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Aufrüster in jeder Preisklasse

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Görgen geht in die Rüstung : Aufrüster in jeder Preisklasse

Der ehemalige Kulturpolitiker Andreas Görgen wird Vorstandsmitglied bei einem führenden U-Boot-Hersteller. Was sagt uns das über den Stand der deutschen Erinnerungskultur?

Das Wort „Aufrüstung“ hat in letzter Zeit eine signifikante semantische Ausdehnung erfahren. Von medialer Aufrüstung wird beispielsweise gesprochen, wenn in Filmen oder in der Werbung immer stärkere Effekte nötig sind, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. Vor rhetorischer Aufrüstung haben wir an dieser Stelle selbst schon gewarnt, wenn ein politisches Talent sich in einem neuen Ton ausprobiert hat oder im Parlament unerhörte Kraftausdrücke fielen. Von kultureller Aufrüstung hingegen will die Welt noch nichts gehört haben? Wenn, dann nur, weil sie Andreas Görgen nicht genau genug zugehört hat: dem ehemaligen Siemens-Manager mit sozialdemokratischer Aufwärtsmobilität in kultur- und neuerdings auch rüstungspolitischer Hinsicht, der sich erst als Frank-Walter Steinmeiers Abteilungsleiter für Kultur im Auswärtigen Amt emporarbeitete und später als Amtschef der Kulturstaatsministerin Claudia Roth tätig war. In letzterer Funktion erwarb er sich den Ruf eines moralkulturellen Wadenbeißers, der seine Fortschrittsversprechen um jeden Preis durchzusetzen wusste.

Kultur als geopolitische Waffe

Also etwa den sogenannten „Postkolonialismus“ als festen Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur zu installieren, Benin-Bronzen an die Herkunftsländer zurückzugeben und zweifelhafte Kulturkooperationen mit menschenrechtsrüden Ländern einzugehen. Insbesondere die von Görgen initiierte Zusammenarbeit zwischen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der saudi-arabischen Museumsbehörde kann als Inbegriff einer angedealten kulturellen Aufrüstung verstanden werden – nutzte Saudi-Arabien die Verbindung zu deutschen Kulturinstitutionen doch gezielt, um sein internationales Ansehen zu verbessern. Die Idee, Kultur als geopolitische Waffe zu nutzen, verfolgt Görgen seit geraumer Zeit.

Waschechter Kultur-Kolonialist?

Schon 2016 gab er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk als seine Grundüberzeugung an, dass durch den deutschen Kulturexport nach Saudi-Arabien „eine Grundlage gelegt wird für die Öffnung eines solchen Landes“. Das klingt nach einem waschechten Kultur-Kolonialisten, der sich allerdings stets gut mit dem Deckmantel eines „global citizenship“ zu tarnen wusste. Nun aber entpuppt sich der Weltbürger als Waffennarr: Görgen ist im fliegenden Galopp von der Kultur in die Rüstungsindustrie gewechselt und fortan als Vorstandsmitglied eines führenden U-Boot-Fabrikanten tätig.

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Schon ist er auf Fotos als strahlender Verkäufer eines Schiffes an die brasilianische Marine zu sehen. Man darf gespannt sein, wohin seine früheren kulturellen Rüstungsbeziehungen Görgen als nächstes führen. Und ob er die moralischen Ansprüche, die er als graue Eminenz an den Kulturbetrieb stellte, nun als zeitenwendiger Militärhändler selbst erfüllen kann.

Simon StraußRedakteur im Feuilleton.

Redakteur im Feuilleton.

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