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Gemeinsinn und gesellschaftlicher Zusammenhalt

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25.08.2021

Sahra Wagenknecht, bis 2019 Fraktionsvorsitzende der deutschen Linken, ist nun deren Spitzenkandidatin für die anstehende Bundestagswahl im größten deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen. Der Öffentlichkeit ist Wagenknecht auch als Publizistin und Kommentatorin bekannt. Ihr jüngstes Buch, "Die Selbstgerechten - Mein Gegenprogramm für Gemeinsinn und Zusammenhalt", wurde sehr breit und vielfach sehr kritisch diskutiert. Die kritische Diskussion bezieht sich vor allem auf den ersten sehr polemischen Teil des Buches und berührt nur selten den zweiten Teil mit sachlich gut begründeten Vorschlägen für Alternativen in Kernbereichen der Politik.

Der erste Teil des Buches ist eine Abrechnung mit den von Wagenknecht so bezeichneten "Lifestyle-Linken". Diese würden sich als "linksliberal" sehen, wären aber tatsächlich weder links noch liberal, meint sie. Sie wären nicht "links", weil sie nicht länger die benachteiligten Schichten der Bevölkerung verträten. Und sie wären nicht liberal, weil sie sich aus der strengen Rationalität der Aufklärung in poststrukturelle wertmäßige Beliebigkeit verabschiedet hätten. Ein selbstverliebter und selbstgerechter akademische Mittelstand hätte zunehmend das Erscheinungsbild der traditionellen Linksparteien geprägt. Dadurch hätten sich diese Parteien ihrer alten Kernwählerschaft, der Arbeiterschaft, entfremdet.

Wagenknecht sieht in diesen Attitüden der "Lifestyle-Linken" ein gehöriges Stück Anmaßung: ein als selbstverständlich erachtetes Recht, sich über andere zu erheben und diese als kulturell und moralisch minderwertig zu deklassieren. Die "Lifestyle-Linke" würde damit das zerstören, was den Linken das oberste Gut sein sollte und durch lange Zeit auch das oberste Gut war: den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt, die gesamtgesellschaftliche Solidarität.

Keine historisch gewachsene Solidaritätsgemeinschaft

Man kann diesen Vorwurf der Zerstörung von Solidarität freilich auch gegen Wagenknecht selbst umkehren. Sie distanziert sich von einer Gesellschaftsgruppe, die sich als Teil der Linken sieht. Sie denunziert sie und überschüttet sie mit Spott und........

© Wiener Zeitung


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