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3978 Tage Betretungsverbot: Alles über den langen Weg zur neuen Marienschlucht am Bodensee

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15.03.2026

Das Unheil kündigt sich mit Regen an. In Klüften und Hohlräumen des weichen Molassegesteins auf dem Bodanrück staut sich Wasser, und unvermittelt kommt es zur Katastrophe. Am Abend des 6. Mai 2015 krachen 100 Tonnen Erde, Steine und Bäume in die Marienschlucht, direkt auf den beliebten Wanderweg.

In den Massen werden zwei Wanderer, die gerade am Bodensee Urlaub machen, verschüttet. Ein Mann kann sich noch befreien und schleppt sich verletzt bis kurz vor Bodman. Doch für eine 72-Jährige kommt jede Hilfe zu spät. Die Szenen von der Bergung gehen manchen der Beteiligten bis heute nicht aus dem Kopf. Und schnell ist klar: Es wird lange dauern, bis hier wieder Menschen sicher unterwegs sein können. Wie lange, das wird sich aber erst im Verlauf von Jahren erweisen.

Der Holzsteg, der einige Jahre zuvor unter anderem von angehenden Zimmerleuten sowie von Soldaten der Deutsch-Französischen Brigade gebaut worden war, ist nicht zu retten. Zur menschlichen Tragödie kommen bohrende Fragen zur Sicherheit, immerhin war die Marienschlucht nur gut sechs Wochen zuvor noch geologisch untersucht worden. Und irgendwann wird klar: Einfach so wieder aufbauen können wir den Weg nicht.

Und immer wieder ein neuer Sommer ohne Marienschlucht am Bodensee

So beginnt ein Projekt, das am Ende über zehn Jahre dauern und knapp fünf Millionen Euro verschlingen wird. Von Jahr zu Jahr verschiebt sich die Wiedereröffnung der Schlucht. Parallel, erzählt der damalige Bodman-Ludwigshafener Bürgermeister Matthias Weckbach, nehmen die Planungen mehrfach neue Wendungen.

Die Anforderungen sind hoch: Die Route soll nicht mehr in der Schlucht selbst verlaufen, sondern oberhalb am westlichen Hang. Aber auch nicht direkt daran, damit kein Material auf die Wanderer stürzen kann. Und für den Fall, dass von gegenüber wieder etwas kommt, wird der Weg so hoch angelegt, dass auch eine große Felslawine ihm nichts anhaben kann.

So wird Schritt für Schritt klar: Das wird teuer. Denn der Neubau soll aus Metall bestehen. „Holz kann unter Last splittern und brechen“, sagt Matthias Weckbach, „Stahl dagegen kann sich verformen, bleibt aber stabil.“ Planer und Geologen müssen sich überlegen, wie die Konstruktion verankert werden kann. Berechnungen und Modelle zeigen Möglichkeiten auf. Parallel beginnen die Konstrukteure der Metallbaufirma Rettich aus Bodman-Ludwigshafen mit Überlegungen zur konkreten Umsetzung.

Doch die Bauarbeiten gestalten sich schwierig. Das ohnehin steile und feuchte Gelände ist durch den Felssturz noch unwägbarer geworden. Lastwagen kommen nur bis zur oberen Kante des Bodanrücks, der Ausgang der Schlucht ist zeitweise nur per Schiff zu erreichen. Ein riesiger Seilkran wird aufgestellt, um den zerstörten alten Steg zu bergen und später die Teile für den Neubau in die Schlucht zu bringen. Es ist eine Baustelle unter Extrembedingungen.

Hinzu kommt, dass die Zeitfenster für die Tätigkeit kurz sind – der Naturschutz fordert seinen Tribut. In dem Gebiet brütet unter anderem der Wanderfalke, eine streng geschützte Art. So geht es nur in langsamen Schritten voran. Zugleich wird immer häufiger die bange Frage laut, wie sich die Kosten entwickeln. Schnell ist von bis zu sechs Millionen Euro die Rede, dafür soll der neue Stahl-Steg aber auch eine Lebensdauer von bis zu 80 Jahren haben.

Was das Land nicht über einen Tourismus-Zuschuss übernimmt, wollen in guter Nachbarschaft drei Gemeinden gemeinsam schultern: Allensbach, auf dessen Gemarkung die Schlucht liegt; Bodman-Ludwigshafen, das touristisch am meisten profitiert; Konstanz, für dessen Bürgerinnen und Bürger die Marienschlucht eines der wichtigsten Naherholungsziele ist. Am Ende wird sich die Rechnung auf etwa fünf Millionen Euro belaufen – die Hälfte übernimmt tatsächlich das Land, aber auch die drei Gemeinden steuern über die Jahre jeweils knapp eine Million Euro bei.

Immer wieder hinterfragen Politiker die Kosten für die Sanierung der Marienschlucht

Während nach dem Unfall zunächst von einer Wiedereröffnung 2017 die Rede ist, vergeht auf dem Bodanrück Sommer um Sommer ohne Wanderungen durch die Marienschlucht. Schon 2019 geht man von weiteren mehreren Jahren Bauzeit aus, und zunehmend fragen auch Kommunalpolitiker kritisch nach, ob es das eigentlich alles wert ist. Am Ende nehmen die Planungen und Kosten die politischen Hürden – „zum Glück“, wie Matthias Weckbach, nach seinem Abschied aus dem Bürgermeister-Job nun Projektleiter für die Marienschlucht, sagt: „Die Erwartungen, dass wir die Schlucht wieder öffnen, waren immer groß.“

Fast elf Jahre nach dem Unglück wird die Schlucht nun wieder geöffnet – mit einem spektakulär angelegten Wanderweg. Ein Stuttgart 21 im Kleinformat, wie in Konstanz zeitweise befürchtet wurde, ist es nicht geworden. Zwar hat es viel länger gedauert als zunächst geplant, aber die Kosten blieben unter den schon 2019 anvisierten sechs Millionen Euro. Allerdings fehlen noch der Kiosk und eine Toilette.

Und bis zuletzt bleibt es spannend: Immer wieder fallen Felsbrocken herunter, auch bis in die Nähe von Wanderwegen, was sich laut Fachleuten nie vollständig verhindern lässt. Noch wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung kommt es laut einem Bericht des SWR zu einem solchen Vorfall – ohne Auswirkungen auf Menschen oder den Termin für die Freigabe der Schlucht.

Dass sich ein neuerliches Unglück ereignet, soll soweit möglich ausgeschlossen sein, betont Projektleiter Weckbach. Im Hang sind Sensoren verbaut, die Bewegung und Durchfeuchtung messen. Ein von künstlicher Intelligenz unterstütztes System soll aktuelle Wetterprognosen mit den Messdaten zu einem Frühwarnsystem verknüpfen. Aber: „Das wird kein Erlebnispark“, betont Matthias Weckbach und erinnert daran, dass die Marienschlucht vor allem eines bleibt – ein Stück wilde Natur.

Ab 28. März ist die Marienschlucht für alle offen

Wanderer können ab Samstag, 28. März, die Marienschlucht wieder entdecken. Am Eröffnungstag gibt es von 10 bis 17 Uhr ein Programm mit Info-Angeboten zum einmaligen Naturraum auf dem Bodanrück. Die Marienschlucht ist danach gratis zugänglich. Wenn Gefahren drohen, werden die schweren Tore an beiden Enden des Panorama-Stegs verschlossen. Sich über eine Sperrung hinwegzusetzen, ist lebensgefährlich, warnen Behörden und Einsatzkräfte.

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