Macht der Gewohnheit
05. Juni 2026 – 20. Siwan 5786
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Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt
In diesem Wochenabschnitt beauftragt Mosche seinen Bruder Aharon damit, die Menora im Stiftszelt zu entzünden. Er führt diesen Auftrag aus. So weit, so erwartbar. Doch dann fügt die Tora einen scheinbar überflüssigen Satz hinzu: »Aharon tat es … wie Gʼtt es Mosche befohlen hatte« (4. Buch Mose 8,3).
Der große Kommentator Raschi (1040–1105) bemerkt hierzu, dieser Vers wolle betonen, dass Aharon kein einziges Detail übergangen habe. Doch damit öffnet Raschi unweigerlich eine tiefere Frage: Hätte Aharon denn überhaupt einen Grund gehabt, von dem Befehl abzuweichen? Er war der Hohepriester, ein Mann von unbestrittener Integrität. Ist es nicht selbstverständlich, dass er alles genau so ausführte, wie befohlen? Die Tora verschwendet bekanntlich keine Tinte. Mit jedem Wort, ja mit jedem einzelnen Buchstaben lässt sich die Welt ein Stück besser verstehen. Weshalb also dieses Lob?
Rav David Soloveitchik, einer der bedeutendsten Rabbiner Jerusalems um die Jahrtausendwende, gibt eine Antwort, die einen innehalten lässt. Das Lob, schreibt er, galt nicht dem ersten Tag. Es galt jedem einzelnen Tag, 40 Jahre lang, bis zu Aharons Tod. Jeden Morgen, in der Stille des Zeltheiligtums, entzündete Aharon die Menora. Mit derselben Präzision wie am ersten Tag. Mit derselben inneren Andacht. Ohne Nachlässigkeit, ohne Gewöhnung, ohne das schleichende Gefühl, dass es diesmal auch »gut genug« sein würde.
Diese 40 Jahre waren nicht nur eine Zeit des Dienstes, sie waren auch eine Zeit tiefer persönlicher Prüfungen. Aharon erlebte Aufstände im Lager, Spannungen innerhalb des Volkes, politische Erschütterungen. Und er trug einen Schmerz, der für einen Vater kaum zu beschreiben ist: Er verlor zwei seiner Söhne auf tragische Weise. Nadaw und Awihu, beide Priester, beide im Dienst Gʼttes und dennoch plötzlich nicht mehr da. Die Tora beschreibt Aharons Reaktion auf diesen Verlust mit einem einzigen, erschütternden Wort: Schweigen. Und am nächsten Morgen stand er wieder vor der Menora. Nicht weil es leicht war. Sondern weil es das war, wozu er berufen war.
Wir leben in einer Zeit, die Ausdauer selten feiert
Wir leben in einer Zeit, die Ausdauer selten feiert. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich........
