Ermelerhaus in Mitte: Wo früher DDR-Prominenz speiste, gibt es jetzt Berlins schönste Tea Time
„In ist, wer drin ist“, hieß es zu DDR-Zeiten über das traditionsreiche Ermelerhaus. Noch heute ruft dieser Name bei vielen Berlinerinnen und Berlinern Erinnerungen wach. Schöne zumeist, denn wer früher in Ost-Berlin etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, der suchte das schmucke Rokoko-Palais unweit des Historischen Hafens auf. Hier konnte man in einer der wenigen Luxusgaststätten der DDR speisen. Diplomaten, Politiker, Prominenz aus Ost und West dinierten an der exklusiven Adresse am Märkischen Ufer.
Noch heute, mehr als 36 Jahre nach der Wende, klingelt manchmal das Telefon und Anrufer wollen einen Tisch im Restaurant reservieren. Das erzählt uns Erika Hermo Trinanes bei einem Rundgang durchs Ermelerhaus, das seit 1997 Teil der Viersterneherberge art’otel Berlin Mitte ist. Eingebettet in die historische Bausubstanz kann man heute in dem Kunsthotel mit 109 Zimmern übernachten und Werke von Georg Baselitz bewundern.
Das Restaurant von damals aber ist Geschichte, wie Trinanes den enttäuschten Anrufern erklären muss. Zwar gibt es im Erdgeschoss des historischen Gebäudeteils eine für alle zugängliche Bar und den Frühstücksraum für Hotelgäste, ansonsten aber kann man die alten Räumlichkeiten nur im Rahmen von Events nutzen.
Heute kann man im Ermelerhaus Hochzeit feiern
Trinanes, gebürtige Spanierin und seit 2022 die Food-&-Beverage-Managerin des Hauses, erzählt: „Wir haben oft Anfragen für Goldene Hochzeiten, von Menschen, die damals hier ihre Hochzeit gefeiert haben und nach so langer Zeit noch einmal an diesen Ort zurückkehren wollen.“ So etwas ist möglich im Ermelerhaus, neben Hochzeiten finden aber auch Modenschauen, runde Geburtstage und Firmenevents statt. Damit auch Berliner, die gerade keinen besonderen Feieranlass haben, wieder in den Genuss des alten Patrizierhauses kommen, hat Trinanes nun noch eine weitere Veranstaltung ins Leben gerufen.
Die ausgebildete Tee-Sommelière lädt seit kurzem im Ermelerhaus zur Tea Time ein. Bei der ersten Veranstaltung im Januar saßen mehr als 60 Gäste in der Beletage des Hauses, die sonst nicht ohne weiteres zugänglich ist. Für ihre Teezeremonie hat Trinanes sich, ausgehend von alten Fotos, an der Atmosphäre im DDR-Restaurant orientiert. Die Gaumenfreuden sind freilich andere heutzutage: Darjeeling und Jasmintee werden zu hausgemachten Pralinen, Sandwiches und Scones gereicht, Klaviermusik erklingt und die Gäste lassen den Blick schweifen durch die Zimmer im denkmalgeschützten Teil des Hotels.
Das Rosenzimmer zum Beispiel ist im Stile einer von Rosen umrankten Laube gestaltet, vier Fenster zum Innenhof durchfluten es mit Licht. An der Wand gegenüber wurde einst ein verzierter Kachelofen installiert, der in dem prachtvollen Schlafgemach wohlige Wärme spendete. Das Vogelzimmer zeigt über den Türen klassizistische Bilder von Truthähnen und Pfauen, während an der Decke im Fechhelmsaal geflügelte Liebesgötter gen Himmel schweben.
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Beim Tee wird man quasi ins erste Leben des Ermelerhauses entführt, dessen Geschichte sich bis ins Jahr 1567 zurückverfolgen lässt. Damals wird das Grundstück im Schlossregister erstmals erwähnt. Mitte des 18. Jahrhunderts kauft ein Heereslieferant Friedrichs des Großen das Haus für 20.000 Thaler und lässt es nach seinen Vorstellungen zu einem Rokoko-Palais ausbauen.
Der Freskenmaler Carl Friedrich Fechhelm gestaltet den großen Saal, auch das bis heute erhaltene, zierlich geschmiedete Treppengeländer stammt aus dieser Zeit. Nach seiner Fertigstellung im Jahre 1762 gilt das damals noch in der Breiten Straße 11 befindliche Haus als eines der prächtigsten im historischen Stadtteil Alt-Kölln.
Das ist auch noch so, als 1824 der Tabakfabrikant Ferdinand Wilhelm Ermeler ins Spiel kommt. Er wird für 40.000 Thaler neuer Eigentümer des später nach ihm benannten Gebäudes und der dahinter liegenden Fabrikhallen. Ermeler lässt Teile des Hauses behutsam sanieren und macht das Haus mit zahlreichen Salon- und Kulturveranstaltungen in seiner Beletage zu einem geistig-kulturellen Mittelpunkt des alten Berlin. 1914 dann erwirbt die Stadt Berlin das Gebäude, dessen Wert als eines der wenigen erhaltenen Patrizierhäuser zu dieser Zeit längst anerkannt ist.
Zwischenzeitlich dient es als Zweigstelle des Märkischen Museums, im Krieg wird es beschädigt. In der DDR beginnt dann das nächste Leben des Hauses. Noch 1953 ordnet der Magistrat die aufwendige Restaurierung an, die DDR lässt sich die Baumaßnahmen bis Anfang der Sechzigerjahre viel Geld kosten. Doch dann kommt plötzlich die Kehrtwende: Weil das Ermelerhaus den städtebaulichen Plänen für eine sozialistische Umgestaltung des Stadtzentrums im Wege steht, soll es abgerissen werden.
Die Hotelchronik hebt in ihrem geschichtlichen Abriss zum Haus besonders die Berliner Kunsthistorikerin und Denkmalpflegerin Waltraud Volk hervor, die verzweifelt gegen den Abriss gekämpft habe. An den ihr vorgesetzten Stadtrat schreibt sie zu jener Zeit: „Das Vorgehen des Stadtbauamtes ist ungesetzlich. (…) In keinem Falle kann von Seiten der Denkmalpflege die Einwilligung für den Abriss gegeben werden.“ Sie prophezeit internationale Proteste und argumentiert, warum das Haus unbedingt erhalten werden müsse: „Dieses Gebäude ist Berliner Geschichte. Und galt stets als das schönste und reichste Bürgerhaus der Stadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es das einzige Gebäude, das mit seiner Inneneinrichtung noch erhalten geblieben ist. (…) Das Ermelerhaus hat eine hohe kunsthistorische Bedeutung, zumal es die einzige originale Rokoko-Ausstattung Berlins beherbergt.“
Volk und die anderen Denkmalpfleger können den Abriss am Ende nicht verhindern: Im Winter 1967/1968 wird das Ermelerhaus abgetragen. Die Proteste haben dennoch ihre Wirkung. Der Rat des Stadtbezirks Mitte verkündet den Wiederaufbau an anderer Stelle bis zum 20. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1969. Weil das Palais vor dem Abriss detailliert vermessen und Teile der historischen Einrichtung eingelagert werden, kann dieser Plan tatsächlich umgesetzt werden.
1969 wird das Ermelerhaus an neuer Stelle wieder eröffnet
Auferstanden aus Ruinen heißt es also anlässlich des Republikgeburtstages 1969, als das Ermelerhaus ein paar Zentimeter schmaler und einige Meter kürzer in einer Baulücke an seinem neuen Standort am Märkischen Ufer wieder eröffnen kann. Türen, Treppengeländer, Putten, Deckengemälde und Kachelöfen werden wieder eingebaut und das Haus erwacht mit einem Weinrestaurant in der Beletage, einem Café im Erdgeschoss und einer Bierstube im Souterrain als eines der besten Restaurants der Stadt zu neuem Leben.
In alten Broschüren aus dieser Zeit, die die „erlebnisreiche Gastronomie in der DDR“ bewerben, wird das Ermelerhaus neben Lokalitäten wie dem Tele-Café im Fernsehturm und dem Operncafé Unter den Linden besonders hervorgehoben. Nicht nur fülle seine schöne Form eine Baulücke zwischen historischen Berliner Häusern, heißt es dort in schönstem Amtsdeutsch. Sein Inhalt werde auch „den Bedarf an gastronomischen Einrichtungen besonderer Art decken helfen“. Zum Beispiel mit einem Berliner-Luft-Eisbecher und Kaffeespezialitäten in Räumen von „einmalig schöner Eleganz“. Im Keller finde der durstige Gast die Raabe-Diele, „mit lauschigen Plätzen an derben Holztischen, mit Bierkrügen als Wandzierde und einem Altberliner Kachelofen“. Auf der Speisekarte geht es handfest zu: Bunte Stulle „Eiserner Justav“, Schusterjungs mit Hackepeter und Griebenschmalz, Harzer Käse, Eisbein, Berliner Schüsselsülze und Kutschergulasch.
Heute ist man an gleicher Stelle im Hotel deutlich gesünder unterwegs: Der Fitness- und Wellnessbereich des Hauses ist hier untergebracht. Seinen Wert als ein seltenes Stück vom alten Berlin indes hat sich das Ermelerhaus bis heute bewahrt. Dessen ist sich auch Erika Hermo Trinanes sicher, die sich schon auf die zweite Ausgabe ihres Afternoon Teas im März freut. „Diese Räume sind wirklich etwas Besonderes“, sagt sie, als wir über das hölzerne Parkett in der Beletage schreiten, „ich wollte hier unbedingt etwas Schönes mit Tee machen.“
Zu ihrer Leidenschaft kam die 39-Jährige, die Philosophie studiert hat und seit vielen Jahren in der Spitzenhotellerie und Gastronomie arbeitet, schon als Teenagerin. „Ich liebe Bücher, ich liebe Lesen“, erzählt sie. Ein Klassiker führte sie an die Welt der Tees heran: Okakura Kakuzōs „Buch vom Tee“ aus dem Jahr 1906 hat Trinanes als junges Mädchen regelrecht verschlungen. In seinem Werk geht der japanische Kunstwissenschaftler auf die Bedeutung des Tees für die Kultur seines Landes ein, er erwähnt die verschiedenen Zubereitungsweisen und kommt zu dem Schluss, dass die chinesische Teekultur „Taoismus in anderer Gestalt“ sei. Okakura meint, dass „Tee mehr ist als eine Idealisierung der Form des Trinkens; er ist eine Religion der Lebenskunst“.
Die Begeisterung für das heiße Aufgussgetränk, dessen knapp 5000-jährige Geschichte als Heilmittel im alten China begann, lässt Trinanes nicht wieder los. Sie bildet sich weiter, liest viel, besucht in ihrer Wahlheimat Berlin Teefestivals, vernetzt sich in der Szene. Im vergangenen Jahr absolvierte sie ein Training zur Tee-Sommelière. Sie sagt: „Tee ist nicht nur etwas zum Trinken. Es ist eine Kunst, Tee zuzubereiten, und damit muss man sich auskennen.“ Jeder Tee hat andere Ziehzeiten, verlangt andere Temperaturen, wird anders serviert. Allzu technisch soll es in ihrer Tea Time aber auch nicht zugehen.
Der Genuss und das Staunen über die Räumlichkeiten stehen klar im Vordergrund. Die Gäste können aus über 20 Teesorten wählen, die im Stile der englischen Tradition von der Gastgeberin sorgfältig kuratiert werden. Als Welcome-Drink serviert Trinanes übrigens einen Sparkling Tea mit Hibiskus, der sich als Kombination aus traditionellem Tee und sprudelndem Mineralwasser auch an anderen Orten in der Stadt zum neuen Trendgetränk gemausert hat.
Und wenn man gar keinen Tee mag? Dann rät Erika Hermo Trinanes, sich dennoch darauf einzulassen. Oder mal eine andere Sorte zu probieren. Einer Besucherin zum Beispiel servierte die Expertin kürzlich Jasmintee-Perlen. Diese auch als Dragon Pearls bekannten Kostbarkeiten werden in der südchinesischen Provinz Fujian traditionell per Hand gerollt und mit frischen Jasminblüten beduftet. Sie verbinden eine feine Süße mit zartem Blütenaroma.
Ein leichter Grüntee, der auch Skeptiker überzeugen kann. Die Kulisse im Ermelerhaus tut dann ohnehin ihr Übriges. Ob man sich nun an die alten Zeiten erinnert oder nicht – aus dem Staunen ob dieses Schmuckstücks im Herzen der Stadt kommt man schwer wieder heraus.
Der nächste Afternoon Tea findet am 28. März statt, 14−17 Uhr, 59 Euro. Kontakt: ermelerhaus@artotelsgermany.com
