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Gerüche der Kindheit: Wie Ost und West beim Erinnern zusammenrücken

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26.02.2026

Neulich ging es hier um Dinge, die uns im Leben begleiten und sich mit uns wandeln. Leider springen wir oft achtlos mit ihnen um. Aus der Reparatur- und Nachnutzungsgesellschaft früherer Tage ist die Wegwerfgesellschaft geworden. Daran ändern auch die Sofas, Tische, Buch- und Kleiderkartons grundsätzlich nichts, die man in Berlin auf die Straße stellt, damit sie noch jemand nutzen kann. Nach dem dritten Regen will sie auch keiner mehr haben.

Wie sehr die Dinge uns prägen, zeigt eine kleine Umfrage, die der BeBra-Verlag kurz vor dem Erscheinen des Buches „Broiler, Wimpel, Westpaket“ gestartet hat (Premiere: 3. März, 20 Uhr, im Pfefferberg-Theater). Die Frage an die Leser lautete: „Fällt Euch ein Gegenstand, ein Geschmack oder ein Duft ein, den ihr mit Eurer Kindheit assoziiert?“

Die Missachtung der Dinge: Warum wir keinen wirklichen Begriff von Werten haben

Es meldeten sich in kürzester Zeit mehr als 60 Menschen. Ein kleiner Anstoß hatte gereicht, um unzählige Erinnerungen auszulösen: an die alte Modelleisenbahn, die Orangenlimo („in der immer komische Flocken schwammen“), die Eierbecher in Hühnerform, die kaputtgeliebte Kuschelente und den Papageienkuchen, an Vivil-Pfefferminz und „Froschlaichsuppe“ (mit Stärkekügelchen, die sich Sago nannten), an den Kinderplattenspieler mit der Box im Deckel, an Monchhichis, Rollschuhe, „Brauner Bär“-Eis und Kassettenrekorder, an die Dederon-Kittelschürze der Oma, die „das beste Pflaumenmus ever“ machte, oder „Das Schulgespenst“ als Lieblingsbuch.

Die Nase besitzt 30 Millionen Riechzellen und Rezeptoren für alle Arten von Düften

Was man beim Lesen sieht: Ost und West mischen sich. Man muss schon gründlich hinschauen, um auseinanderzuhalten, wer woher kommt. Beim Erzählen geht es auch gar nicht mehr um die Unterschiede, sondern um die Gemeinsamkeiten. Da erinnert sich einer, wie die Familie Westpakete für die Verwandten in der DDR gepackt hat, „mit Listen dabei“. Kurz darauf erzählt jemand, dass er noch immer die Dinge besitze, die er einst „aus dem Osten“ geschickt bekam: eine Holzspardose und „ein ganz tolles Jugendbuch aus der DDR“.

Wenn der Kaffee im Internet duftet: Wie der Geruch in die digitale Welt kommt

Für Erinnerungsforscher ist es sicher auch spannend zu sehen, wie dominant Gerüche sind. Die Nase besitzt 30 Millionen Riechzellen und etwa 350 Typen von Rezeptoren für alle Arten von Düften. Unser Gehirn speichert alles ab, und über Gerüche kann man sich in längst vergangene Situationen zurückbeamen, wie mit einer Zeitmaschine. So geht es auch den Befragten.

Neben den Gerüchen des „Broilers, wenn er vom Grill kam“, des „Mattenwagens in der Schulsporthalle“, des „Lacks in der Werkstatt meines Vaters“ und des „Heubodens überm Kaninchenstall“ stehen jene im Intershop oder aus dem Westpaket. Jemand erinnert sich an den „Duft von Waschküche, Kohleofen oder Bohnerwachs im Treppenhaus“.

Erinnerungen bestimmen, wie wir unsere Vergangenheit „fühlen“

Doch nicht zu toppen ist die Natur. „Der Duft meiner Kindheit ist für mich der Duft nach Sommer“, erzählt jemand. „Er riecht nach unseren Reisen an die Nordsee, nach salziger Luft und Wind auf der Haut“, vermischt mit dem „warmen, leicht holzigen Geruch des Ferienhauses aus Holz“. Dem gegenüber steht eine Erinnerung aus dem Osten: „Im Sommer, wenn der Wald nach den wunderbaren Kiefern duftet, dann sehe meine etlichen Ferienlager vor mir. Das war meine schönste Zeit im Leben.“

Studie: Weltweit mögen Menschen die gleichen Gerüche

Erinnerungen bestimmen, wie wir unsere Vergangenheit „fühlen“. Und das kann man nicht wegdiskutieren oder sich gegenseitig madigmachen. Der einzige Weg des Austauschs ist, sich Geschichten zu erzählen und einander zuzuhören.


© Berliner Zeitung