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Von Konstanz nach Stanford: Hans Ulrich Gumbrecht über seine Karriere und deren Schattenseiten

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21.04.2026

Freunde dürfen Hans Ulrich Gumbrecht, deutsch-amerikanischer Literaturwissenschaftler, Sepp nennen. Der bajuwarisch-volkstümliche Spitzname, der ihm lieb geworden ist, hat mit seiner Würzburger Herkunft zu tun, vielleicht auch mit seiner Leidenschaft für Fußball. Auf jeden Fall mit seiner Neigung zum koketten Understatement.

Es ist ja wenig glaubhaft, dass der Emeritus der Stanford University, der mit 23 Jahren seinen Doktorarbeit abschloss (in Konstanz), mit 26 Jahren eine Professorenstelle besetzte (in Bochum), von sich behauptet, kein großer Leser zu sein, ungern geschrieben habe und wenig Lust auf Lehre hatte. Richtig ist, dass er Gastprofessuren an 20 Universitäten innehatte, auch an der Zeppelin-University in Friedrichshafen, und auf elf Ehrendoktorate kommt. 2535 Einzelveröffentlichungen, dazu zig Übersetzungen und Mehrfachpublikationen sprechen auch nicht gegen den Autor Gumbrecht.

Ihm geht es wie vielen Hochbegabten

„Sepp“ heißt auch das romaneske Erinnerungsbuch des 77-Jährigen. Dort steht, dass eines der wenigen Bücher, die er bis zum Ende gelesen hatte, Fritz Walters „Spiele, die ich nie vergesse“ gewesen sei. Gumbrechts Frau Ricky bewunderte, schreibt er, schon immer seine Fähigkeit, die Inhalte von Büchern oder Essays „durch bloßen Blick auf Umschlag oder Titel, ohne wirkliches Lesen zu absorbieren“. Gumbrecht hat den magischen Blick. Schon als Schüler durchmähte er 60 dunkelgrüne Karl-May-Bände. Beneidenswert. Nicht ganz in dieses Bild des Überfliegers passt der Absatz, in dem Gumbrecht berichtet, dass eine Lehrerin den Eltern mitteilte, ihr Sohn sei besser in einer Sonderschule („Hilfsschule“) aufgehoben, anstatt auf dem Gymnasium. Das zeigt das Schicksal vieler Hochbegabter an, deren Fähigkeiten verkannt wurden/werden. Gumbrecht merkt dazu erhellend an, dass ihn dieses Trauma „lebenslang auf eine maximale Anstrengung des Lernens“ verpflichtet habe. Mit dem Ergebnis einer großen Karriere. Dafür haben auch die wohlhabenden Eltern einiges getan, die ihm früh Reisen und Freiräume ermöglichten. Gelber BMW inklusive.

Als Geistessportler, dem „das Spiel des Alleinunterhalters liegt“, war er, mit Stipendien, Einladungen und Fellowships ausgestattet und „üppig honoriert“, ebenfalls viel unterwegs. Daher ordnet er sein unterhaltsames Memoir nach jenen Städten, die ihm wichtig waren, also Rio de Janeiro, Moskau, Berkely, Jerusalem, Kyoto usw. Man ist angesichts dieser Tournee beeindruckt. Diesen Effekt kalkuliert der Autor Gumbrecht ein. Hierzulande sind das eher unspektakuläre Orte: Würzburg, München, Konstanz, Bochum, die Hauptstadt der DDR und Siegen, wo er 1983 einen Lehrstuhl übernahm. 1989 dann erhielt er den Ruf nach Stanford in Kalifornien. Dort bekleidete der Romanist verschiedene Professuren für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Dass er, nur wenige Wochen nach seiner Ankunft, auf dem Campus der Edel-Uni ein Erdbeben erlebte, wie er schreibt, hatte allerdings nichts mit seiner Erscheinung zu tun.

Das Erinnerungsbuch hat einen Untertitel: „Mein Leben auf Halbdistanz“. Das ist wohl zu verstehen als Bekenntnis, sich auf irgendetwas vollständig einzulassen. Nur zu seiner Frau, den Kindern und Enkeln kann er sich Halbdistanz nicht vorstellen. Deshalb hat die Familie keine Präsenz in diesem „Archipel der Denkinseln“. Zugleich möchte er aber so genau wie möglich über bestimmte Momente seines Lebens berichten. Dazu gehört das uns besonders interessierende Kapitel „Emanzipierende Enge“: Gumbrecht erzählt darin, wie er, eine halbe Dissertation im Rucksack, im Jahr 1971 Teil der Reformuniversität Konstanz wurde.

Seine Karriere beginnt in Konstanz

Selbstbewusst hatte er in einem um „akademischen Geschäftsstil bemühten Brief“ aus Salamanca den Romanisten und Gründungsrektor der Universität Konstanz, Hans-Robert Jauß, mit der Bitte angeschrieben, ihm die Übersetzung des Aufsatzes „Literaturgeschichte als Provokation der Literaturgeschichte“ ins Spanische zu erlauben. Das war der Titel der Antrittsvorlesung, die Jauß 1967 in Konstanz gehalten hatte. Damit begründete er die „Konstanzer Schule“ der Rezeptionsforschung, Grundlage der Rezeptionsästhetik. Nicht zuletzt die Forschungen von Jauß, aber auch die des Anglisten Wolfgang Iser, dessen Werk „Der implizite Leser“ (1976) Gumbrecht rühmt, trugen zum Ruf der Universität als „Klein Harvard am Bodensee“ bei. Von Elite-Universität ist heute keine Rede mehr. Jauß lud den Doktoranden ein und machte ihn zu seinem Assistenten. Das war der erste Karriereschritt Gumbrechts, der mit Theorien wenig am Hut hatte, sich aber danach streckte; in die geisteswissenschaftlichen Gremien wie der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“ (1963-1994), aufgenommen zu werden. Er wurde. Die Konstanzer Bilanz, gespickt mit Anekdoten – so berichtet er von einem Professor, der mit seinem Boot von Überlingen aus die Universität anfuhr – fällt ernüchternd aus: „Für die berufliche Zukunft war Konstanz gewiss der richtige Ort, und doch fühlte ich mich derart fehl am Platz, dass Freude an und bei der Arbeit in jenen Jahren nicht aufkommen wollte“.

Obwohl Jauß ihn förderte, ihn in die Villa im Konstanzer Vorort Litzelstetten oder zu Bergtouren einlud, fremdelte er mit dem Vorgesetzten, dessen „markante, eher herbe Gesichtszüge“ er erwähnenswert findet. Als Ende der 1980er-Jahre bekannt wurde, dass sich der engagierte SPD-Linke Jauß seit 1939 eine herausragende Offizierslaufbahn in der Waffen-SS eingenommen hatte, die Debatte um seine Person 2015 an Fahrt aufnahm, distanzierte sich Gumbrecht von seinem ehemaligen Chef. Im Interview mit dem SÜDKURIER sagte er damals: „Ich verbiete mir mittlerweile, dass unsere Namen öffentlich in einem Atemzug erwähnt werden“. Das unselige Kapitel Jauß schließt Gumbrecht in „Sepp“ mit den bitteren Worten: „Der von ihm verkörperte Nationalsozialismus machte einen Teil der Konstanzer Gegenwart aus, die – diesseits moralischer Verurteilungen oder nachgiebiger Empathie – zu einer unwiderruflichen Etappe meines Lebens wurde.“

Trotz alledem: 1983 bewarb sich Gumbrecht um die Lehrstuhl-Nachfolge seines akademischen Lehrers – allerdings vergeblich.

Hans Ulrich Gumbrecht: „Sepp“. Suhrkamp, Berlin 2026. 493 S., 30 Euro.

Jauß und die Waffen-SS

Bereits früh kursierten Gerüchte über das braune Engagement von Hans Robert Jauß (1921-1997), Mitbegründer der Universität Konstanz. Eine von der Universität in Auftrag gegebene Dokumentation des Militärhistorikers Jens Westemeier, die 2015 erschien, wies nach, dass er als Mitglied der Waffen-SS an Kriegsverbrechen beteiligt war. Gegenüber seinem Schüler Hans Ulrich Gumbrecht sprach Jauß diese dunklen Flecken in seiner Biografie nie an. (opi)

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