20 Jahre nach dem Sommermärchen: Was aus dem schwarz-rot-goldenen Rausch geworden ist
20 Jahre nach dem Sommermärchen Was aus dem schwarz-rot-goldenen Rausch geworden ist
Deutsche Fans in Berlin beim WM-Viertelfinale gegen Argentinien 2006.
Düsseldorf · Während der Fußball-WM 2006 versank das Land in den Nationalfarben. Das war ebenso spontan wie überraschend, aber es kam nicht aus dem Nichts. Heute versucht die AfD, die Deutschlandflagge zu kapern – und verursacht so bei vielen Patrioten Unbehagen.
Der 24. Juni 2006 ist ein freundlicher, warmer Frühsommersamstag. 27 Grad in Berlin. An diesem Tag malt Johannes B. Kerner im Zweiten Deutschen Fernsehen seinem TV-Experten Jürgen Klopp live eine schwarz-rot-goldene Schminkverzierung ins Gesicht. Seinem anderen Experten, dem Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier, auch. Es ist der Tag des deutschen Achtelfinals gegen Schweden, Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Der Begriff „Sommermärchen“, erfunden vom „Spiegel“, ist da gerade fünf Tage alt. Deutschland erlebt, nach drei gewonnenen Vorrundenspielen, einen Rausch der Begeisterung, der auch vom anhaltend schönen Wetter angeheizt wird.
Quer durchs Land versammeln sich Menschen in fünf- bis sechsstelliger Zahl, um auf sogenannten Fanmeilen die WM-Partien zu verfolgen. Wenn Deutschland spielt, versinkt dort alles in Schwarz-Rot-Gold. Wenn Deutschland nicht spielt, sind die Nationalfarben trotzdem allgegenwärtig: als Flaggen an Fenstern, als Überzieher an Auto-Außenspiegeln. Die „Bild“-Zeitung nennt diesen Sommer „schwarz-rot-geil“ und verteilt noch während des Turniers passende Aufkleber.
All das, von der Beflaggung des öffentlichen Raums bis zur patriotischen Gesichtsverzierung im ehrwürdigen ZDF, ist Ergebnis einer „kollektiven Selbstenthusiasmierung“ – so nannten es die Sozialwissenschaftler Klaus Harney und Dieter Jütting. Die Schriftstellerin Thea Dorn hat das Phänomen etwas griffiger in das Wort „Partyotismus“ gefasst.
Das Gefühl der Normalität
„Das war so das erste Mal, dass da Leute wieder stolz waren auf ihr........
