Eigentlich bin ich gerne zur Schule gegangen. Geschichte mochte ich besonders, aber auch in Deutsch war ich gut. Mit 14 besuchte ich eine Hauptschule in einer Kleinstadt in Norddeutschland. Das war schon das erste Problem: Die Stadt ist nicht groß. Mein älterer Bruder und ich lebten damals bei unserer drogenabhängigen Mutter, sie nahm Heroin. Es sprach sich schnell herum, dass meine Mutter ein Junkie ist. Manchmal sahen meine Mitschüler sie morgens am Kiosk ein Bier kaufen. Sie begannen mich deshalb zu mobben. Da ich zusätzlich übergewichtig war, hatten sie in mir das perfekte Opfer gefunden. Wenn ich mit zerrissenen Strumpfhosen in die Schule kam, sagten sie: „Kann dir deine Junkie-Mutter wieder keine richtige Hose kaufen?“ Das hat mich tief verletzt.

Nachdem eine Mitschülerin bei uns zu Besuch war, erzählte sie herum, dass es bei uns nur Nudeln mit Fertigsoße gebe. Meine Mutter hat das Beste getan, was sie konnte. Trotzdem war unsere Lebenssituation katastrophal. Mehr als die notwendigsten Mahlzeiten, Klamotten und Möbel gab es nicht. Immerhin hatte ich ein eigenes Zimmer.

Auf dem Weg zur Schule und in den Pausen haben mir meine Mitschüler dann fiese Sprüche zugerufen. Einmal standen 40 Leute vor meiner Haustür, um mich zu beleidigen. Eltern von Freundinnen, die einst nach der Schule zu mir kommen durften, verboten ihnen, sich mit mir zu treffen.

Die Lehrer waren keine Hilfe: Im Englischunterricht mussten wir uns ein Buch für 16 Euro anschaffen. Als ich ohne das Geld in die Stunde kam, stellte mich meine Lehrerin vor der ganzen Klasse bloß. Sie sagte: „Deine Mutter hat Geld für Zigaretten, oder? Dann hat sie wohl auch Geld für Schulbücher!“ Dass ich gemobbt wurde, haben sie sicher mitbekommen, aber nie etwas dazu gesagt.

Zu Hause hat sich niemand für mich interessiert oder sich darum gekümmert, ob ich Hausaufgaben mache oder nicht. Es gab keine Nachfragen, keine Konsequenzen.

Ohne Abschluss

Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung verließen im Jahr 2021 47.500 Jugendliche die Schule ohne Hauptschulabschluss – das entspricht etwa sechs Prozent der entsprechenden Altersgruppe. 49 Prozent der Schulabbrecher kommen von Förderschulen, 20 Prozent von Gesamtschulen, lediglich 13 Prozent waren tatsächlich auf einer Hauptschule. Die Zahl derer, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, ist seit knapp zehn Jahren fast unverändert.

Anfangs habe ich die Hausaufgaben trotzdem noch gemeinsam mit anderen Jugendlichen im Jugendtreff gemacht. Dann ging auch dort das Mobbing los. Einmal war es so schlimm, dass ich mich auf den Toiletten verstecken musste. Als ich dachte, die Luft wäre wieder rein, kam ich raus – doch da drückten sie mir Schneebälle mit Steinen ins Gesicht. Ich bin blutüberströmt und mit Schrammen im Gesicht nach Hause gerannt. Mein Bruder ist ausgerastet und hat die ganze Schule zusammengeschrien. Ich habe mich so geschämt. Nach der Schule hing ich von da an nur noch zu Hause am PC ab.

Irgendwann fühlte ich mich kraftlos und perspektivlos. Ich habe mich aber nicht getraut, jemandem davon zu erzählen, weil ich Angst hatte, dann von meiner Mutter wegzumüssen. Hausaufgaben machte ich gar nicht mehr, vor allem Physik und Chemie waren schwierig für mich. Als ich zum zweiten Mal durch die achte Klasse fiel, war es endgültig vorbei. Mit 15 ging ich dann einfach nicht mehr zur Schule.

Da es allerdings in Deutschland im Allgemeinen eine Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr gibt, musste ich an Schulersatzmaßnahmen teilnehmen. Ich besuchte eine Produktionsschule, an der man gleichzeitig lernt und arbeitet. Die brach ich nach einer Weile ebenfalls ab. Dort und auf dem Amt behandelte man mich wie eine Systemsprengerin.

Dabei habe ich nicht das System gesprengt, sondern das System mich: Ich war intelligent genug, um die Schule zu schaffen. Doch ich hätte jemanden gebraucht, der mir zuhört. Jemand, der mir soziale Unterstützung und einen sicheren Raum gibt. Aber weder Lehrer noch Sozialarbeiter haben mir geholfen – obwohl sie alles mitbekommen haben.

Mit 16 holte ich meinen Hauptschulabschluss an der Volkshochschule nach und begann anschließend eine Friseurausbildung. Es fiel mir leichter, dort hinzugehen, weil meine Mitschüler dort alle älter waren und auch krumme Lebenswege hinter sich hatten. Meine damalige Chefin hat mich unterstützt, bei ihr konnte ich meine Ausbildung machen und gleichzeitig den Realschulabschluss nachholen. Später hängte ich noch eine Ausbildung zur Erzieherin dran. Heute arbeite ich in einem Projekt für Jugendliche. Wir helfen jenen, die es ähnlich schwer haben, im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, wie ich damals. Viele Kinder aus Junkie-Familien schaffen keinen Abschluss, denn Chancengleichheit im Bildungssystem gibt es für sie nicht. Es hat mich viel Kraft gekostet, diesen Weg trotzdem zu schaffen. Deshalb bin ich sehr froh, heute hier zu stehen.

* Name geändert (Anm. d. Red.)

Illustration: Renke Brandt

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

QOSHE - So ist es, ich zu sein: Schulabbrecherin - Mirjam Ratmann
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So ist es, ich zu sein: Schulabbrecherin

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30.01.2024

Eigentlich bin ich gerne zur Schule gegangen. Geschichte mochte ich besonders, aber auch in Deutsch war ich gut. Mit 14 besuchte ich eine Hauptschule in einer Kleinstadt in Norddeutschland. Das war schon das erste Problem: Die Stadt ist nicht groß. Mein älterer Bruder und ich lebten damals bei unserer drogenabhängigen Mutter, sie nahm Heroin. Es sprach sich schnell herum, dass meine Mutter ein Junkie ist. Manchmal sahen meine Mitschüler sie morgens am Kiosk ein Bier kaufen. Sie begannen mich deshalb zu mobben. Da ich zusätzlich übergewichtig war, hatten sie in mir das perfekte Opfer gefunden. Wenn ich mit zerrissenen Strumpfhosen in die Schule kam, sagten sie: „Kann dir deine Junkie-Mutter wieder keine richtige Hose kaufen?“ Das hat mich tief verletzt.

Nachdem eine Mitschülerin bei uns zu Besuch war, erzählte sie herum, dass es bei uns nur Nudeln mit Fertigsoße gebe. Meine Mutter hat das Beste getan, was sie konnte. Trotzdem war unsere Lebenssituation katastrophal. Mehr als die notwendigsten Mahlzeiten, Klamotten und Möbel gab es nicht. Immerhin hatte ich ein eigenes Zimmer.

Auf dem Weg zur Schule und in den Pausen haben mir meine Mitschüler dann fiese Sprüche zugerufen. Einmal standen 40 Leute vor meiner Haustür, um mich zu beleidigen. Eltern........

© Fluter


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