menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Verkürzte Arbeitszeit: Mehr Zeit für Gesundheit und Protest

20 6
22.02.2026

Wahrscheinlich alles Dinge, um die sich Kanzler Friedrich Merz einen Dreck schert: »Arbeitsbedingungen«, »Work-Life-Balance« und »Arbeitgeberattraktivität«. Trotzdem hat eine Studie Unternehmen dazu befragt, die auch nach einer Pilotstudie zur Vier-Tage-Woche vor rund zwei Jahren bei weniger Stunden blieben. 75 Prozent der Unternehmen berichten nun von einer besseren Arbeitgeberattraktivität, 94 Prozent geben an, die Arbeitsbedingungen und die Work-Life-Balance seien besser. Weniger Arbeitszeit zu fordern, ist also nicht illusorisch. Sondern umsetzbar, mit positiven Folgen.

Gerade in einer Zeit, in der Fälle psychischer Erkrankungen ein Rekordniveau erreichen, sollten die Ergebnisse wachrütteln. Die Beschäftigten in den Firmen mit weniger Arbeitszeit melden weniger Burnout, 38 Prozent der Firmen weniger Krankheitstage. Es zeigt einen Weg, wie die Gesellschaft einen erhöhten Krankenstand tatsächlich bekämpfen kann. Nämlich durch bessere Arbeitsbedingungen – und nicht dadurch, telefonische Krankmeldungen abzuschaffen, wie Merz wahnwitzigerweise vorschlägt. Das macht Menschen auch nicht mehr oder weniger krank, sondern überflutet nur die Arztpraxen. Vielleicht sollte Merz mal seine Stunden verringern, um auf bessere Ideen zu kommen.

Weniger Arbeitszeit könnte man nach den Studienergebnissen sogar ökonomisch begründen, auch wenn Politiker in der Debatte die Arbeitszeit oft mit einer höheren Arbeitsproduktivität gleichsetzen. Das ist Blödsinn. Die Beschäftigten, die weniger arbeiten, schätzen ihre Produktivität selbst höher ein. Und die Finanzkennzahlen der Firmen blieben während der Pilotphasen trotz weniger Arbeitsstunden stabil. Gleichzeitig zeigt sich, dass hinter den Schreien der Politiker nach mehr Produktivität noch etwas anderes steckt: der Wunsch, die Lohnabhängigen gefügig zu machen.

Jedoch sollte man die Beschäftigten nicht dieser Logik unterwerfen und die Forderung nach weniger Arbeitszeit also nicht ökonomisch begründen. Sondern damit, dass sie gesünder ist, wie die neue Befragung zeigt. Und mehr Zeit für ein selbstbestimmtes Leben bietet. Beispielsweise auch mehr Zeit, um gegen Merz auf die Straße zu gehen.


© Neues Deutschland