Kulturhistoriker: Leute, die etwas zu sagen haben, kommen nicht vor neun Uhr zur Arbeit
Wir tun es täglich und denken nicht darüber nach: aufwachen. Christoph Ribbat legt nun eine Kulturgeschichte des Aufwachens vor. Er erzählt, wie Aufwachen zur Bürgerpflicht wurde, sich der Blick auf Träume verändert hat und was der französische Philosoph Jean-Paul Sartre über den Wecker sagte.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit dem Aufwachen zu beschäftigen?Ich bin kein so guter Schläfer, deshalb hat mich Schlaf immer interessiert. Und wenn man Schlafprobleme hat, ist der schönste Moment, wenn man morgens aufwacht. Denn das bedeutet, dass man irgendwann eingeschlafen ist. Deshalb war das für mich immer positiv besetzt.Metaphorisch ist dieser Begriff auch positiv besetzt. „Wacht auf, Verdammte dieser Erde“, heißt es in der Internationale, man spricht von Frühlingserwachen, von einem wachen Verstand.Wer immer alles erwachen soll, ob das jetzt die Arbeiterklasse ist oder irgendeine Nation oder Christen oder sonst jemand. Dieses Metaphorische hat mich nicht interessiert, sondern der konkrete Prozess.
Ihrem Buch habe ich entnommen, dass es eine Kontroverse um den Tagesbeginn gibt oder gab. Sie beschreiben, Mönche, die stolz darauf waren, schon am sehr frühen Morgen aufzuwachen, aber Sie erwähnen auch aufwachkritische Gedichte. Die Mönche konnten nicht beten, wenn sie schliefen, aber zu beten war das Wichtigste überhaupt. Deshalb mussten sie früh aufwachen. Und die, die besonders früh wach waren und auch nicht noch mal ins Bett gegangen sind, zwischen dem ersten Gebet um vier Uhr morgens und dem zweiten um sieben Uhr, die waren die vorbildlichsten Mönche. Und dann gibt es aber auch zeitgleich die mittelhochdeutschen Tagelieder, eine höfische Liedgattung, die das geheime, verbotene Beisammensein etwa eines Ritters und einer Hofdame thematisieren. Die verabschieden sich nach einer Liebesnacht bei Tagesanbruch voneinander und begrüßen den Tagesanbruch gar nicht.
Einen neuen Begriff habe ich bei Ihnen gelernt: Schlafträgheit. Was ist das?Alle Menschen haben morgens diese Phase, die vielleicht eine viertel oder halbe Stunde dauert, in der sie offiziell wach sind, aber irgendwie auch nicht. Diese Phase gehört halb zum Schlaf, halb zum Wachsein. Es gibt zwar diesen Moment, in dem ich merke, dass ich wach bin, aber trotzdem noch im Zustand der Schlafträgheit.Trägt dem die Snooze-Funktion des Weckers Rechnung, die Schlummertaste?Erfunden wurde diese Funktion in den 50er-Jahren, und für den Konsumenten war das erstmal ein super Gefühl. Man hat es sozusagen mit einem liberalen Wecker zu tun. Einer, mit dem man reden kann. Aber Schlafforscher sagen, dass das gar nicht so gut ist. Der Schlaf nach dem Drücken der Snooze-Taste ist ein flacher Schlaf, nicht sehr erholsam. Man kriegt eigentlich nichts Gutes dafür.
Wie man über Träume nachdenkt, hat sich verändert
Wie hat sich denn das Aufwachen über die Jahrhunderte verändert? Bis ins Mittelalter sind die allermeisten Menschen aufgewacht, wenn es hell wurde. Oder durch das Krähen der Hähne, das Muhen der Kühe oder wenn die Kinder sich meldeten. Dann kam der Wecker ins Spiel. Auch hat sich verändert, wie man über Träume nachdenkt. Heute nähern wir uns Träumen wie Hobbypsychologen. Wir fragen uns, was ein bestimmter Traum über unsere Beziehung aussagt oder über die Kindheit. Träume zu interpretieren ist ein Volkssport. Früher dagegen glaubte man, Träume sagen die Zukunft voraus. Was ich träume, wird passieren.Gibt es noch mehr Veränderungen?Vor der Neuzeit sind die Menschen aufgewacht und es waren Leute um sie herum, Kinder, Mägde, Knechte. Man hat mit ihnen vielleicht sogar in einem Zimmer geschlafen. Selbst Königinnen und Könige haben mit ihren Höflingen im selben Raum geschlafen. Heute wacht man auf und hat höchstens seine Partnerin oder Partner neben sich, vielleicht ist da auch ein kleines Kind, ein Hund oder eine Katze, oder man ist allein.
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Der Zeitpunkt des Aufwachens ist irgendwann zu einer Klassenangelegenheit geworden, wie Sie ausführen. Heißt das Bessergestellte konnten länger schlafen?Definitiv. Das hat sich im 19. Jahrhundert so entwickelt. Vorher sind die Leute gleichzeitig aufgewacht. In den Kanzleien des 19. Jahrhunderts dann, den Vorläufern heutiger Büros, sind die Leute, die etwas zu sagen hatten, nicht vor neun Uhr zur Arbeit gekommen. Das ist im Grunde heute noch so. Arbeiterinnen und Arbeiter im Industriekapitalismus mussten dagegen anfangen, wenn die Schicht losging. Total früh. Und sie haben Gehaltsabzüge bekommen, wenn sie nicht pünktlich da waren. Da war Aufwachen eine Existenzfrage. Ironischerweise haben schon damals die ausschlafenden Bürger immer wieder betont, wie schlampig die Arbeiter mit ihrer Zeit umgehen würden. Die würden immer bis in die Puppen im Bett liegen. Ein Diskurs, der an CDU-Wirtschaftsflügel heute erinnert.
Bis heute gibt es Gerichtsprozesse um das Läuten von Kirchenglocken.
In Frankreich haben sich Bessergestellte irgendwann über das frühe Läuten der Kirchenglocken beklagt.Es gibt ein tolles Buch des französischen Historikers Alain Corbin, „Die Sprache der Glocken“. Er beschreibt, wie wichtig die Glocken für den gesamten Tagesablauf waren, vom Aufwachen angefangen. Bis zum Beginn der frühen Neuzeit konnten die meisten Leute die Uhr nicht lesen. Die Glocken haben das ganze Leben strukturiert. Aber dann, um 1900, verlangte das Bürgertum, sie hätten es gern ein bisschen später als fünf Uhr. Sie fühlten sich geradezu persönlich beleidigt, dass sie nicht individuell bestimmen konnten, wann sie aufstehen. Und so gibt es bis heute Gerichtsprozesse um das Läuten von Kirchenglocken.
Heute frühstückt man meist direkt nach dem Aufwachen. War das schon immer so?Das Frühstück galt im Mittelalter als Völlerei. Es gab damals nur zwei Mahlzeiten, eine am späten Vormittag und eine am Nachmittag. Das hat sich mit der Einführung von Kaffee geändert, damit hat sich die erste Mahlzeit am Tag nach vorne verlagert.
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Bemerkenswert, dass unsere Frühstücksgetränke sämtlich aus den Kolonien kamen: Kaffee, Tee und auch Kakao.Im Grunde sind das aufputschende Drogen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter und auch die bürgerlichen Angestellten kamen mit einem leichten Kaffee-High zur Arbeit, während die Sklaven, die diesen Kaffee geerntet haben in den Kolonien, ein immenses Schlafdefizit hatten, weil sie ständig zur Arbeit gezwungen wurden. Es ist eine Ironie: Müde Sklaven haben den Kaffee geerntet, mit dem sich das europäische Bürgertum wachhielt.Sie nennen die Aufklärung, in der sich die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entwickelt hat, koffeingetrieben. Was meinen Sie damit?Es gibt bekannte Studien dazu, dass die moderne Demokratie auf dem Kaffeehaus fußt, auf den Debatten, die dort geführt wurden. Erst dann wanderte der Kaffee ins Heim, in die Familien.
Platon hat den ersten Wecker erfunden. Wie kam das?Er wollte die Schüler in seiner philosophischen Akademie wecken. Und er hielt auch nichts vom Ausschlafen. Man sollte früh aufstehen und dann gleich philosophieren. Damals gab es Wasseruhren, die mithilfe von tropfendem Wasser die Zeit gemessen haben. Plato hat eine Pfeife an eine Wasserröhre bauen lassen, und wenn die Röhre voll war, hat die Pfeife gepfiffen.Was gab es noch für Wecker, bevor die mechanischen erfunden worden sind?Neben den Wasseruhren gab es auch Sanduhren, beide waren nicht sehr genau. In den Klöstern musste man bereits um vier Uhr morgens aufwachen. Eine lustige Quelle aus dem 13. Jahrhundert beschreibt einen Klosterdiener, der dafür verantwortlich war, die Mönche pünktlich zu wecken. Er selbst wurde von einer Wasseruhr geweckt, die so funktionierte, dass ein Gewicht auf die Erde fiel, wenn eine bestimmte Uhrzeit erreicht war. Von diesem Krach wurde er wach. Dann musste er aber noch mal rausgehen, und anhand der Sterne prüfen, ob die Uhrzeit wirklich stimmte. So konnte das nicht weitergehen.
Das Schlafdefizit der breiten Masse
Aber die mechanischen Wecker als Massenprodukt kamen erst viel später, oder?
Das war um 1900, in den Hochzeiten des Industriekapitalismus. Die Firma Junghans brachte Wecker mit dem Namen „Terror“, „Krawall“ oder „Radau“ auf den Markt. Und ich glaube, es sagt auch etwas über das Schlafdefizit der breiten Masse. Wenn man Wecker kauft, die „Terror“ heißen, ist die Not groß.
Im Kapitalismus ist Zeit eben Geld und wir verkaufen unsere Zeit für Geld. Daher kommt wahrscheinlich auch so ein Sprichwort wie „Morgenstund hat Gold im Mund“, oder?Ja, und seitdem ist das Aufwachen als Bürgerpflicht so positiv aufgeladen. Aber die spannendere Geschichte ist dieser Konflikt zwischen dem Menschen, der gern noch schlafen würde und dem Druck der Gesellschaft oder auch anderer Ereignisse. Ich habe einen ukrainischen Wissenschaftler interviewt, der die Träume seiner Landsleute erforscht, und der seit Beginn des russischen Angriffskriegs selbst immer sehr früh aufwacht, mal vom Luftalarm, mal nicht. Er bleibt dann aber quasi aus Protest liegen, statt am Morgen „etwas Nützliches“ zu tun. Die Gespräche mit ihm haben mich sehr beeindruckt.
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Sie zitieren Sartre, der sich intensiv mit der Beziehung zwischen Mensch und Wecker beschäftigt hat und so weit geht zu sagen, dass der Wecker verhindert, dass sich der Mensch mit seinem Verhältnis zur Welt und dem eigenen Leben auseinandersetzt. Hat er das näher ausgeführt?Bei Sartre muss ich mich offiziell entschuldigen, denn ich stelle ihn als veraltet dar, weil er die Wecker vor Snooze beschreibt. Aber je mehr ich über heutige Schlaf-Apps und Aufweckroutinen nachdenke, und die ganze Rolle, die Technologie dabei spielt, desto klarer wird mir, wie recht er hatte. Letztendlich sagt Sartre: Du willst Freiheit, dann stell den Wecker nicht. Wenn du nicht aufwachen oder aufstehen will, dann wähle diesen Weg, auch wenn er vielleicht Angst macht. Wenn ich von Leuten höre, die jeden Morgen auf die Schlaf-App gucken und sich Sorgen machen, dass ihr Schlafqualitätskoeffizient nicht hoch genug ist, dann verstehe ich Sartre auch so, dass man von dem Moment an, in dem man die Augen aufschlägt, fremdbestimmt ist – sich aber auch dagegen wehren kann.
