Kultur als Checkliste

Lediglich Flug und Hotel buchen war bisher, in diesen Tagen muss man gleich auch das Ticket für den Louvre, Versailles, das Kolosseum, die Vatikanischen Museen oder das Kunsthistorische Museum online buchen. Flexibilität war gestern, heute regieren striktes Zeitmanagement und fixe Einlasszeiten. Wer es sich später doch anders überlegt: Pech gehabt. Aus Kunst und Kultur wird eine strenge To-do-Liste, Spontaneität bleibt auf der Strecke.

Kennst du schon?: Die Soap Opera ist jetzt hochkant

Zum Glück gibt es ein paar kulturelle Dinge, die man auch ohne Vorbuchung erleben kann. Zumindest in Wien stehen einige Museen oder Ausstellungen weiterhin ohne vorgebuchte Tickets offen, und wenn Staatsoper oder Burgtheater ausverkauft sind, kann man auf andere Bühnen ausweichen. Und natürlich die berühmt-berüchtigten „Mozart-Konzerte“. Die Ticketverkäufer, die oft aussehen, als ob sie in einem Lookalike-Wettbewerb antreten wollen, sind zwar mittlerweile von den frequentiertesten Plätzen in der Wiener Innenstadt verbannt, verschwunden sind sie aber lange noch nicht. Und mit einem solchen Ticket ausgestattet, findet man sich am Abend zumindest doch noch unter Kronleuchtern und goldenem Stuck.

Hauptsache drin gewesen

Doch warum sind manche kulturellen Institutionen mittlerweile so begehrt, dass sie dem spontanen Besucher:innenansturm nicht mehr gewachsen sind und ihn mit monatelang im Voraus gebuchten Tickets bändigen müssen? Ist der Kulturhunger, die Neugier der Reisenden derart gewachsen? Oder haben schlicht mehr Menschen die Möglichkeit zu reisen, und wollen sich dann das überschwänglich beworbene kulturelle Angebot nicht entgehen lassen? Oder geht es überhaupt nur mehr um „ich war dort und dort, abgehakt, habe alles zum Beweis fotografiert“? Nach dem Motto: Wer in Paris ist, muss in den Louvre. Wer in Rom ist, muss in die Vatikanischen Museen. Wer in Wien ist, braucht zumindest einmal Mozart, idealerweise in einem Palais oder gleich in Schönbrunn. Man besucht diese Orte also nicht unbedingt aus Interesse, sondern weil man später nicht sagen möchte: Dort war ich, aber drinnen war ich dann doch........

© Wiener Zeitung