Die Spielzeit an der Deutschen Oper: Heißer Scheiß im Glanz des Gestrigen
Die Schwierigkeiten und Widersprüche, denen ein Opernintendant sich heute gegenübersieht, führen den ersten Spielplan des neuen Intendanten der Deutschen Oper, Aviel Cahn, für die Saison 2026/27 an den Rand des Schizophrenen. Das Repertoire mit Wiederaufnahmen der rund 60 Jahre alten Inszenierungen von „Tosca“ und „Lucia di Lammermoor“ sowie von drei bereits 30 Jahre alten Produktionen des früheren Intendanten Götz Friedrich („Figaros Hochzeit“, „La Traviata“ und „La Bohème“), dazu viel Mozart, Verdi und Puccini, muss jene Publikumsmengen bringen, die die Neuproduktionen vertreiben werden.
Die Gewalt des Blicks: „Die Seherin“ von Milo Rau in der Schaubühne
Ein „Fliegender Holländer“, mit dem der Regisseur Milo Rau den Zuschauern der Deutschen Oper den deutschen Antisemitismus erklären will, ist ein Skandal mit Ansage. Stockhausens „Mittwoch aus LICHT“ in der Inszenierung von Susanne Kennedy wird mit großer Wahrscheinlichkeit ebenso wenig zum Knaller werden wie die Uraufführung der Oper „Good Vibes Only“ der von Heavy Metal und Elektronik faszinierten Komponistin Bára Gisladóttir.
Für Publikum und Kritiker
Mit „Così fan tutte“ und „Otello“ in Inszenierungen des belgischen Regiekollektivs FC Bergmann und des Filmregisseurs Kornél Mundruczó setzt Cahn auf zwei heikle Stücke im Sinne heutiger sogenannter Kulturkämpfe und bringt Teams nach Berlin, mit denen er schon an seinen vorigen Wirkungsstätten in Antwerpen und Genf zusammengearbeitet hat. Ein szenisches „War Requiem“ von Benjamin Britten mit Bühnenbildern von Wolfgang Tilmanns bringt das Saisonmotto „Make Love …“ auf den Punkt.
Diese Musik überflutet alles: „Einstein on the Beach“
So stehen sich das Verkäufliche und das nach Kritikeranerkennung schielende, für das Repertoire größtenteils Untaugliche der Premieren einigermaßen fremd gegenüber. Dafür ergeben sich ausgerechnet auf der musikalischen Seite interessante Perspektiven. Cahn hatte keinen Generalmusikdirektor gefunden und muss sich zunächst mit drei Conductors in residence behelfen – nach der guten Entwicklung, die das Orchester des Hauses unter Donald Runnicles genommen hatte, sah man diese Fortschritte schon wieder verspielt.
Vorfreude auf Riccardo Minasi
Aber zunächst erfreut ein ambitioniertes Konzertprogramm, das die relativ schmale Wagner-Präsenz auf der Bühne ein wenig ausgleicht, ihn zugleich mit Berlioz, Stockhausen und Messiaen in Verbindung setzt. Für die „Così fan tutte“-Premiere ist mit Riccardo Minasi einer der interessantesten Dirigenten der historisch informierten Aufführungspraxis verpflichtet worden, der auch noch die Wiederaufnahme des „Figaro“ dirigieren wird. Die Nebenspielstätte für zeitgenössisches Musiktheater Tischlerei wird in der Reihe „Unlimited“ weiterentwickelt und auch an verschiedene Orte in der Stadt ausschwärmen.
