Buch oder Film – wer gewinnt? |
Ich habe mir diesmal wirklich Mühe gegeben, nicht die Person zu sein, die nach einer Buchverfilmung sofort sagt: „Im Buch war das aber anders“ oder „das Buch ist viel besser“.
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Und doch: Eine „Wuthering Heights“-Verfilmung war der Anlass, dass ich wieder in diese alte Falle getappt bin. Selbst die Anführungszeichen im Filmtitel helfen mir nicht. Sie wirken wie ein winziger Haftungsausschluss: „Wuthering Heights“ – ähnlich wie, aber bitte ohne Gewähr. Ich saß also da, innerlich bereits auf Vergleichsmodus geschaltet, und dachte: Was darf man sich von einer Buchverfilmung eigentlich erwarten? Und die fiesere Schwesterfrage gleich dazu: Soll man das Buch vorher lesen, oder ruiniert man sich damit den Film?
Warum dein Kopf immer gewinnt
Der Klassiker in solchen Diskussionen heißt „Werktreue“. Als wäre das ein Qualitätssiegel. Aber in Bezug auf Literaturverfilmungen ist „Werktreue“ oft nur ein anderes Wort für „gib mir mein Gefühl zurück“. Und das ist ein verständlicher Wunsch – nur leider einer, den kein Film erfüllen kann.
Denn Literatur und Film arbeiten mit zwei völlig verschiedenen Superkräften: Literatur spielt mit Fantasie. Ein Buch ist ein Angebot an deinen Kopf: Du liest, und dein Gehirn castet. Es baut Räume, Wetter, Gerüche, den Tonfall eines Satzes, die Textur einer Tapete. Film dagegen arbeitet mit vorgegebenen Bildern. Das kann überwältigend gut sein, oder auch nicht, wenn es mit den eigenen Bildern im Kopf nicht übereinstimmt. An deine eigene Fantasie kommt kein:e Regisseur:in heran. Nicht, weil sie schlechte Arbeit leisten, sondern weil dein Kopf selbst Regisseur ist: Er produziert die perfekte Version für dich. Und dann setzt du dich ins Kino und erwartest insgeheim, dass jemand anderes diese perfekte Version errät.
Bei „Wuthering Heights“ wird diese Kollision besonders brutal sichtbar, weil der Roman eben nicht nur „eine Liebesgeschichte“ ist. Die Schriftstellerin Emily Brontë hat da einen ganzen Sturm von Themen übereinandergelegt: Klassenwut, Besitz, Gewalt, Obsession, Familienmechanik, Erzähltricks, zweite Generation. Und doch passiert genau das in vielen Adaptionen: Man nimmt den lautesten, am besten vermarktbaren Aspekt heraus – die Liebe – und wundert sich dann, warum der Rest wie ein amputierter Körper wirkt.
Was mich tröstet (und das ist wirklich nur halbironisch): Selbst die Oper hat sich an diesem Stoff verhoben. Carlisle Floyd hat eine „Wuthering Heights“-Oper geschrieben, Bernard Herrmann ebenfalls, und beide sind nicht gerade als Publikumsrenner in die Kulturgeschichte eingegangen. Wenn sogar ein Genre, das Gefühle mit Orchestergröße ausstellt, an Brontës Vielschichtigkeit gescheitert ist, muss man vielleicht akzeptieren: Je mehr Ebenen Literatur hat, desto schwieriger wird es, sie ohne Verluste in ein anderes Genre zu pressen.
Welche:r Zuschauer:in bist du?
Und damit sind wir bei der Frage, die man sich vor jeder Buchverfilmung stellen sollte: Wer bin ich heute als Zuschauer:in? Denn ich glaube, wir gehen mit drei sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten in solche Filme:
Da ist erstens der Typ, den ich den Tourist:innen-Modus nenne: Menschen, die den Film zuerst sehen, ganz bewusst ohne Lesegepäck. Das ist die entspannteste Variante, weil man sich dem Film als Film hingibt. Danach kann man das Buch lesen, als „ausführliche Version“, die man sich freiwillig gönnt. Zweitens gibt es den Detektiv:innen-Modus: Buch zuerst, aber nicht, um abzuhaken, sondern um zu beobachten. Detektiv:innen schauen Adaptionen wie Interpretationen: Warum wurde diese Figur gestrichen? Warum dieser Perspektivwechsel? Was gewinnt der Film, was verliert er? Das kann richtig Spaß machen.
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Und dann gibt es drittens den Purist:innen-Modus. Das bin ich. Ich lese zuerst und komme dann mit einem inneren Forderungskatalog. Ich will Szenen, Sätze, Stimmungen, und wenn sie fehlen, raunze ich, als hätte man mir etwas weggenommen, das mir zusteht. Das ist kurzsichtig, ich weiß. Es ist auch nicht besonders fair. Aber man kann nicht immer über seinen Schatten springen. Der Purist:innen-Modus ist im Grunde eine sentimentale Illusion: die Hoffnung, dass Film das Lesegefühl reproduzieren könne. Und genau daran scheitert man am zuverlässigsten.
Interessant wird es dort, wo eine Verfilmung ihr Versprechen sehr klar abgibt. Auf Netflix gibt es zum Beispiel Orhan Pamuks „Das Museum der Unschuld“ als Serie – ein Fall, der das Gegenbild zu „freien“ Adaptionen ist. Vermutlich, weil Pamuk beteiligt war. Das ist der autorengeführte Ansatz: „Wir bleiben eng am Buch, der Autor wacht mit.“ Man spürt die Absicht, die Purist:innen (also mich) zu beruhigen: Keine Angst, hier wird nicht herumgepfuscht. Und trotzdem bleibt die Grundspannung bestehen, weil selbst eine streng am Text orientierte Verfilmung etwas anderes tut als ein Roman. Auch wenn jeder Plot-Beat sitzt: Die innere Musik eines Satzes, die private Fantasie, der Zwischenraum; das kann Film nicht einfach „nachmachen“. Er kann höchstens eine eigene Entsprechung finden.
Das wiederum funktioniert oft dann am besten, wenn eine Adaption nicht krampfhaft „alles“ will, sondern eine klare filmische Entscheidung trifft. Ein gutes Beispiel dafür ist „Gottes Werk und Teufels Beitrag“: Ja, das Drehbuch stammt ebenfalls von John Irving – und trotzdem hat er seinen eigenen Roman dafür ziemlich radikal umgebaut. Der Unterschied ist nicht bloß: hier ein paar Kürzungen, dort ein paar Figuren weniger. Der Film macht aus Irvings großem, über viele Jahre erzähltem Roman im Grunde ein deutlich schlankeres Drama. Nicht „werktreu“, eher „zielstrebig“.
Die einzig faire Erwartung
Und genau dort würde ich die Erwartung neu ansetzen: Eine Buchverfilmung schuldet mir nicht, dass jede Szene gleichbleibt. Sie schuldet mir auch nicht, dass mein Kopf zufrieden ist. Sie schuldet mir vor allem Klarheit darüber, was sie sein will.
Vielleicht ist das die erwachsenste Erwartung, die man an Buchverfilmungen haben kann: nicht „Treue“ im Sinn von „identisch“, sondern Stimmigkeit im Sinn von „weiß, was es tut“. Und wenn ich dann doch wieder raunzend aus dem Kino gehe, weil mein inneres Brontë-Feeling nicht getroffen wurde, kann ich mir immerhin sagen: Das ist kein Beweis, dass der Film schlecht ist. Es ist nur der Beweis, dass Literatur in meinem Kopf noch immer den stärkeren Effekt hat.
In „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.
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Emily Brontë (1818–1848) war eine englische Schriftstellerin und Dichterin aus der Brontë-Familie. Sie ist vor allem als Autorin ihres einzigen Romans „Wuthering Heights“ bekannt, der 1847 erschien und zunächst unter dem Pseudonym „Ellis Bell“ veröffentlicht wurde.
Orhan Pamuk (geb. 1952) ist ein türkischer Romanautor und Literatur-Nobelpreisträger (2006). Sein Roman „Das Museum der Unschuld“ (türk. „Masumiyet Müzesi“) wurde 2008 publiziert und spielt in Istanbul (u. a. 1970er-/1980er-Jahre). Für die Serienadaption war Pamuk eng eingebunden und spielt auch mit.
John Irving (geb. 1942) ist ein US-amerikanischer Romancier, der seit den 1970ern zu den international bekanntesten Erzählern seiner Generation zählt; seinen Durchbruch hatte er mit „The World According to Garp“ (1978). Sein Roman „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ („The Cider House Rules“) erschien 1985. Die Kinoadaption „The Cider House Rules“ wurde 1999 (Regie: Lasse Hallström) veröffentlicht; das Drehbuch schrieb John Irving selbst.
Es gibt bis zu 21 „Wuthering Heights“-Adaptionen. Neben Filmen und Serien u. a. eine Oper des US-Komponisten Carlisle Floyd. Sie wurde 1958 an der Santa Fe Opera uraufgeführt. Der Filmkomponist Bernard Herrmann komponierte ebenfalls eine Oper (Entstehungszeit 1940er/1950er); eine (gekürzte) szenische Uraufführung fand 1982 statt.
Film „Wuthering Hights“ (2026) in der Regie von Emerald Fennell, basierend auf Emily Brontës einzigem Roman.
Die Serie „Das Museum der Unschuld“ (2026) basiert auf dem gleichnamigen Roman von Orhan Pamuk.
Film „The Cider House Rules“ (1999) in der Regie von Lasse Hallström.
Die oben erwähnte Literatur zu den Filmen
People: Wuthering Heights: Emerald Fennell Defends Her Controversial 'Version' of Emily Brontë's Classic Novel
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