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ambulanz in Marburg und ist Professorin für klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der dortigen Philipps-Universität. Sie hat zusammen mit drei Kollegen ein zweiseitiges Papier entworfen: „Nationale Strategie zur Förderung der mentalen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“. Darin finden sich Daten wie: Zwischen 2007 und 2022 haben sich die psychischen Erkrankungen und Belastungen bei Jungen und Mädchen fast verdoppelt, während sich ihr psychisches Wohlbefinden halbiert hat.
Die Experten fordern: „Wir müssen jetzt handeln.“ Hanna Christiansen möchte unter anderem Betroffene und Angehörige „ermächtigen“, um eigene Entscheidungen treffen zu können, sprich: wie sie sich angemessen behandeln lassen können. Die klassische Intervention „50 Minuten Gesprächstherapie und Medikamente“ sei nicht von „großem Erfolg“, sagt Hanna Christiansen. Besonders zu Beginn der Therapie, wenn der Leidensdruck hoch sei, müssten die Patienten eng begleitet werden. Ihnen müssten in verständlicher Sprache Informationen zur Verfügung gestellt werden, „aus vertrauenswürdigen Quellen“. Sodass die Patienten für sich einschätzen könnten: Bekomme ich hier ein gutes Angebot, zielt das auf meine Symptome?
Irgendwann möchte Sabrina eine Ausbildung zur Erzieherin beginnen
Hanna Christiansen möchte ein Tool entwickeln, mit dem Patienten selbst überprüfen können, welche Symptome vorliegen, welche evidenzbasierte Therapie es gibt und was man von den behandelnden Ärzten einfordern könne. „So kommt da eine Qualitätskontrolle von unten hinein.“ Eine Möglichkeit sei, eine App zu entwickeln, die die Symptome überprüfe. In Marburg benutzen die Therapeuten bereits die App „m-Path“. Damit können sie gemeinsam mit den Patienten konkrete Ziele festlegen und Erfolge sichtbar machen. Ein Beispiel: Ein Patient soll sich einmal am Tag mit jemandem treffen, eine positive Aktivität machen und dann seine Stimmung beurteilen: null steht für „nicht gut“ und zehn für „super“. „Dann können sie sich selber tracken: Wenn ich das mache, geht es mir so und so.“
Derzeit sucht Sabrina einen ambulanten Therapieplatz. In den vergangenen Jahren hat sie keinen geeigneten Therapeuten finden können. Ihr nächstes Ziel ist es, den Schulabschluss zu schaffen. Dann soll erst mal Schluss sein mit Schule, sie möchte den Führerschein machen, um unabhängig von ihren Eltern zu sein. Danach vielleicht ein freiwilliges soziales Jahr oder mal gar nichts machen, nur arbeiten, durch die Welt reisen. Irgendwann möchte Sabrina eine Ausbildung zur Erzieherin beginnen. Sie hört immer wieder von Eltern, dass sie gut mit Kindern umgehen könne.
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