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Juli Zeh stellt dem moralischen AfD-Diskurs entgegen, was ihm fehlt: Die Zumutung der Nähe

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Die Reaktionen auf Juli Zehs Interview über ihr Dorf in Brandenburg sagen mindestens so viel über den Zustand der politischen Öffentlichkeit wie über die AfD. Kaum hatte Zeh in der taz beschrieben, wie sie seit Jahren mit Nachbarinnen und Nachbarn zusammenlebt, von denen viele AfD wählen, setzte ein vertrautes Muster ein: Empörung, Warnungen vor Verharmlosung, der Vorwurf gefährlicher Naivität. Wieder einmal schien festzustehen, dass jemand „den Ernst der Lage“ nicht begriffen habe.

Dabei liegt der eigentliche Ernst der Lage woanders.

Zeh spricht in dem Interview nicht über die AfD als politische Organisation, nicht über ihre Programmatik, ihre Netzwerke oder ihre autoritären Ambitionen. Sie spricht über Menschen. Über Nachbarschaft, Alltag, geteilte Räume, über soziale Beziehungen, die politische Differenzen aushalten müssen, wenn Gesellschaft mehr sein soll als ein moralisch sortierter Debattenraum. Diese Perspektive ist keine Verdrängung, sondern eine empirisch geerdete Nahbeobachtung – und gerade deshalb politisch verdienstvoll. Denn sie richtet sich gegen einen Diskurs, der sich in Teilen des linksliberalen Milieus längst verselbständigt hat.

In den großen Städten, in Redaktionen, Talkshows und sozialen Medien hat sich ein Ton etabliert, der politische Klarheit mit moralischer Zuspitzung verwechselt. AfD-Wählerinnen und -Wähler erscheinen darin weniger als soziale Akteure mit widersprüchlichen Motiven denn als abstrakte Gefahrenquelle. Die eigene Position wird dabei nicht selten aus einer Haltung moralischer Überlegenheit heraus formuliert, die wenig Interesse an sozialen Realitäten jenseits der urbanen Erfahrungsräume erkennen lässt.

Zehs........

© der Freitag