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Wem soll man noch glauben?: Der Tag, an dem ich mein Vertrauen in Männer verlor

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20.03.2026

Am Donnerstag ist etwas in mir zerbrochen.

Frühmorgens las ich beim ersten Kaffee eine Recherche über César Chávez. Der Mann war eine Ikone der US-Bürgerrechtsbewegung, in Kalifornien hat er seinen eigenen Feiertag. Offenbar hat Chávez jahrelang Kinder und Frauen sexuell missbraucht, einschließlich der Töchter seiner Mitstreiter und der Mitbegründerin seiner Bewegung, die er so oft als gleichberechtigt darstellte.

In der Redaktion sichtete ich dann wie immer als Leiterin des Nachrichtenressorts die Meldungen der Agenturen.

In Frankfurt wurde ein Mann angeklagt, weil er den neuen Partner seiner Ex-Frau mit 70 Messerstichen getötet haben soll. In Celle wird seit Tagen eine vermutlich schwer verletzte junge Frau vermisst, jetzt wird gegen einen Mann wegen versuchten Totschlags ermittelt. Ein Mann in Bayern hat versucht, seine dreijährige Tochter mit Mäusegift zu töten. Ein Mann in Bremen hat seine Familie sieben Jahre lang isoliert und gequält. Ein Mann, ein Mann, ein Mann. Und da war es erst kurz nach 14 Uhr.

Kati Krause leitet den Newsroom beim Tagesspiegel.

Dann veröffentlichte der „Spiegel“ eine Recherche, in der die Schauspielerin und TV-Moderatorin Collien Fernandes Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Sein Anwalt hält die Berichterstattung des „Spiegel“ über den Schauspieler für „rechtswidrig“.

Nach Monaten, in denen ich mich täglich mit Jeffrey Epstein und seinem Netzwerk beschäftigen muss, mit Dominique Pelicot und seinen Dutzenden Mittätern, mit Donald Trump und Pete Hegseth, mit Marius Borg Høiby, die alle nachweislich oder mutmaßlich Frauen sexuell misshandelt haben – da wirkte der „Spiegel“-Artikel wie ein Blatt, das auf ein von Rissen durchzogenes Haus fällt und es zum Einsturz bringt.

Aha, dachte ich. Der also auch noch.

In der Nacht zum Freitag lag ich wach und betrachtete meinen schlafenden Mann, den ich seit 18 Jahren kenne. Und dachte: Was weiß ich nicht über dich?

Als ich dann am Freitagmorgen aus dem Haus gegangen bin, wirkte die Welt bedrohlicher als gestern. Ich sah die Männer, die mir seit Langem vertraut sind, vor der Schule meiner Kinder, in der Redaktion, und fragte mich immer wieder: Was hast du schon getan? Denkst du wirklich, dass Frauen genauso viel wert sind wie Männer?

Hand aufs Herz: Denken Sie das, liebe Leser?

Vielen Frauen scheint es in den vergangenen Monaten so ergangen zu sein wie mir. Der einzelne Fall, der das Haus zum Einsturz brachte, ist bei jeder unterschiedlich; der Vertrauensverlust und die Wut sind die gleichen. „Wir spüren: Das hat etwas mit uns zu tun“, schrieb meine Kollegin Inga Barthels zum Weltfrauentag über Pelicot und Epstein. Und: „Das Verhältnis [zwischen Männern und Frauen] ist zerrüttet.“

„Not all men“, heißt es seit der MeToo-Bewegung oft – nicht alle Männer sind so. Natürlich nicht. Aber es wird klar, dass es statistisch zu viele sind, die entweder so sind oder aber mindestens anderen Männern ermöglichen, so zu sein, als dass dieser Satz beruhigend wirken könnte. Und es sind nicht nur die Mächtigen: Sie sind überall.

Sollen Männer etwas sagen? Das fragte mich noch am Donnerstag ein Kollege, die Frage war ehrlich gemeint. Ich konnte sie nicht sofort beantworten. Schließlich wissen wir inzwischen, dass es einige Männer gibt, die etwas gesagt haben, die sich öffentlich zur Gleichbereichtigung bekannten, nur um später als Gewalttäter entlarvt zu werden. Auch Christian Ulmen sagte über sich: „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat.“

Was bringen also diese Lippenbekenntnisse? Welchem Mann soll man noch glauben?

Inzwischen denke ich: Natürlich sollen Männer etwas sagen. Aber nicht unbedingt auf einer Bühne, wie Social Media sie bietet, sondern vor allem dort, wo es unbequem für sie ist.

Sie sollen etwas sagen, wenn ein Freund einen sexistischen Kommentar macht, wenn ein Arbeitskollege sich übergriffig verhält. Sie sollen etwas sagen, wenn ein Auftrag an jemanden vergeben werden soll, über den man „gewisse Dinge“ weiß. Wenn sie auf Pornoplattformen Gewalt sehen oder ihnen ein Bekannter ein sexualisiertes Deepfake einer berühmten Frau zeigt. Ja, sie sollen sogar was sagen, wenn irgendwer die Musik oder den Film eines Künstlers spielt, gegen den es glaubwürdige Anschuldigungen gibt.

Tun mein Mann, mein Vater, meine engen Freunde das, die Männer also, die ich liebe? Ich weiß es nicht, aber ich muss vermuten: nicht genug. Denn wir tun alle nicht genug.

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Männer sollen zeigen, dass sie das Problem als eines betrachten, das auch sie persönlich angeht. Dass auch sie sich als Betroffene betrachten. Dieser Weg führt über die Politik. Denn am Ende kann sich nur etwas verbessern, wenn Gesetze gemacht werden und die Meinung, Präsenz und Rechte von Frauen als selbstverständlich gelten, statt als verhandelbar.

Ich weiß, dass die Wut und die Trauer, die ich heute spüre, vorübergehen werden. Aber ich weiß nicht, ob das etwas Gutes ist. Und ob oder wann ich Männer wieder mit weniger Misstrauen betrachten kann, das hängt tatsächlich maßgeblich davon ab, was Männer jetzt tun und sagen – und wo.


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