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Jil Sander, Prada, Fendi – die Modenschauen in Mailand mischen die Champagner-90s auf

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01.03.2026

Die Modenschauen in Mailand waren ein Striptease der ganz besonderen Art: seelisch bei Maria Grazia Chiuri für Fendi, technologisch bei Simone Belletti für Jil Sander und buchstäblich bei Miuccia Prada und Raf Simons für Prada. Alle ließen am Ende Federn.

Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und wenn man 2026 bei einem neuen 90er-Minimalismus à la Carolyn Bessette-Kennedy landen will, muss man alles herunterraspeln – bis nur noch Substanzielles übrig ist. Was diese Substanz ist, darauf hatten die drei Labels und ihre vier Designer in Mailand sehr unterschiedliche Antworten.

Jil Sander: Die 90er sind wieder da

Simone Belletti fand den Kern von Jil Sander in ihren klaren Linien, in der monochromatischen Präsenz und den norddeutsch-pragmatischen Schnitten der „Queen of Clean“.

Er bediente sich an den Codes der frühen 90er, die Jil Sander und Calvin Klein zu gleichen Teilen anzurechnen sind. Das ist so genial wie simpel, die Zeit verlangt danach, warum also nicht liefern? Doch der als reflektierter Kurator geltende Designer macht einen entscheidenden Unterschied: Seine Vision spiegelt den Wissensvorsprung wider, den wir im Jahr 2026 gegenüber der Prä-Y2K-Ära haben.

Der Tech-Funktionalismus der Nineties hatte etwas Hoffnungsvolles, aus heutiger Sicht durchaus Naives. Der Kalte Krieg war vorüber, 9/11 stand noch bevor, Futurismus sah aus wie ein iMac, und Mode basierte – bei allem Minimalismus – auf menschlichem Savoir-faire. Die Nähte eines Jil-Sander-Anzugs folgten dem Körper, nicht dem Algorithmus.

Bei Belletti scheint das anders gelagert: Seine Nähte sind eigensinnig, uncharmant, fast deformierend auf Effizienz getrimmt. Die Designs sehen aus, als hätte eine KI sie durchgerechnet. Nicht schlecht, nicht hässlich, aber eben auch nicht so geschmeidig zu tragen wie ihre Inspiration. Wie ein Programm ohne Hals einen Kragenausschnitt designen würde. Oder ein Tesla-Bot ohne Hüftschwung, einen hüfthohen Schlitz.

Simone Belletti hat Jahrzehnte der Erfahrung, von Ferré über Gucci bis Bally. Er muss wissen, wie man das richtig macht. Er möchte uns damit, so vermute ich, etwas sagen. Etwas, das eine Künstliche Intelligenz nicht versteht, vielleicht nie verstehen wird, weil sie beim Anblick eines Mantels nichts fühlt.

Fendi: Was bleibt vom Markenkern ohne Pelz?

Maria Grazia Chiuri wiederum gibt bei Fendi ihr Debüt unter denkbar ungünstigen Vorzeichen. Ein römisches Pelzhaus in einer pelzkritischen Zeit – das ist kein modisches, sondern ein moralisches Spannungsfeld. Was bleibt von Fendi ohne Pelz? Das wurde seit Karl Lagerfelds dortigen Designerzeiten zu einer immer größeren Frage.

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Bisher geht es nicht ohne, allerdings wird er anders gewonnen: Alle Felle stammen aus Archiven und Lagerbeständen, werden patchworkartig zusammengesetzt, als Kragen, Taschen, Jacken wiederverwertet. Künftig soll ein Service Kundinnen sogar ermöglichen, geerbte Pelze umarbeiten zu lassen, statt sie zu entsorgen.

Es ist auch ein Schälen und Häuten für Chiuri selbst. Was bleibt von der Handschrift der Designerin, nach Dior? Chiuri ist, vielleicht, eine italienische Jil Sander, mit feministischer Grundhaltung und römischer Sensibilität. Charakteristisch für sie sind Transparenz und Femininität, dies führte sie gekonnt zusammen mit dem Minimalismus-Megatrend der Gegenwart. Dennoch war zu spüren, dass sie sich und ihre Handschrift bei Fendi noch finden muss.

Der Striptease hier ist seelisch: Es geht um Identität, um Herkunft, um das Freilegen eines Markenkerns und einer kreativen Persönlichkeit, die plötzlich neu zusammengeführt werden müssen.

Prada: Beim Häuten der Zwiebel

Layering – das Übereinanderschichten von Kleidungsstücken – stand im Zentrum der Kollektion von Miuccia Prada und Raf Simons für Herbst/Winter 2026/27. Doch Prada drehte das Prinzip um: 15 Models präsentierten 60 Silhouetten, jede lief viermal.

Und mit jedem Auftritt verschwand eine Schicht. Statt immer mehr hinzuzufügen, wurde subtrahiert. Ein Mantel fiel weg. Dann ein Kleid. Dann ein Schal. Zurück blieb nicht Nacktheit, sondern das soziale Konstrukt des Menschen und seiner Persona.

Der Striptease wird zur soziologischen Studie: Wie viele Schichten braucht ein Selbstbild? Und was bleibt, wenn man sie systematisch entfernt? Das Ausziehen war hier kein erotischer Akt, sondern eine analytische Geste. Prada seziert Mode. Jede Lage steht für eine Identität, eine Rolle, eine Referenz. Entfernt man sie, bleibt nicht Leere, sondern Essenz. Und das Neue hat eine Chance.


© Berliner Zeitung