Schulreform: Ein Orden für Otto Glöckels Erben |
Die NEOS haben sich eine Reform des Bildungswesens auf die Fahne geheftet. Jetzt soll die Volksschule versuchsweise von vier auf sechs Jahre verlängert werden. Im Raum steht sogar eine gemeinsame Schule bis zum Alter von vierzehn Jahren. Das Argument lautet, dass die Trennung von Zehnjährigen in „gute“ und „schlechte“ Schüler „nicht förderlich“ sei, wie die pinke Wiener Bildungsstadträtin Bettina Emmerling sagt. Ginge es nach den NEOS, soll Wien erste Modellregion für den Versuch werden. Bildungsminister Christoph Wiederkehr, ebenfalls NEOS, unterstützt das,; die Vorarbeiten für Pilotprojekte laufen.
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Die SPÖ ist für derartige Ideen zu haben. Sie fordert eine Gesamtschule, hält das bestehende System, in dem eine Selektion mit zehn Jahren stattfindet, für unfair und verweist darauf, dass oft der Bildungshintergrund der Eltern entscheidet, nicht die Fähigkeiten des Kindes. Die ÖVP ist dagegen und der Ansicht, dass organisatorische Veränderungen pädagogische Probleme nicht lösen könnten. Generell pocht man hier auf das Prinzip Leistung und will, dass „die Begabteren“ weiterhin rasch ins Gymnasium kommen und „die weniger Begabten“ ohne Umschweife in die Neue Mittelschule.
Ein Streit seit Kaisers Zeiten
Das Spannende ist, dass diese Gesamtschuldebatte älter ist als die Republik Österreich selbst und dass sich die jeweiligen Argumente seit Kaisers Zeiten nicht wesentlich verändert haben:
Als der 1918 abdankte, gab es im Anschluss an vierjährige Volksschulen dreijährige Bürgerschulen. In diese schickten die „einfachen Leute“ aus der Stadt ihre Kinder, am Land besuchten Jungen und Mädchen eine Volksschul-Oberstufe. Das achtjährige Gymnasium war wenigen Erwählten, meist aus dem Bildungsbürgertum, vorbehalten.
Dieses System war nach Ende der Monarchie nicht mehr zeitgemäß. Über die Reform didaktischer Grundsätze (keine Prügelstrafen mehr, weniger Frontalunterricht, spielerisches Lernen) waren sich Christlichsoziale (Vorläufer der ÖVP) und Sozialdemokraten zumindest teilweise einig, über den äußeren Aufbau des Schulwesens nicht. Der führende rote Schulreformer Otto Glöckel (1874 - 1935) wollte, dass alle Kinder von zehn- bis vierzehn Jahren einen........