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Mit 24-Stunden-Betreuerinnen im Bus nach Bulgarien

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22.04.2025

Es ist dunkel, als ich in Wien-Erdberg den Bus suche, der meinen Kollegen Simon Plank und mich nach Sofia bringen soll. Das Busticket haben wir schon, und auch die Sitzplätze sind reserviert. Das ist gut so, denn der Bus wird voll sein auf unserer 16-stündigen Fahrt von Wien nach Bulgarien: voll mit bulgarischen 24-Stunden-Betreuer:innen, die regelmäßig hin und her pendeln. Diesmal begleiten wir sie auf ihrer Reise.

„Wo bist du, Petra?“, fragt mich Raya am Telefon, mit der ich schon vor unserer Reise telefoniert hatte, und die ich auf der Suche nach dem richtigen Bus noch einmal angerufen habe. Sie hat bereits eine mehrstündige Fahrt hinter sich: Raya betreut in Salzburg einen 87-jährigen Mann, der dement und nicht sehr gesprächig sei, erzählt sie, als wir einander am Busbahnhof endlich finden und sie uns den Bus zeigt. „Ich sage jeden Tag nur guten Morgen und gute Nacht zu ihm, darum kann ich auch nicht gut Deutsch“, meint Raya entschuldigend, während sie sich die glatten, schwarzen Haare aus dem Gesicht streicht und vor der Abfahrt noch eine Zigarette anzündet.

Nach drei Monaten in Österreich fährt sie für sechs Wochen heim. „Wir sind die Letzten, die sich das antun“, sagt Raya, die 57 Jahre alt ist. „Meine Tochter und die Töchter von allen meinen Kolleginnen machen das nicht mehr.“ Die Kollegin neben ihr nickt zustimmend: „Das ist so schwere Arbeit, das ist nicht normal“, sagt sie. Ihre demente Patientin wisse nicht, ob Tag oder Nacht sei, fahre ständig mit ihrem Rollator in der Wohnung hin und her und komme jede Nacht mehrmals ins Zimmer der Betreuerin, um sie zu wecken. Eine weitere Kollegin werde geschlagen und als Putzkraft missbraucht. „Aber das System funktioniert nur so, mit Arbeitskräften aus dem Ausland", meint Raya. „Nach uns müsst ihr Frauen aus anderen Ländern suchen, die das machen."

Und was machen ihre Töchter und die Töchter der Kolleginnen? „Sie studieren“, antwortet Raya – ihre Tochter, die 26 Jahre alt sei, habe an zwei Unis Architektur studiert, die Tochter der Kollegin studiere derzeit in Deutschland und werde Übersetzerin.

Der Grund, warum sie sich diese Arbeit antun, ist schnell erklärt: „In Österreich bekommst du dafür 2.500 Euro netto pro Monat“, sagt Raya, „in Bulgarien wären es rund 600.“ Zuhause könne sie sich daher ein gutes Leben leisten, und ein Haus mit großem Garten und eine Wohnung warten auf sie. „So viel Arbeit“, sagt sie lachend, um dann mit einem fröhlichen Funkeln in den Augen zu ergänzen: „Als erstes werde ich mich um den Garten kümmern.“

Bulgarien ist das ärmste Land der EU, zu der es seit 2007 gehört. Der Lebensstandard ist hier laut Website der Europäischen Union am niedrigsten, und auch beim durchschnittlichen Jahresnettoverdienst belegt Bulgarien mit rund 13.000 Euro den letzten Platz.

Endlich ist das Gepäck verstaut, alle sitzen, und der Bus fährt los. In etwa 40 Minuten werden wir an der Grenze zu Ungarn sein und danach alle vier Stunden stoppen, hatte uns Raya gesagt – sie kennt die Route und den Ablauf in- und auswendig. Seit vielen Jahren pendelt sie zwischen Bulgarien und Österreich. Warum sie nicht das Flugzeug nimmt, das mitunter billiger als der Bus ist? „Die Agentur hat ein Abkommen mit dem Busunternehmen, darum müssen wir immer Bus fahren“, sagt sie.

Die 24-Stunden-Personenbetreuer:innen werden durch österreichische Agenturen über Ansprechpersonen in beiden Ländern vermittelt. Um in Österreich als solche arbeiten zu dürfen, müssen sie eine rund dreimonatige Ausbildung absolvieren. Im Unterschied zu Pfleger:innen dürfen sie die Patient:innen nur bei alltäglichen Tätigkeiten wie Waschen, Anziehen oder Einkaufen unterstützen und zum Beispiel keine Spritzen geben.

Die Agenturen zahlen für gewöhnlich die Busfahrten und wickeln die Bezahlung der Betreuer:innen ab, von denen fast alle als Gewerbetreibende selbstständig tätig sind. Theoretisch könnten die Patient:innen diese laut Hausbetreuungsgesetz auch anstellen, was aber selten der Fall sei, erklärt die österreichische Wirtschaftskammer. Es gibt auch Agenturen, die lediglich vermitteln, und bei denen die Patient:innen die Betreuer:innen direkt bezahlen.

Was die Vermittlungsgebühr betrifft, ist das Vorgehen unterschiedlich: Während einige Agenturen mehrere 100 Euro pro Monat den Betreuer:innen in Rechnung stellen oder gleich von deren Honorar abziehen, falls die Bezahlung über sie läuft, verlangen andere eine einmalige Gebühr von den Patient:innen. Wieder andere werben damit, dass gar keine Vermittlungsgebühr anfällt.

Mittlerweile haben wir die ungarische Grenze passiert, im Bus gehen die Lichter aus, und die Gespräche verstummen. Nur ein........

© Wiener Zeitung