Wenn die Preise steigen und Menschen sich für das gleiche Geld weniger kaufen können, spricht man von Inflation. Anders gesagt: Das Geld ist dann weniger wert. Um das Ausmaß einer Inflation zu ermitteln, wird der Verbraucherpreisindex genutzt. Der gibt an, wie viel Geld eine in Deutschland lebende Person typischerweise pro Monat ausgibt. Mit dem monatlich gemessenen Verbraucherpreisindex kann dann die monatliche Inflationsrate berechnet werden. Dafür wird der Verbraucherpreisindex in einem bestimmten Monat mit dem Wert vor genau einem Jahr verglichen. Eine Inflationsrate von 6,2 Prozent im Juli 2023 bedeutet also, dass Menschen 6,2 Prozent mehr für die gleichen Waren und Dienstleistungen ausgeben müssen als noch im Juli 2022.

Unter Ökonom:innen ist mit Inflation oft ein noch spezifischeres Phänomen gemeint, das Lohn-Preis-Spirale heißt. Es beschreibt einen Teufelskreis aus steigenden Löhnen und Preisen: Wenn Preise steigen, fordern Arbeitnehmer:innen höhere Löhne, und wenn die Löhne steigen, erhöhen Unternehmen wiederum die Preise ihrer Produkte, um die gestiegenen Lohnkosten aufzufangen. Die Erhöhung von Preisen kann so zu einem sich selbst verstärkenden Prozess werden, der die Preissteigerung immer weiter verschärft. Während die letzte große Inflation in der damaligen Bundesrepublik in den 1970er-Jahren von einer solchen Lohn-Preis-Spirale gekennzeichnet war, sind wir davon heute weit entfernt. Die Löhne sind in den letzten Jahren deutlich weniger gestiegen als die Inflationsrate, was bedeutet, dass sie effektiv sogar gesunken sind. Das liegt wohl vor allem an der schwächeren Position von Gewerkschaften heutzutage im Vergleich zu den 70er-Jahren. Für die Inflation der vergangenen Jahre waren also nicht hohe Löhne, sondern vor allem die hohen Energiepreise durch den Krieg in der Ukraine verantwortlich. Da Energie für die Herstellung und Lieferung von Waren sowie für fast jede Dienstleistung notwendig ist, steigen die Preise für fast alle Produkte. Deshalb bezeichnen einige Ökonom:innen die Preissteigerungen der letzten Jahre nicht als Inflation, sondern als Preisschock. Die Preise steigen und bleiben hoch, während die Löhne nicht steigen.

Besonders Menschen mit niedrigem Einkommen. Zum einen sind in den vergangenen Monaten vor allem die Preise für lebenswichtige Dinge wie Heizen, Transport und Lebensmittel stark gestiegen. Da Menschen mit niedrigerem Einkommen einen größeren Anteil ihres Einkommens für diese Dinge ausgeben, sind sie stärker von den gestiegenen Preisen betroffen. Die Inflation wird von ihnen deshalb als höher empfunden – und trifft sie auch tatsächlich stärker –, als es die offizielle Inflationsrate ausdrückt. Eigentlich müsste man also für unterschiedliche Einkommensgruppen unterschiedliche Inflationsraten berechnen – wie es beispielsweise im Inflationsrechner des „Wall Street Journal“ möglich ist.

Zum anderen haben Zentralbanken, um auf die Inflation zu reagieren, die Zinssätze stark erhöht. Wenn die Zinsen steigen, wird es für Unternehmen und auch für Privatpersonen teurer, Kredite aufzunehmen, da sie mehr Zinsen zurückzahlen müssen. Sogar Studierende, die zu Zeiten von sehr niedrigen Zinsen Studienkredite aufgenommen haben, sind im Zuge der Zinserhöhungen in echte Probleme geraten, weil sie plötzlich viel mehr zurückzahlen müssen. So können Menschen weniger investieren. Das wiederum wirkt sich auf Löhne und Arbeitslosigkeit aus: Sinken die Investitionen, gibt es weniger zu tun und damit weniger Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Die höhere Arbeitslosigkeit führt wieder zu niedrigeren Löhnen: Wenn viele Menschen um eine Stelle konkurrieren, sind die Bewerber:innen eher bereit, auch für wenig Geld zu arbeiten. Bei hoher Arbeitslosigkeit können sie also keine höheren Löhne fordern.

Das heißt, mit steigenden Zinsen können Zentralbanken Druck auf Löhne ausüben und damit eine Lohn-Preis-Spirale verhindern. Die Entstehung eines sich selbst verstärkenden Teufelskreises soll so verhindert werden – auf Kosten derjenigen, die dadurch weniger verdienen, arbeitslos werden oder ihre Kredite nun mit höheren Zinsen abzahlen müssen. Den momentanen Preisschock durch gestiegene Energiepreise können Zentralbanken mit höheren Zinsen allerdings nicht beeinflussen.

Die gestiegenen Preise haben in den vergangenen zwei Jahren unter Wirtschaftswissenschaftler:innen grundlegende Debatten ausgelöst über die Ursachen und richtigen Maßnahmen, um die Inflation abzuschwächen. Es wurde darüber diskutiert, was Inflation eigentlich bedeutet und wodurch sie aktuell vornehmlich ausgelöst wurde: der Energiepreisschock durch den Ukrainekrieg, eine Lohn-Preis-Spirale, staatliche Corona-Hilfen oder Übergewinne. Allerdings zeigen mehrere Analysen – unter anderem vom Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz an der Columbia-Universität –, dass die Energiekrise wesentlich stärker für die aktuellen Preisanstiege verantwortlich ist als staatliche Hilfszahlungen oder eine Lohn-Preis-Spirale – insbesondere in Europa.

Abgeschlossen sind diese Debatten jedoch noch nicht. Am strittigsten ist die Rolle von Übergewinnen als Ursache der höheren Preise. Die Ökonomin Isabella Weber erregte besondere Aufmerksamkeit, indem sie sagte, dass die aktuelle Inflation zum großen Teil durch übermäßige Profite von Unternehmen getrieben sei: Unternehmen könnten ihre Preise stärker erhöhen, als es die gestiegenen Energiekosten erfordern. Konsument:innen haben oft nicht die nötigen Einblicke, um das nachzuvollziehen.

Trotz zunehmender Hinweise durch etablierte Wirtschaftsinstitutionen ist noch nicht abschließend geklärt, inwieweit die Inflation durch Extraprofite von Firmen getrieben ist. In den Medien hat sich dennoch schon das Wort „Gierflation“ für Webers Argument etabliert. Dabei geht sie aber gar nicht von gierigen CEOs aus, sondern von strukturellen Anreizen in einer besonderen wirtschaftlichen Situation: einem Preisschock. Einige etablierte Ökonom:innen reagierten kritisch auf diese Analyse und Webers Forderung nach Preiskontrollen.

Es herrscht also Uneinigkeit unter Ökonom:innen. Analysen deuten auf verschiedene Ursachen hin und verlangen jeweils entsprechend andere politische Reaktionen – mit sehr unterschiedlich verteilten Gewinnen, Verlusten oder Kosten. Die plötzlichen Zinserhöhungen vieler Zentralbanken gingen vor allem zulasten von Menschen mit geringem Einkommen; Preiskontrollen und das Abschöpfen von Übergewinnen – wie es Isabella Weber vorschlägt – wären hingegen vornehmlich auf Kosten von Unternehmen und Staaten gegangen. Die Inflation polarisiert, weil sie grundlegende Verteilungsfragen an Politik und Wirtschaft stellt.

Titelbild: Daniel Biskup/laif

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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Alles, was du über die Inflation wissen musst

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30.03.2024

Wenn die Preise steigen und Menschen sich für das gleiche Geld weniger kaufen können, spricht man von Inflation. Anders gesagt: Das Geld ist dann weniger wert. Um das Ausmaß einer Inflation zu ermitteln, wird der Verbraucherpreisindex genutzt. Der gibt an, wie viel Geld eine in Deutschland lebende Person typischerweise pro Monat ausgibt. Mit dem monatlich gemessenen Verbraucherpreisindex kann dann die monatliche Inflationsrate berechnet werden. Dafür wird der Verbraucherpreisindex in einem bestimmten Monat mit dem Wert vor genau einem Jahr verglichen. Eine Inflationsrate von 6,2 Prozent im Juli 2023 bedeutet also, dass Menschen 6,2 Prozent mehr für die gleichen Waren und Dienstleistungen ausgeben müssen als noch im Juli 2022.

Unter Ökonom:innen ist mit Inflation oft ein noch spezifischeres Phänomen gemeint, das Lohn-Preis-Spirale heißt. Es beschreibt einen Teufelskreis aus steigenden Löhnen und Preisen: Wenn Preise steigen, fordern Arbeitnehmer:innen höhere Löhne, und wenn die Löhne steigen, erhöhen Unternehmen wiederum die Preise ihrer Produkte, um die gestiegenen Lohnkosten aufzufangen. Die Erhöhung von Preisen kann so zu einem sich selbst verstärkenden Prozess werden, der die Preissteigerung immer weiter verschärft. Während die letzte große Inflation in der damaligen Bundesrepublik in den 1970er-Jahren von einer solchen Lohn-Preis-Spirale gekennzeichnet war, sind wir davon heute weit entfernt. Die Löhne sind in den letzten Jahren deutlich weniger gestiegen als die Inflationsrate, was bedeutet, dass sie effektiv sogar gesunken sind. Das liegt wohl vor allem an der schwächeren Position von Gewerkschaften heutzutage im Vergleich zu den 70er-Jahren. Für die Inflation der vergangenen Jahre........

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