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Berliner Tanzschule im Abwasser: Erst für Jahre ignoriert – jetzt kommt die Rechnung

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11.03.2026

Die Unternehmerin Ella Otto führt die Tanzschule „Agens Pro-Am“ auf dem Kurfürstendamm. Sie hat die Schule vor 14 Jahren gegründet, erzählt sie uns. In Ihrer Stimme schwingt Leidenschaft mit. „In ganz Deutschland war das die erste Tanzschule, in der die Schüler mit Profis das Tanzen gelernt haben.“

Ein Konzept, das sehr an die RTL-Show „Let’s Dance“ erinnert, dessen prominente Kandidaten tatsächlich auf Frau Ottos Parkett für ihren großen TV-Auftritt proben. Von Diego Pooth bis Simone Thomalla haben dort schon einige Stars zusammen mit ihren Profi-Tänzern das Tanzbein geschwungen. Die Show ist sogar ihre Inspiration für das außergewöhnliche Konzept der Tanz-und Trainingsschule gewesen, erklärt Frau Otto.

In den Mendelsohn-Bau am Kurfürstendamm ist sie im April 2020 eingezogen, kurz nach dem Corona-Ausbruch. Alteingesessene West-Berliner haben früher möglicherweise genau dort, im Tanzsaal gegenüber der Schaubühne, getanzt und gefeiert. Dort war einst die bekannte „Far Out“-Diskothek, bevor sie 2006 Insolvenz anmelden musste. Getanzt wird dort also nach wie vor, jetzt aber ohne Alkohol und Flackerlicht.

Der neuen Mieterin gefällt der Standort sehr gut und sie ist überzeugt, mit ihrem Unternehmen einen traditionell kulturellen Beitrag am Kudamm zu leisten. Das klingt erst einmal alles sehr gut, entwickelte sich für Ella Otto aber zu einem nicht mehr enden wollenden Mieter-Albtraum aus Wasserschäden, Ignoranz und Angst um ihr Lebenswerk.

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Tanzen fällt ins Wasser

Bereits vor sechs Jahren bemerkt die Inhaberin immer wieder, dass unter einer Tür des Untergeschosses ihrer Tanzschule Wasser in den Vorraum eindringt. Nachsehen kann sie nicht, denn der Raum hinter der Tür gehört ihr nicht und sie hat keinen Zutritt. Mehrfach hat sie deshalb die Hausverwaltung kontaktiert, ihr sogar Fotos geschickt. Immer wieder wird ihr versichert, dass das Problem geprüft werde – doch wirklich gekümmert wird sich nicht – und das sage und schreibe drei Jahre lang.

„Ich weiß es noch ganz genau – am 22.06.2023, bei einem Starkregen, kam der massive Wassereinbruch“, erzählt Ella Otto mit brüchiger Stimme. Das ganze Untergeschoss läuft voller Wasser, die Feuerwehr rückt an. Das große Problem: Neben Toiletten und einem Atelier befindet sich dort auch einer der beiden Tanzräume, in dem Tanzschüler und Vereine regelmäßig proben. Die Wassermassen zerstören das Tanzparkett nach kurzer Zeit. Einer ihrer beiden Geschäftsräume wird zum Sanierungsfall. Für Ella Otto heißt das: Ohne Parkett keine Proben und somit auch kein Geschäft.  „Ein katastrophaler Zustand“, viel mehr Worte findet sie dazu nicht.

Nicht ganz so eng sieht es anscheinend die Hausverwaltung, die erst monatelang ankündigt, den Fall zu prüfen, und schließlich die Verantwortung von sich weist: „Irgendwelche Bäume und irgendwelche Wurzeln, das muss die Stadt Berlin regeln“, zitiert die Unternehmerin die Verwaltung.

Als es eines Tages wieder massiv regnet, läuft Ella Otto samt Gummistiefeln durch ihr halb zerstörtes Herzensprojekt. Der ehemals verschlossene Kellerraum steht zufällig offen. Sofort offenbart sich die mögliche Ursache für die Überschwemmung:  Aus einer alten Wartungsklappe einer Regenwasserleitung schwemmt literweise Wasser aus. Hektisch holt sie ihr Handy und schickt ein Beweisvideo an die Hausverwaltung. Die „prüft“ erneut und streitet im Anschluss erneut jede Verantwortung ab – man habe nichts Irreguläres gefunden, die Bäume und Wurzeln seien weiterhin schuld.

Die Mieterin soll zahlen

Nach mehreren weiteren Überschwemmungen im Untergeschoss wird endlich eine Baufirma für die Sanierung der Wasserleitungen beauftragt, die hat aber bereits die nächste Hiobsbotschaft im Gepäck: Im Laufe der Bauarbeiten riecht das ganze Tanzstudio plötzlich stark nach Fäkalien. Frau Ottos Verdacht: Der nächste Schaden bahnt sich an, diesmal allerdings verursacht von einer undichten Abwasserleitung. „Alles war noch trocken, aber der Geruch war massiv.“ Auch hier wird ihr versichert, dass man bereits davon Kenntnis genommen hätte und man sich darum kümmere.

Als sie einige Zeit später nichts ahnend ihre Tanzschule betritt, traut sie ihren Augen kaum: Die Hälfte ihres Lebenswerkes steht komplett unter braunem, übel riechendem Abwasser. Die Räumlichkeiten, in denen kürzlich noch Kinder tanzten und lachten, sind zu einem stinkenden Hochwassergebiet verkommen. „Ich musste alle Termine absagen, denn alles stank immer mehr, immer mehr“, erzählt sie, als hätte sie diese Zeit bis heute nicht verarbeitet.

Seit mehr als zweieinhalb Jahren wird der Tatort im Untergeschoss nun bereits saniert. Ursprünglich geplant waren vier Monate, doch weitere Wasserschäden und nicht eingehaltene Termine von Handwerkern und Hausverwaltung verzögerten die Arbeiten enorm. Toiletten, Böden und Wände wurden kernsaniert. Benutzt werden können die Räume dort nur eingeschränkt. „Die Hälfte meines Unternehmens steht immer noch still“.

Doch anstatt entlastet zu werden, muss sich Ella Otto nun mit dem nächsten Problem herumschlagen: Weder die Hausverwaltung noch deren Versicherung wollen für die entstandenen Schäden und Umsatzverluste von immenser Höhe aufkommen. Eine Mietminderung wurde ihr zwar zunächst gewährt, dieses Geld fordert die Hausverwaltung nun aber zurück – es wäre wohl das Ende ihres Unternehmens und ihres Traums. Anwälte wurden bereits eingeschaltet.

Schon das nächste „Geruchserlebnis“

Das Drama in der „Agens Pro-Am Tanz- und Trainingsschule“ scheint kein Ende zu nehmen. Vergangenen Juni wird Ella Ottos Geduld schon wieder auf die Probe gestellt: Plötzlich stehen mehrere WC-Container nur wenige Meter vor dem Eingang ihres Unternehmens. Auf Nachfrage erfährt sie, dass die Schaubühne gegenüber saniert wird und man deshalb Container mit Übergangstoiletten benötige – so geplant vom Berliner Senat.

Warum der Zugang von ihrer Sichtseite erfolgt, anstatt von der der Schaubühne, bleibt ein Rätsel. „Meine Kundschaft kann jeden Toilettengang des Theaters live und in Farbe miterleben, Geruchserlebnis inklusive“, scherzt sie zynisch. Laut Leitung der Schaubühne soll das bis 2028 so weitergehen. Mindestens zwei Jahre wird man also ihre Schule von der Straße aus nicht sehen.

Nun versucht Ella Otto, einen neuen Standort in Wilmersdorf zu finden. Nach all den Strapazen hat sie die Nase gestrichen voll. Damit hätten Berlin und seine Vermieter das Kulturangebot aus dem Kudamm verprellt. Es wäre bei weitem nicht das erste – irgendwann aber das letzte.


© Berliner Zeitung