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Es geht los: Hans Scharouns Stabi wird für 1,1 Milliarden saniert – mindestens

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13.02.2026

Dass das ikonische Gebäude der Staatsbibliothek von Hans Scharoun an der Potsdamer Straße marode ist, weiß man schon lange. Bereits 2019 gab es einen Wettbewerb für die denkmalgerechte Sanierung des Hauses, den die Architektensozietät gmp für sich entschieden hat. Doch jetzt erst ist das Geld da: 1,1 Milliarden Euro vom Bund. Es kann also losgehen. Das bedeutet auch: Von 2030 an wird das Haus für elf Jahre schließen – bis 2041. Mindestens, muss man wohl anfügen. Das gilt sowohl für die veranschlagte Summe als auch für die Dauer der Sanierung, denn dass alles länger dauert und teurer wird bei öffentlichen Bauten, daran hat man sich fast schon gewöhnt.

Man muss nur über die Straße schauen, zur Baustelle des Museums für die Kunst des 20. Jahrhunderts, des „Berlin Modern“, das nicht nur ein Jahr später als geplant fertig werden soll, also 2028. Auch die Baukosten sind von den ursprünglich bewilligten 200 Millionen peu à peu auf 507 Millionen Euro gestiegen. Deshalb sind für die Stabi schon jetzt 350 Millionen Euro für Risiken und Baukostensteigerungen eingeplant.

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Dass das viel Geld ist, ist allen klar. Der Hintergrundtermin, zu dem die Stiftung Preußischer Kulturbesitz am Mittwochabend einlud, war jedenfalls Chefsache; die Präsidentin Marion Ackermann berief sich angesichts der Summe auf einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess. „Das ist es uns wert“, sagte sie.

Gegen die Vermutung, Bibliotheken würden in Zeiten der Digitalisierung an Bedeutung verlieren, wandte sich der stellvertretende Generaldirektor der Stabi. Er räumte zwar ein, dass die Ausleihe an Bedeutung verliert, aber die Bedeutung öffentlicher Bibliotheken als Arbeitsort und Treffpunkt nehme zu. Zwei- bis dreitausend Besucher hat das Haus am Tag.

Überall in der Stabi wurde Asbest verbaut

Warum die Arbeiten so lange dauern, und warum das so viel kostet, legte Sebastian Pohle, der zuständige Referatsleiter vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, überzeugend dar: Zum einen ist das Gebäude mit seinen 114.000 Quadratmetern Brutto-Grundfläche einfach riesig, es hat schwer abzudichtende Flachdächer, dazu steht es unter Denkmalschutz, man denke nur an die Lichtkalotten in der Decke über dem Lesesaal, die Glaswände von Alexander Camaro und Günter Ssymank. Der Natursteinfußboden im Foyer, 5000 Quadratmeter groß, ist ein Werk des Künstlers Erich Reuter, bei dem Quarzite und Schieferplatten in verschiedenen Größen und Formen verwendet wurden, gegliedert durch weißen Carraramarmor, nur leider schadstoffbelastet. Der Asbest verbirgt sich im Fliesenkleber.

Das heißt, alle Steine müssen raus, sie müssen gereinigt, gelagert und kartiert werden, damit man sie an ihrer ursprünglichen Stelle wieder verlegen kann. Die Gelegenheit, das Foyer mit einer Fußbodenheizung zu versehen, wird dabei auch gleich genutzt. Pohle spricht von Rohrleitungen, die durchlöchert seien wie ein Fahrradschlauch, von 2000 Kilometern Elektroleitungen, die erneuert werden müssten; und  Schadstoffe, es ist vor allem Asbest, befinden sich eigentlich fast überall, sogar im Putz. Da müssen Spezialfirmen ran, allein das wird vier Jahre dauern. Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit sind Kriterien, die ohnehin gesetzt sind.

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Der an die Pressekonferenz anschließende Rundgang durch das Gebäude führte einem deutlich vor Augen, wie schlecht es um dessen Substanz steht. Wasser kommt aus der Decke und wird von Plastikwannen aufgefangen. Toiletten sind gesperrt, Aufzüge kaputt, in der Fernwärmestation ging neulich ein Ventil kaputt, heißer Dampf trat aus, Fliesen fielen von der Wand, hinter denen sich, wie sollte es anders sein, Asbest befindet.

Die Vorbereitungsarbeiten, die auf fünf Jahre veranschlagt sind, haben bereits begonnen. Dazu gehört die Errichtung eines Ausweichgebäudes im Tiergarten, nicht weit vom Kunstgewerbemuseum, in das nicht nur sämtliche 650 Stabi-Mitarbeiter ziehen, sondern auch das Ibero-Amerikanische Institut, das ebenfalls im Scharoun-Bau untergebracht ist, der übrigens nach dessen Tod von seinem Schüler und Mitarbeiter Edgar Wisniewski zu Ende geführt wurde, der auch vorher schon maßgeblich am Projekt beteiligt war.

Wo die 1000 Leseplätze der Stabi hinsollen, ist unklar

Platz für die 5,4 Millionen Bücher ist in dem Neubau dort allerdings nicht. Sie werden ausgelagert, der Großteil in die Depots Westhafen und Friedrichshagen, ein Teil auch in das Gebäude der Staatsbibliothek Unter den Linden, sie sollen während der ganzen Zeit zur Verfügung stehen.

Das gilt nicht für die rund 900 Leseplätze. Wie man dafür sorgen kann, dass sie in den elf Jahren woanders angeboten werden, ist noch unklar. Die Berliner Bibliotheken sind überfüllt, im Ausweichquartier gibt es dafür keinen Platz, in den Depots ohnehin nicht. „Vielleicht in den Museen“, sagte Marion Ackermann, aber letztlich ist das ein ungelöstes Problem und einem wird klar, dass die lange Schließzeit hart wird. Es sind bis zu drei Viertel Studierende, die das Haus nutzen.

Einen Ausblick darauf, wie das sanierte Haus aussehen wird, gab Stephan Schütz von gmp. Im Lesesaal, wo die Bücherregale überhandgenommen haben, soll wieder mehr Platz sein, auch für mit Lounge-Möbeln bestückte Leseinseln. Bisher ungenutzte Außenbereiche sollen nutzbar gemacht werden. Das Wichtigste ist vielleicht, dass das von 1967 bis 1978 errichtete Gebäude, das dem Osten den Rücken zukehrt, weil damals die Mauer noch stand, sich nach der Sanierung auch in diese Himmelsrichtung öffnen wird.


© Berliner Zeitung