Welche Auswirkungen der Zaun um den Görli in Kreuzberg auf das Sozialleben in Ost und West hat
Seit dem 1. März schließen die Türen des Zauns um den Görlitzer Park abends um 22 Uhr. In der Provinz ist dann vielleicht eh keiner mehr unterwegs, das gilt aber nicht für Kreuzberg, wo die Nächte bekanntermaßen lang sind, und ebenso wenig für die anliegenden Innenstadtbezirke der Nachtleben-Metropole Berlin.
Hier soll es jedoch nicht um den Sinn oder Unsinn des umzäunten Parks zur Bekämpfung von Drogenhandel und anderen Ausformungen der Kriminalität gehen. Hier geht es um seine Wirkung auf das Sozialleben von Leuten aus Teilen von Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain, für die Radfahrer unter ihnen. Und es stiegen angesichts der katastrophalen Ost-West-Verbindung mit der BVG viele aufs Rad, um von hier nach dort zu kommen.
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Nur mal ein Beispiel: Mein Neffe, der in der Proskauer Straße in Friedrichshain wohnt, würde zu unserer Adresse im sogenannten Kreuzkölln mit den Öffentlichen eine gute Dreiviertelstunde brauchen, wenn die drei Umstiege klappen, mit dem Rad sind es knapp 20 Minuten. Da werden selbst Radmuffel schwach.
Eine Freundin aus Friedrichshain fragte mich jedenfalls kurz nach Schließung des Parks, ob wir uns nicht ein bisschen früher treffen könnten, denn sie wolle dann – aus bekannten Gründen – kurz vor zehn los. Dem bewussten Neffen, der am Sonntagabend von Friedrichshain zu uns nach Neukölln zum Essen kam, fiel erst kurz vor 22 Uhr wieder ein, dass er eigentlich losmüsste, um noch durch den Görli zu kommen, wir waren noch mitten im Gespräch. „Zwölf Minuten, schaffe ich das?“, fragte er panisch. Dann suchten wir hektisch seine Sachen zusammen, Anorak, Schal, ich stellte ihm die Schuhe hin, und er raste die Treppe hinunter.
Nicht dass sich die Pferde in Mäuse verwandeln
Als ich ihm hinterherblickte, wie er zwei Stufen auf einmal nahm, fiel mir das Märchen vom Aschenputtel ein. Sie muss bei den Bällen des Prinzen im Schloss auch ständig auf die Zeit achten, erlischt doch um Mitternacht der Zauber, und sie stünde statt im Ballkleid in Lumpen da, die Kutsche verwandelte sich wieder in einen Kürbis und die sechs Pferde in Mäuse. Sie muss also wirklich dringend los.
Vielleicht ist es eine Frage der Gewöhnung, vielleicht bleiben bald alle wieder länger und nehmen klaglos den Umweg in Kauf, den der Zaun erzwingt. Diese Aschenputtel-Momente können jedenfalls kein Dauerzustand sein.
