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Was raten Lebensretter uns Laien? „Am wichtigsten ist die Herzdruckmassage“

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11.04.2026

Wenn das Herz nicht mehr schlägt, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Minuten entscheiden darüber, wie hoch die Chance für eine Wiederbelebung ist und wie das Leben danach aussieht. Wenn das Herz nicht mehr schlägt, wird kein Sauerstoff mehr über das Blut transportiert. Der Sauerstoffmangel im Gehirn führt zu schweren, unumkehrbaren Schäden. Deshalb zählt jede Minute. Dabei kommt es vor allem auf Ersthelfer an, sagen Rettungskräfte.

„Es gibt kaum ein Notfallbild, das wir so häufig üben“, sagt Sabine Hartauer. Die Notfallsanitäterin bei den Maltesern in Konstanz weiß: Wie es den Patienten geht, hängt auch davon ab, wie lange es dauert, bis die Reanimation anfängt. „Am allerwichtigsten sind die ersten zehn Minuten“, sagt Alexander Kueres-Wiese. Der 34-Jährige ist als freiberuflicher Notarzt für das Deutsche Rote Kreuz im Kreis Konstanz unterwegs. Das Problem dabei ist, dass innerhalb dieser Zeit häufig noch kein Rettungswagen ankommt. Deshalb sei die sogenannte Laien-Reanimation so wichtig. Gemeint sind Ersthelfer, die nicht dafür ausgebildet sind. Kueres-Wiese ruft jeden dazu auf, die Angst vor einer Reanimation zu verlieren. „Damit rettet man Leben.“

„Am wichtigsten für das Überleben ist die Herzdruckmassage.“ Patienten, bei denen sie bereits vor Eintreffen des Rettungsteams begonnen wurde, hätten die besten Chancen. Acht bis zwölf Prozent der Patienten, die außerhalb einer Klinik reanimiert wurden, seien nach sechs Monaten neurologisch in etwa auf dem Stand vor der Wiederbelebung.

Rettungskräfte haben klaren Ablauf

In den ersten Minuten stehen die Chancen, Patienten mit einem Herzstillstand ins Leben zurückzuholen, noch gut, erklärt Kueres-Wiese. Der Sauerstoff im Blut reiche noch etwa zehn Minuten – er muss aber verteilt werden. Deshalb ist die Herzdruckmassage so wichtig. Der Wert ist eine grobe Angabe, er unterscheidet sich je nach Patient, Alter und Gesundheitszustand.

Die meisten Reanimationen außerhalb von Kliniken finden im häuslichen Umfeld statt. Für Rettungskräfte ist es ein strukturierter Prozess, es gibt feste Leitlinien und Rollen, erklärt Kueres-Wiese. Ziel sei es, dass der Patient mit einem stabilen Kreislauf in eine Klinik transportiert werden kann.

„Es ist fast wie eine Choreographie“, beschreibt Hartauer den Ablauf, wenn die Rettungskräfte am Einsatzort eintreffen. Die beginnt schon auf dem Weg: Die Minuten während der Fahrt werden genutzt, um das Vorgehen abzusprechen. Bei einer Reanimation muss jeder Handgriff sitzen.

Zum Ablauf einer Reanimation gehört auch ein sogenannter Rhythmus-Check alle zwei Minuten. Dabei werden Zustand und weiteres Vorgehen beurteilt, etwa, ob ein Defibrillator oder Medikamente eingesetzt werden. Herzdruckmassage und Beatmung laufen dabei weiter. „Das Ganze macht man so lange, wie es medizinisch und gemäß mutmaßlichem Willen des Patienten sinnvoll erscheint.“ Das zählt zu den Aufgaben des Notarztes, erklärt Kueres-Wiese: Herausfinden, wann eine Reanimation abgebrochen wird.

So funktioniert die Herzdruckmassage

Die Herzdruckmassage oder Thoraxkompression sollte bei einem Herzstillstand so schnell wie möglich begonnen werden. Dazu auf Höhe des Brustkorbs neben die betroffene Person knien und den Ballen einer Hand auf das untere Drittel des Brustbeins platzieren. Den Ballen der anderen Hand auf die erste Hand aufsetzen. Die Arme strecken und mit dem Gewicht des eigenen Oberkörpers fünf bis sechs Zentimeter tief drücken. Danach wieder komplett entlasten. 100- bis 120-mal pro Minuten drücken. Wer es sich zutraut, kann nach 30 Drücken die Person zweimal beatmen. Die Integrierte Leitstelle, die den Notruf annimmt, kann den Prozess über das Telefon anleiten.

Über einen Abbruch entscheide man meist frühestens nach 15 Minuten, außer eine Patientenverfügung liegt vor und es wird klar, dass eine Wiederbelebung nicht gewünscht wurde. Im besten Fall wurde der Patientenwille festgehalten oder kann von Angehörigen mitgeteilt werden. Lässt sich der Patientenwille nicht herausfinden, gilt der Standard: das Ausschöpfen der medizinischen Möglichkeiten. Es wird also alles getan, um das Überleben des Patienten zu fördern.

Was geht den Rettungskräften bei so einem Einsatz durch den Kopf? Die Herzdruckmassage ist körperlich anstrengend. Das kennen viele aus Erste-Hilfe-Kursen, in denen man die Technik an einer Übungspuppe trainiert. Bei einem echten Einsatz sei aber so viel Adrenalin im Spiel, dass man das nicht spüre, sagt Hartauer. Das sei auch nach Jahren im Beruf noch so. Zu den Aufgaben der Rettungskräfte gehöre auch, sich um die Angehörigen zu kümmern, die den Einsatz miterleben. „Mitfühlen ist gut“, sagt Hartauer, doch „Mitleiden schränkt in der Handlungsfähigkeit ein.“

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Wie belastend sind die Einsätze für Rettungskräfte?

Grundsätzlich seien Reanimationen für Rettungskräfte häufig trainierte Standard-Einsätze, sagt Kueres-Wiese. Sie seien für die ausgebildeten Retter weniger belastend. Dennoch gibt es nach Einsätzen Nachbesprechungen. Was die Teams dagegen belastet, sind etwa Reanimationen von Kindern und Einsätze nach Gewaltverbrechen oder schweren Verkehrsunfällen. Diese Fälle werden strukturell aufgearbeitet, es gibt auch Angebote zur psychosozialen Betreuung.

Das bestätigt auch Notfallsanitäterin Sabine Hartauer. Die Nachbesprechungen seien wichtig, um einen Einsatz gut abschließen zu können. Danach gehe es weiter: Der Rettungswagen wird wieder vorbereitet, Medikamente aufgefüllt. Denn der nächste Einsatz kommt bestimmt.

Lebensretter-App ist eine große Hilfe

Um die wichtigen Minuten bis zum Eintreffen des Rettungswagens zu überbrücken, ist die App „Region der Lebensretter“ eine Hilfe. Hier können sich medizinisch geschulte Ersthelfer registrieren. Sie werden über die Notruf-Leitstelle alarmiert, wenn sie schneller als das Rettungsteam vor Ort sein und bereits mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen können. Die App ist auch im Landkreis Konstanz im Einsatz.

In den Gesprächen mit den Rettungskräften wird klar: Die Bedeutung von Erste-Hilfe-Kenntnissen ist nicht zu unterschätzen. Bei den meisten liege ein Kurs Jahre bis Jahrzehnte zurück. Der Rettungsdienst könne nur wenig ausrichten, wenn zu viel Zeit vergangen ist. Jeder und jede Einzelne könne mithelfen, Leben zu retten.

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Andreas Ambrosius und Katja Zwetschke

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