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Der Römer ist kein Gewerkschaftsbüro

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DGB-Fahne am Rathaus : Der Römer ist kein Gewerkschaftsbüro

Am Römer in Frankfurt wird die Flagge des Deutschen Gewerkschaftsbundes gehisst. Warum eigentlich?

Wenn das neue Jahr in Frankfurt beginnt, gibt es eine klare Reihenfolge. Als Erster lädt traditionell der Deutsche Gewerkschaftsbund zu einem Neujahrsempfang ein. Es folgen die Stadt und die Industrie- und Handelskammer. Städtische Vertreter, der Oberbürgermeister vorneweg, finden sich im Regelfall bei allen drei Terminen ein. So gehört es sich auch: Die Stadtverwaltung blickt auf Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, also Unternehmen, mit der gleichen Freundlichkeit.

Im Laufe der nächsten Monate schwindet diese Neutralität. Als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, kündigte die Stadt Frankfurt Ende vergangener Woche an, dass am Dienstag aus Anlass des bevorstehenden „Tages der Arbeit“ auf dem Römer die Fahne des Deutschen Gewerkschaftsbundes gehisst werde. Die Fahne des DGB? Sauber ist das nicht. Die Frankfurter Stadtverwaltung hat mit dem DGB so viel oder wenig zu schaffen wie mit allen anderen Verbänden oder sonstigen Organisationen in der Arbeitswelt. Dass aber die Fahne der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (falls die überhaupt eine Fahne haben) auf dem Rathaus gehisst würde, ist bisher unbekannt. Es wäre im Übrigen genauso falsch.

Die Stadtverwaltung sollte nicht einseitig handeln

Sobald – wie in früheren Jahren – die Gewerkschaftsfahne auf dem Römerbalkon gehisst wurde, werden im Römer Gewerkschafter und Betriebsräte beim „Mahl der Arbeit“ bewirtet. Das ist eine traditionsreiche Veranstaltung, und dagegen ist wiederum überhaupt nichts einzuwenden. Im Römer geben sich das Jahr über verschiedene Gruppen ein Stelldichein, und auch Unternehmer sind dort regelmäßig zu Gast.

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Man darf das Hissen einer Fahne nicht überbewerten. Aber die symbolische Parteinahme für die eine von zwei Seiten des Wirtschaftslebens fügt sich in ein ungutes Bild, zu dem zum Beispiel auch gehört, dass im Römer vor Kurzem beschlossen wurde, Mietern werde unter bestimmten Umständen der Mitgliedsbeitrag in einem Mieterverein erstattet, während niemand auf die Idee kam, dass sich Wohnungseigentümer das Geld für den Verband Haus & Grund von der Stadtverwaltung zurückzahlen lassen könnten.

Eine Stadt kann aber nur florieren, wenn beides stimmt: wenn fleißige Unternehmer Arbeitsplätze einrichten, auf denen fleißige Arbeitnehmer Wohlstand schaffen, wenn private Investoren Wohnhäuser bauen, in denen dann solvente Mieter leben, wenn kurz gesagt die kapitalistische Wirtschaft funktioniert. Ohne die beachtlichen Gewerbesteuerzahlungen wäre die öffentliche Daseinsvorsorge nur ein Schatten ihrer selbst. Ein bisschen weniger Parteinahme wäre deshalb schön. Der Römer ist kein verlängerter Arm der Privatwirtschaft, aber ein Gewerkschaftsbüro ist er auch nicht.

Manfred KöhlerRessortleiter der Rhein-Main-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Ressortleiter der Rhein-Main-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


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