Paul, Jonathan und die AfD
Jonathan, ach ja, Jonathan. Mein Alter Ego. Eine Art zweites Ich, das ich vor über zwanzig Jahren einmal für Kurz- und Etappenprosa entwickelt habe. Mein literarisches Selbst, das es dank meiner Feder schaffte, meine Wenigkeit an Kuriosität und Schusseligkeit noch zu überbieten. Jonathan hat einen Freund. Das ist Paul: Betriebsrat, Gewerkschafter, Träger karierter Hemden, Che-Guevara-Tattoo aus der Jugend. In einem eheähnlichen Verhältnis zu sich selbst und zugleich auf der Suche nach dem Ich – vermindert schuldfähig. Beide Herren befinden sich bereits in den frühen Jahren des siebten Lebensjahrzehnts und wurden oft mit dem Attribut „Besserwessi“ versehen.
Es gab mal Zeiten, da unterhielten sich die beiden noch recht unbeschwert. Paul: zornig männlich, mit penetranter Betonung seiner weichen Seite. Jonathan: verschwenderisch ausgewogen, auf der Suche nach Verständnis und Verständigung und dabei den Blues schiebend – unterstützt durch Hilfsmittel, die mittlerweile legal zu bekommen sind.
Neben sozialkritischer gemeinsamer Reflexion unterhielt man sich darüber, was es mit einem macht, wenn junge Frauen einen auf dem Bürgersteig locker überholen, obwohl sie unbequemes Schuhwerk tragen. Die Lage ist aber mittlerweile viel ernster geworden.
Paul: Undank ist der Welten Lohn!
Jonathan: Wie bitte? Dein Ernst!?
Paul: Schau Dir doch einfach mal diese Typen an. Diese Ost-Faschos. Diese Rostocker Würstchen. Was die alles bekommen haben nach der Wende – und jetzt wählen sie nur noch diese blauen Nazis.
Jonathan: So einfach ist das aber nicht. Merkste selbst, oder?
Paul: Erinnerst Du Dich, als die in den Neunzigern rüberkamen? Als sie sich schnelle Autos kauften und von Arbeit nun echt nicht so viel verstanden? Und uns dann auch noch........
