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Blue Jeans, Bier & böse Menschen

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27.03.2026

Vielfältige Formen der Belästigung stehen gegenwärtig vermehrt am Pranger der rechtlichen wie gesellschaftlichen Diskussion. Von Yanni Gentsch (Catcalling-Petition) bis Collien Fernandez (KI-Problematik) entstehen nunmehr direkte Konfrontationen der Täter mit ihrem erbärmlichen Selbst.

Und dennoch: Alles ist offenkundig noch längst nicht perfekt. Alles ist noch nicht einmal ganz am gesellschaftlichen Breaking Point. Alles ist noch im Schwunge begriffen. Aber wenigstens das. Immerhin.

Anscheinend hat, wie sollte es auch anders sein, jede Frau ihre ganz eigene, individuelle Art, auf solche Vorfälle zu reagieren.

Was bedeutet das für mich? Als Mann. Als Autor. Als Mensch.

Es treibt mich automatisch zu dem Gedanken, einem passenden Beispiel bereits selbst beigewohnt zu haben.

Treibt mich in alte Bilder. In eine Zeit, vor einem knappen Vierteljahrhundert, eine Zeit, deren Öffentlichkeit bei diesem Thema noch weit deutlicher Richtung bullyhafter Täter-Opfer-Umkehr gepolt war. Mindestens durch die Herabwürdigung mittels purer sozialer Ignoranz.

Es geschah in Bremen. Im hitzigen Sommer 2003.

Ich bin zu diesem Zeitpunkt 32 Jahre alt. Die junge Frau, um die diese Geschichte sich dreht, knapp 7 Jahre jünger. Sie ist Kellnerin. Kommt aus einem kleinen Land, dessen Sprache wie Schrift weltweit kaum jemand kennt, nach Deutschland. Nach Deutschland, einen Ort, an dem jeder einheimisch dahergelaufene Grobian ihr gern ein feistes „Achso, Russin, wa!“ entgegen rotzt, um sie sogleich frech duzend anzubaggern.

Schwarzes Top. Enge Blue Jeans. Diese Stiefel, die klingen wie Ansage auf Holz. Und dieses Lächeln. Nicht geschniegelt. Nicht gespielt. Nicht Gastro-Schickse. Echt. Warm. Gefährlich.

Nun, eigentlich eine Musikerin, eigentlich eine Vollblut-Künstlerin, eigentlich….. Doch das hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. Äußerst präsent hingegen: ihre gleichwohl sonnige Erscheinung. Eine Zugewandtheit zur Welt, von der man sich wünscht, nur einmal wirklich mit Blickkontakt bedacht zu werden, ein Lächeln gar erhaschen. Charisma, dass niemand kaufen kann.

Einige versuchen es gleichwohl. So auch an diesem Abend. Sie war unfreiwillig die Attraktion in einer dieser Kunst-Kneipen. Der Schuppen lag im beginnenden Steintorviertel, zwischen Kunsthalle und dem Goethe Theater, auf deren Straßenseite, irgendwo beim Wallgraben gegenüber der Contrescarpe. Fast noch im direkten Blickwinkel des Roland zu Bremen, dem ritterlichen Schutzherrn des Bürgers gegen die Obrigkeit.

Doch letzteres nutzte........

© Die Kolumnisten