"Wende", "Wums", "Doppelwums": Wie Deutschland erwachsen wird
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"Wende", "Wums", "Doppelwums": Wie Deutschland erwachsen wird
04. März 2026 | Frank Priess
Der Historiker Herfried Münkler geht das Thema grundlegend an, der Journalist Holger Stark aus der Perspektive eines Entfremdeten: Wie sich Deutschland und die USA immer ferner werden. Zwei Rezensionen
Weckrufe gab es im letzten Jahrzehnt viele, „Zeitenwenden“ hatten wir, „Wums“, „Doppel-Wums“, „Booster“ aller Art. Ganz offensichtlich ist in der Welt eine Menge passiert, was uns nach den eher beschaulich-optimistischen Jahrzehnten seit dem Fall der Mauer und dem Genuss der Friedensdividende in einer neuen Wirklichkeit hat ankommen lassen. Viele Gewissheiten sind hinfällig geworden, etwa die, dass wir uns auf die USA als Sicherheitspartner so verlassen können wie früher. Das wusste schon Angela Merkel 2017 im Bierzelt von Trudering und in der Phase von Trump 1, viel passiert ist anschließend allerdings nicht.
Die Russen – Ältere erinnern sich noch an die „standing ovations“ bei Putins Rede 2001 im Deutschen Bundestag – haben mit ihrem brutalen Revisionismus und dem Angriff auf die Ukraine längst gezeigt, dass alte Bedrohungen auch neue sein können, „hard power“ und Militärisches als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln durchaus eine Option ist. Und China – meist leiser im Ton, aber umso konsequenter in der Verfolgung seiner strategischen Ziele – setzt uns wirtschaftlich so massiv unter Druck, dass das Modell Deutschland harte Zeiten durchlebt und auch bei uns von Deindustrialisierung und allen entsprechenden Konsequenzen die Rede ist.
Viele aktuelle Bücher – zwei seien hier besonders beleuchtet - zeigen dabei, dass wir keineswegs ein Erkenntnis- und Analyseproblem haben, auch wenn das in manchen politischen Debatten so scheint und viele Bürger mit ihrem Wahlverhalten nicht gerade demonstrieren, dass der Ernst der Lage verstanden ist. Wie im Brennglas hat die gerade zu Ende gegangene Münchner Sicherheitskonferenz in unzähligen Vorträgen, Diskussionsrunden und Hintergrundformaten gezeigt, mit welchen Baustellen wir es besonders zu tun haben.
Zeit-Journalist Holger Stark (Das erwachsene Land – Deutschland ohne Amerika – eine historische Chance) lenkt dabei den Blick ganz besonders auf den für uns in Sicherheitsfragen bislang zentralen Akteur, die USA, ein Land, das auf ihn immer eine besondere Faszination ausgeübt habe, bei dem er aber mittlerweile das Gefühl habe, nicht mehr im gleichen Team zu spielen. Er beschreibt eine 25jährige Entfremdungsgeschichte, die „lange vor Donald Trump begann, aber mit ihm einen vorläufigen Höhepunkt gefunden hat.“ Stark: „Unter Donald Trump gibt es keine Gemeinschaft und kein Wir mehr.“
Was Marco Rubio in München wirklich sagte
Aber halt: Hat nicht gerade US-Außenminister Marco Rubio in München den Zusammenhalt des Westens und die westliche Zivilisation beschworen, an Beethoven, deutsches Bier und die Sixtinische Kapelle erinnert, dazu aufgefordert, ein „neues westliches Jahrhundert zu schaffen“? Hat er, aber war die Botschaft wirklich die, die man gern verstanden hätte, passen die Taten der US-Regierung zu einem solchen Verständnis, oder ist nicht das Signal, das er anschließend mit seiner Reise zu den EU-Verächtern in Ungarn und der Slowakei setzte - dreiste Wahlkampfhilfe und Einmischung inklusive – nicht viel selbsterklärender? Ist die in München spürbare Erleichterung von kurzer Dauer? Hat wenigstens der finnische Präsident Stubb Recht, wenn er davon spricht, man habe die „Temperatur gesenkt“, die nach Davos und Grönland sehr hoch gewesen sei?
Vielleicht passt auch beides zusammen. Stark zeichnet in seinem Buch nach, welchen Westen Trump und Rubio meinen: den der Nationalstaaten, stolz auf die eigene Geschichte ohne Wenn und Aber, frei von „Scham und Schuldgefühlen“, christlich fundamental, weiß dominiert, mit einer inklusiv definierten Kultur, in der Migranten keinen Platz haben. Und eingereiht hinter die Führung der USA selbstverständlich, die, so Rubio, notfalls auch allein unbeirrt ihren Weg gehen. In Gaza, im Iran, in Venezuela, in der Ukraine. Zu diesem Weg gehören dann auch gern Strafzölle, die für Verbündete sogar drastischer ausfallen können als für Gegner, militärische Alleingänge, Ignoranz gegenüber dem Völkerrecht, Verachtung für Multilaterales, zurückgezogen auf sich selbst. Schon immer, so Stark anhand zahlreicher Beispiele, hätten die USA zwischen Imperialismus und Isolationismus geschwankt. Im Moment bekommen wir beides zu sehen, was selbst manche in Trumps MAGA-Bewegung überfordert: Man droht Verbündeten wie Dänemark in Sachen Grönland, denkt über den Anschluss Kanadas nach, macht die Monroe-Doktrin zur Dominanz in der westlichen Hemisphäre zur „Donroe-Doktrin“ und interveniert in Venezuela........
