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Jeder hat 1000 Follower, aber kaum jemand einen zum Reden

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24.03.2026

ChatBot kein Ersatz für menschliche Kontakte

Jeder hat 1000 Follower, aber kaum jemand einen zum Reden

Kinder und Jugendliche entwickeln immer öfter eine Mediensucht. Und bei Einsamkeit suchen viele von ihnen laut einer neuen Studie nun auch noch Hilfe bei Chatbots. Es ist dringend Zeit für eine Regulierung.

Bereits zehn Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren leiden an einer Mediensucht. Ihr Nutzungsverhalten ist krankhaft, beeinträchtigt ihr Wohlbefinden und ihren Alltag. Um vom Smartphone und Computer loszukommen, würden sie professionelle Hilfe benötigen. Das hat die neue Mediensuchtstudie der DAK-Gesundheit und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf ergeben. Die Zahlen der Betroffenen steigen dabei ständig weiter. DAK-Chef Andreas Storm sprach bei der Vorstellung der Ergebnisse von „Gefahr im Verzug“, die schnelles Handeln erfordert. Und damit hat er absolut recht.

Ein Chatbot gegen die Einsamkeit

Neben der Abhängigkeit von Social Media drohen außerdem längst neue Risiken im Netz. So wurde in der jährlich erscheinenden Studie erstmals auch der Umgang junger Menschen mit Chatbots ausgewertet. Das traurige Ergebnis: Knapp elf Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlten sich von einem Chatbot besser verstanden als von anderen Menschen. Rund acht Prozent nutzten die KI aus Einsamkeit, also als Ersatz für menschliche Kontakte. Und diejenigen, die ohnehin schon zu Ängsten und Depressionen neigten, waren besonders anfällig dafür, eine emotionale Bindung zur KI aufzubauen.

Das ist alarmierend – die Sprachroboter sind nicht dazu geeignet, bei psychischen Problemen Hilfe zu leisten. Vielmehr können sie negative Denkmuster sogar bestätigen. In den USA landeten bereits Fälle vor Gericht, in denen Chatbots junge Menschen in den Suizid getrieben haben sollen. Zuvor waren sie nach und nach zu deren engsten Vertrauten geworden.

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Es ist eine erschreckende Entwicklung. Zuerst lassen soziale Medien Kinder und Jugendliche vereinsamen. Weil sie sie von echten sozialen Aktivitäten abhalten. Und weil es dort vor allem darum geht, den schönen Schein zu wahren, und für Authentizität kein Raum bleibt. Jeder hat 1000 Follower, aber kaum jemand einen zum Reden. Diese Lücke füllt dann das nächste Produkt aus dem Netz: Der Bot, dem man alles erzählt, was man niemals posten würde. Der aber menschliche Nähe nur vorspielt.

Eltern sind ahnungslos

Viele Eltern sind weiterhin ahnungslos: Fast 40 Prozent kontrollieren laut Umfrage nicht, auf welche Art und Weise Jugendliche das Internet nutzen. Sie müssen dringend besser über die Risiken aufgeklärt werden. Das sollte bei Kinder- und Jugendärzten, in der Schule, am besten aber schon eher, in Kindergarten und Krippe geschehen, denn – auch diese Zahlen lassen aufhorchen – in einer aktuellen britischen Untersuchung erreichten bereits neun Monate alte Babys eine Bildschirmzeit von 40 Minuten pro Tag.

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Wie die Verantwortlichen der DAK-Studie richtig fordern, muss endlich auch per Gesetz die Social-Media-Nutzung durch Kinder und Jugendliche eingeschränkt werden. Die Ergebnisse liefern weitere Argumente dafür. Und sie zeigen: Auch die Regulierung von Chatbots sollte dabei mitgedacht werden.


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