fluter.de: In deinem Song „Baba Said“ sprichst du die iranische Regierung direkt an, aus dem Englischen übersetzt heißt es da: „Wie könnt ihr es wagen, über Leben und Tod zu entscheiden / Hört sie in den Straßen rufen / Zan, Zendegi, Azadi“ (persisch für „Frau, Leben, Freiheit“, Anm. d. Red.). Bringt dich als Deutsch-Iranerin solche Kritik am Regime eigentlich schon in Gefahr?

Mina Richman: Ich weiß es nicht. Aber ich werde sicherheitshalber nicht in den Iran reisen, solange die politische Lage sich nicht verändert. Ich kann nicht einschätzen, was online alles getrackt wird und ob das Regime weiß, wer ich bin, und mich bei der Einreise abfangen könnte. Da ich beide Staatsbürgerschaften habe, erkennt der Iran mich nicht als Deutsche an, sondern nur als Iranerin. Ich bin eine Frau, offen queer und habe einen Song gegen das Regime geschrieben. Das könnte im schlimmsten Fall tödlich für mich enden.

„Baba Said“ ist schon vor anderthalb Jahren entstanden, kurz nachdem die Freiheitskämpfer_innen im Iran im Herbst 2022 erstmals auf die Straße gegangen sind. Anlass war der Mord an der Kurdin Jina Mahsa Amini. Wie hast du den Ausbruch der Proteste damals erlebt?

Ich habe Hoffnung verspürt, weil es die größten Proteste im Iran seit langer Zeit waren. Natürlich hatte ich auch Angst um meine Familie vor Ort. Wochenlang habe ich permanent auf mein Handy geschaut und Nachrichten gehört. Den jungen Menschen dort, besonders den Frauen, wird so viel geraubt. Die mutigen Frauen im Iran riskieren ihr Leben, um Freiheit zu fordern. Ich kann hier frei sein, Musik machen, mich anziehen und lieben, wie und wen ich möchte. Meine Wut über diese Ungerechtigkeit und die Unterdrückung musste irgendwohin. Daraus entstand „Baba Said“.

Jetzt veröffentlichst du den Song erneut, dieses Mal als Teil deines Albums „Grown Up“. Hat sich die Bedeutung des Songs verändert?

Als ich „Baba Said“ geschrieben habe, war das Thema neu für viele Personen in Deutschland. In den darauffolgenden Monaten haben viele verfolgt, was im Iran passiert. Heute spiele ich den Song, um an die Menschen im Iran zu erinnern, die immer noch kämpfen, auch wenn die internationale Aufmerksamkeit abgeflacht ist. Wir dürfen nicht aufhören, darüber zu sprechen und zu berichten. Deswegen werde ich den Song so lange spielen, bis das Regime gestürzt ist.

Auch über die sozialen Medien teilst du Nachrichten aus dem Iran und politische Inhalte. Wie wichtig ist aus deiner Sicht die internationale Aufmerksamkeit für die Menschen vor Ort?

Während der Proteste ist noch mal sehr deutlich geworden, wie fragil die Kommunikationswege innerhalb des Irans sind. Die Regierung kann das Internet abschalten, Webseiten blockieren und Leute verfolgen, wenn sie sich über soziale Medien regierungskritisch äußern. Deswegen ist es essenziell, dass wir hier außerhalb des Irans laut sind. Sogar Instagram-Storys zu teilen bewegt mehr, als wir denken. Leider soll der Algorithmus die Reichweite von politischen Inhalten limitieren. Deshalb binde ich Politisches in meine Musik ein, so soll es meine Hörer_innen auf jeden Fall erreichen.

Gefährden deine Veröffentlichungen deine Familie im Iran?

Meine Familie im Iran ist sicher. Unsere Namen unterscheiden sich stark, weil ich den Namen meiner Mutter trage und meine Musik noch einmal unter einem anderen Namen veröffentliche. Aber mein Vater zum Beispiel wollte in dem Musikvideo zu „Grow Up“ sein Gesicht nicht zeigen – aus Angst vor negativen Konsequenzen bei der Einreise in sein Heimatland.

Der Song, von dem du sprichst, „Grow Up“, ist der erste und einzige, in dem du rappst. Welchen Effekt wolltest du damit erzielen?

Ich glaube, wenn die Melodie und die Verschnörkelung aus der Stimme herausgenommen werden, achten Leute mehr auf die Texte. In dem Song geht es um das Erwachsenwerden und wie die Gesellschaft mit weiblich gelesenen Körpern umgeht. Ich rappe diese Passagen, um bewusst nichts zu beschönigen.

Was heißt Erwachsenwerden für dich?

Erwachsenwerden heißt für mich reflektieren, alten Schmerz verarbeiten, loslassen, sich besser kennenlernen und sich die eigenen Schwächen – und Stärken – einzugestehen. Dafür musste ich lernen, um Hilfe zu bitten. Ich wollte immer alles allein schaffen, was unrealistisch und oft gar nicht notwendig ist. Die Menschen in meinem Umfeld um Unterstützung zu bitten und zu verstehen, dass ich dadurch nicht schwach bin oder versage, war ein richtiger Gamechanger.

Du thematisierst auch dein politisches Erwachen, die Scheidung deiner Eltern, Selbstliebe, Sexualität und persönliche Grenzen. Wie gehst du beim Songschreiben vor?

Meine Texte sind mir sehr wichtig. Die Leute sollen zuhören und die Geschichten verstehen, verschiedene Stimmlagen oder Techniken wie Rappen oder sogar Schreien können Aufmerksamkeit auf bestimmte Textpassagen lenken. Trotzdem schreibe ich meine Lyrics fast nie vor. Sie kommen mir beim Jammen mit meiner Band. Vor meinen Augen entstehen dann oft Bilder, oder ich fühle Emotionen und schreibe die Geschichten dazu. Songs sind also wie Container, in denen ich alles verwahren kann, was mich in verschiedenen Phasen meines Lebens beschäftigt – und das sind sowohl persönliche als auch politische Themen.

Du beendest dein Album mit dem Song „The Woman I Am Now“ (englisch für „Die Frau, die ich jetzt bin“, Anm. d. Red.) und blickst stolz auf die Person, die aus den Kämpfen der vorherigen Songs hervorgeht. Was hoffst du, durch deine Musik zu bewegen?

Die Songs auf „Grown Up“ erzählen meine Geschichte sehr ehrlich. Ich hoffe, dass Leute durch diese Ehrlichkeit die Situationen nachfühlen können, ihre eigenen Geschichten in meiner Musik erkennen und sich weniger allein fühlen.

Bilder: Jan Haller

Dieser Text wurde veröffentlicht unter der Lizenz CC-BY-NC-ND-4.0-DE. Die Fotos dürfen nicht verwendet werden.

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„Meine Wut über diese Ungerechtigkeit musste irgendwohin“

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14.03.2024

fluter.de: In deinem Song „Baba Said“ sprichst du die iranische Regierung direkt an, aus dem Englischen übersetzt heißt es da: „Wie könnt ihr es wagen, über Leben und Tod zu entscheiden / Hört sie in den Straßen rufen / Zan, Zendegi, Azadi“ (persisch für „Frau, Leben, Freiheit“, Anm. d. Red.). Bringt dich als Deutsch-Iranerin solche Kritik am Regime eigentlich schon in Gefahr?

Mina Richman: Ich weiß es nicht. Aber ich werde sicherheitshalber nicht in den Iran reisen, solange die politische Lage sich nicht verändert. Ich kann nicht einschätzen, was online alles getrackt wird und ob das Regime weiß, wer ich bin, und mich bei der Einreise abfangen könnte. Da ich beide Staatsbürgerschaften habe, erkennt der Iran mich nicht als Deutsche an, sondern nur als Iranerin. Ich bin eine Frau, offen queer und habe einen Song gegen das Regime geschrieben. Das könnte im schlimmsten Fall tödlich für mich enden.

„Baba Said“ ist schon vor anderthalb Jahren entstanden, kurz nachdem die Freiheitskämpfer_innen im Iran im Herbst 2022 erstmals auf die Straße gegangen sind. Anlass war der Mord an der Kurdin Jina Mahsa Amini. Wie hast du den Ausbruch der Proteste damals erlebt?

Ich habe Hoffnung verspürt, weil es die größten Proteste im Iran seit langer Zeit waren. Natürlich hatte ich auch Angst um meine Familie vor Ort. Wochenlang habe ich permanent auf mein Handy geschaut und Nachrichten gehört. Den jungen Menschen........

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