NS-Zeitzeug:innen verstummen, neue Konzepte füllen Lücke
Die letzten NS-Zeitzeug:innen verstummen, Nachkommen erforschen Familiengeschichten und NS-Verbrechen mit neuen digitalen Methoden.
Das Buch „Spuren lesbar machen“ beleuchtet das Schicksal jüdischer Zwangsarbeiter:innen im Granitwerk Roggendorf und das Schweigen der Nachkriegsgenerationen.
Persönliche Betroffenheit, emotionale Leere und Versöhnung prägen die Auseinandersetzung der Nachkommen von Opfern und Tätern mit der NS-Vergangenheit.
2022: 2.115 Orte in Österreich als NS-Zwangsarbeitslager dokumentiert.
Im Granitwerk Roggendorf ab 1941 Zwangsarbeit, ab Nov. 1944 ca. 30 ungarisch-jüdische Familien interniert.
Franz Liko, Betriebsleiter und NSDAP-Mitglied, starb im August 1946 durch Explosion.
Nachkommen der Opfer und Täter berichten heute über das Schicksal ihrer Familien.
Die letzten NS-Zeitzeug:innen verstummen, Nachkommen erforschen Familiengeschichten und NS-Verbrechen mit neuen digitalen Methoden.
Das Buch „Spuren lesbar machen“ beleuchtet das Schicksal jüdischer Zwangsarbeiter:innen im Granitwerk Roggendorf und das Schweigen der Nachkriegsgenerationen.
Persönliche Betroffenheit, emotionale Leere und Versöhnung prägen die Auseinandersetzung der Nachkommen von Opfern und Tätern mit der NS-Vergangenheit.
2022: 2.115 Orte in Österreich als NS-Zwangsarbeitslager dokumentiert.
Im Granitwerk Roggendorf ab 1941 Zwangsarbeit, ab Nov. 1944 ca. 30 ungarisch-jüdische Familien interniert.
Franz Liko, Betriebsleiter und NSDAP-Mitglied, starb im August 1946 durch Explosion.
Nachkommen der Opfer und Täter berichten heute über das Schicksal ihrer Familien.
Die Überlebenden des Holocaust, es gibt sie kaum noch. Mittlerweile sind so gut wie alle, die die Nazi-Verbrechen am eigenen Leib erfahren haben, gestorben. Oder sie sind zu alt, zu gebrechlich, um befragt zu werden. Die Zeitzeug:innen des NS-Terrors sind weg, auch die, die auf der Täter:innenseite standen. Jahrzehnte lang haben sie in Schulen, in Museen und Gedenkstätten von ihren persönlichen Erfahrungen im NS-Widerstand, in den Konzentrationslagern und Gefängnissen erzählt. Jetzt herrscht hier Stille.
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Doch das Interesse an dem, was die eigenen Vorfahren im Zweiten Weltkrieg gemacht haben, ist größer denn je. Die Historikerin Edith Blaschitz, Assistenzprofessorin an der Universität Krems, spricht gegenüber der WZ von einer regelrechten „Welle“, die zu Beginn der 2020er-Jahre ihren Ausgang genommen habe. „Die Kriegskinder sind zwar selbst schon alt, trotzdem nutzen sie digitale Technologien“, so Blaschitz, „sie, die Kriegsenkel:innen und -urenkel:innen stöbern in Archiven, vernetzen sich online in eigenen Foren und tauschen sich über Social Media aus.“ Alle sind sie getrieben von Neugierde, sind Expert:innen in eigener Sache. Es handelt sich um „Descendant Scientists“, wie Blaschitz sie nennt. „Das ist ein Begriff, der von meiner Kollegin Eva Mayr geprägt wurde“, erklärt die Historikerin.
„Er hat sich in die Luft gesprengt“
Im Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust-Studien hat sich eine Gruppe Menschen zusammengefunden, es wird das Buch „Spuren lesbar machen“ präsentiert, ein Produkt des gleichnamigen wissenschaftlichen Projekts. Herausgeber:innen sind Blaschitz und der Künstler Martin Krenn. In dem Buch geht es um die Stadtgemeinde Pulkau im Weinviertel, wo sich ein NS-Zwangsarbeiter:innenlager befand. Im Granitwerk Roggendorf wurden ab 1941 Verschleppte unter unwürdigen Bedingungen geschunden und ausgebeutet: Sowjetische Kriegsgefangene aus der Ukraine, andere sogenannte „Ostarbeiter:innen“, aber auch Italiener:innen. Ab November 1944 waren dort ungarisch-jüdische Familien interniert, ungefähr 30 Menschen. Sie mussten schwere, aus dem Steinbruch gesprengte Steine in Karren heben und zur Weiterverarbeitung schieben. Die Verpflegung war miserabel, sie litten unter Misshandlungen, Hunger und der klirrenden Kälte.
Wolfgang Liko sitzt gespannt im Publikum. Sein Großvater, Franz Liko, war im Zweiten Weltkrieg Betriebsleiter im Granitwerk von Roggendorf, wo die Zwangsarbeiter:innen eingesetzt wurden. Der Großvater, so Liko im Gespräch mit der WZ, war NSDAP-Mitglied und sei als Buchhalter und Sprengmeister im Steinbruch nicht durch besondere Grausamkeit aufgefallen. Wilhelm Liko, der Sohn des Sprengmeisters Franz Liko und spätere Vater von Wolfgang Liko, sei damals in Pulkau in die Schule gegangen. Er war zu Kriegsende 15 Jahre alt. Nach dem Krieg habe er „nichts erzählt“ von dem, was in Pulkau passiert sei. „Alles war ein Geheimnis.“ Er, Wolfgang Liko, habe von seinem Vater nie das Wort „Zwangsarbeitslager“ gehört.
Das Leben des Großvaters nahm ein jähes Ende. „Er hat sich in die Luft gesprengt“, sagt Liko. In einer Baracke auf dem Gelände des Steinbruchs wurde er im August 1946 buchstäblich zerrissen. Das sei ein „Geheimnis in der Familiengeschichte“ gewesen.
Der Enkel leidet bis heute, das Erinnern ist für ihn eine „emotionale Angelegenheit“. Der Tod seines Großvaters und die Verheimlichung des Geschehenen seien eine „ganz schreckliche Leerstelle“ in seinem Leben, schildert Liko. Sein mittlerweile verstorbener Vater sei nach dem Vorfall lebenslänglich ein „geschocktes Waisenkind“ gewesen. Bis heute sei nicht klar: „War es ein Unfall, Mord, Selbstmord?“
Auf einer Schautafel am Gelände des ehemaligen Granitwerks ist vermerkt, dass Franz Liko zu Kriegsende den Abtransport jüdischer Familien in das KZ Mauthausen vereitelte, indem er der anrückenden SS erklärte, dass er die jüdischen Zwangsarbeiter:innen im Steinbruch als Arbeitskräfte benötige. Schließlich sei es ihm gelungen, eine fingierte Bestätigung zu erwirken, dass die jüdischen Zwangsarbeiter:innen bereits deportiert worden seien. „Es war wie im Film ,Schindlers Liste‘, nur im ganz Kleinen“, ergänzt eine Dame, die dem Gespräch interessiert zuhört. Wolfgang Liko selbst sagt, er wäre nicht sicher, ob diese Geschichte wirklich wahr sei.
Erinnern: „Kein Spaß“
Im Verlauf der Gespräche im Wiesenthal Institut wird klar, dass „Descendant Scientist“ keine einfache Aufgabe ist. Es ist die persönliche Betroffenheit, die den Forschenden zu schaffen macht. „Erinnern ist kein Spaß“, bringt es die Historikerin Éva Kovács, die die Buchpräsentation moderiert, auf den Punkt. Denn es ist hart, lang gehegte Familienmythen eigenhändig zu dekonstruieren.
Etwa die Legende, dass kaum jemand von den Nazi-Verbrechen gewusst habe. Was Zwangsarbeit betreffe, sei diese Behauptung auf keinen Fall haltbar, so Kovács. Das Bundesdenkmalamt hat 2022 eine Broschüre veröffentlicht, in der 2.115 Orte in Österreich angeführt sind, wo Zwangsarbeiter:innen während der NS-Zeit festgehalten wurden. Die Verbrechen geschahen also fast überall und vor den Augen der Bevölkerung, fallweise in Gebäuden, die sich mitten im Ortsgebiet befanden. Es war ein dichtes Netz von Lagern, gespannt von Vorarlberg bis in jeden Wiener Bezirk hinein. Jüdische Sklavenarbeiter:innen wurden, für alle gut sichtbar, in der Früh von den Aufsehern zur Arbeit eskortiert und am Abend zurückgebracht. Eine perverse Art von „Normalität“, so selbstverständlich, dass sie nach 1945 schnell vergessen wurde und im Nichts verschwand.
Im Sammelband „Spuren lesbar machen“ werden die Geschehnisse in Bruchstücken ans Tageslicht gebracht. „Was hat eigentlich Uropa zur Zeit des NS-Terrors gemacht?“, lautet etwa der Titel eines Beitrags, den Lukas Jäger verfasst hat. Er ist Urenkel von Franz Geisler, der gemeinsam mit Franz Liko ab 1940/41 den Steinbruch in Roggendorf pachtete und somit Chef des Granitwerks war. Jäger sah sich in seinen Vorahnungen bestätigt, als er von der Verstrickung seines Urgroßvaters in die NS-Zwangsarbeit erfuhr. „Niemand hat nach 1945 darüber gesprochen, dass im Granitwerk jüdische Zwangsarbeiter:innen waren“, sagt er im Telefongespräch mit der WZ. Es gehe nicht um Schuld, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen. Und es gelte zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederhole. Wobei: „Genau das passiert doch gerade, manche Länder sind mittendrin“, sagt der angehende Lehrer unter Verweis auf Länder wie Frankreich, Ungarn aber auch Österreich. Es gehe darum, „Nie wieder Faschismus" zu sagen und die Orte des NS-Terrors zu benennen. Was die seinerzeitigen NS-Verbrechen angehe, betont Jäger mehrmals, sei in erster Linie wichtig, „dass den Nachkommen der Opfer zugehört wird“.
Ein Sack kaputter Erdäpfel
Die Nachkommen der Opfer kommen zu Wort: Es sind die Kinder und Enkel:innen der ehemaligen Zwangsarbeiter:innen, die heute in Israel leben, die ausfindig gemacht werden konnten und in dem Buch „Spuren lesbar machen“ vom Schicksal ihrer Verwandten im Zwangsarbeitslager bei Pulkau berichten.
Mirjam Rajner etwa, heute Professorin in Israel, erzählt, wie ihre Großmutter noch Jahrzehnte später in der Nacht schreiend aufgewacht ist, weil sie „vom Lager“ geträumt hat. Sie und ihr Sohn, der spätere Vater Rajners, hätten bei ihrer Deportation 1944 in letzter Sekunde den Bahnsteig gewechselt, wären in den anderen Zug eingestiegen und seien so in die damalige Ostmark gekommen, statt in den sicheren Tod in das KZ Auschwitz gebracht zu werden.
Die Großmutter erzählte, wie sie in der Nähe des Granitwerks auf dem Feld eines Bauern Rüben aus dem Boden holen musste, wie ihr Sohn misshandelt und geschlagen wurde. Wie sie ein seidenes Nachthemd gegen einen Sack ungenießbarer Erdäpfel tauschte. Wie eine Schulter des Sohnes herabhing, weil die Steine, die er schleppen musste, schwer waren. Und schließlich auch, wie die Sowjets im Mai 1945 das Lager befreiten, sich untertags zuvorkommend benahmen, in der Nacht aber betranken und Frauen vergewaltigten. Die wirklich schlimmen Geschichten, die von Tod, Wahnsinn und unmenschlicher Bestrafung handeln, hat die Großmutter nicht erzählt. Wahrscheinlich, um ihre Enkelin zu schützen, wie Rajner vermutet.
Vom großen Schweigen erzählt in dem Sammelband auch Mira Knei Paz. Sie ist 1944 als Tochter einer jüdischen Zwangsarbeiterin in Kattau unweit des Steinbruchs Roggendorf geboren worden und wusste von ihrer Herkunft bis vor Kurzem: gar nichts. Ihr Vater starb wenige Wochen vor ihrer Geburt im KZ. Die 18 Jahre ältere Schwester, die im Granitwerk sechs Monate lang Zwangsarbeit leisten musste, hat ihrer jüngeren Schwester alles verschwiegen, was vor dem Kriegsende geschehen war. Mira Knei Paz sollte unbeschwert von der Vergangenheit aufwachsen, sie sollte durch die Gräuel nicht beeinträchtigt sein, wurde von ihrer Familie in Israel als „Wunder“ verehrt, dessen Lebensaufgabe darin bestand, selbst glücklich zu sein und alle überlebenden Familienmitglieder stolz und ebenfalls glücklich zu machen.
In einer Rede, die Knei Paz am 1. April 2023 auf dem Gelände des ehemaligen Granitwerks Roggendorf gehalten hat, berichtete sie von einer fürchterlichen „inneren Leere“, die sie lange begleitet hatte, weil ihr ein wichtiger Teil ihres Lebens durch beharrliches Schweigen vorenthalten worden war.
Das Leiden unter dem Nicht-Ausgesprochenen, die bedrückende „Leerstelle“ der eigenen Existenz ist ein Schicksal, das die im NS-Zwangsarbeiter:innenlager geborene Mira Knei Paz mit Wolfgang Liko, dem Täter-Enkel, teilt. Im Wiesenthal Institut sagt Liko der WZ, dass er Knei Paz kennengelernt, dass er sich mit ihr unterhalten und ausgetauscht habe und dass eine Versöhnung stattgefunden habe: eine Versöhnung in Pulkau auf von NS-Gewalt kontaminiertem Boden, die die Zeitzeug:innen selbst möglicherweise nicht zustande gebracht hätten.
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Gesprächspartner:innen
Edith Blaschitz, Assistenzprofessorin an der Universität für Weiterbildung Krems
Wolfgang Liko, Fremdenführer in Salzburg
Lukas Jäger, studierter Soziologe, Kultur- und Sozialanthropologe
Wolfgang Gasser, Historiker, veranstaltete eine Geschichtswerkstätte zum Thema NS-Zwangsarbeit mit interessierten Bürger:innen und mit Schüler:innen in Pulkau. Er hat im Gespräch mit der WZ hervorgehoben, dass sich die Menschen in Pulkau quer über alle politischen und ideologischen Gräben hinweg zusammensetzen und diskutieren können.
Bundesdenkmalamt: Katalog der NS-Opferlager in Österreich
Edith Blaschitz, Martin Krenn (Hrsg.): Spuren lesbar machen. Das NS-Zwangslager im Granitwerk Roggendorf, Studienverlag, Wien, 2025
Forschungsprojekt der Donau-Universität Krems: Connecting memories
Das Projekt „Spuren lesbar machen“ erforscht die Geschichte des Granitsteinbruchs Roggendorf und stellt sie im digitalen Raum aus. Historisch interessierte Personen, so genannte „Citizen Scientists“, Historiker:innen, Creative Media-Experten und Künstler:innen setzen sich mit der Geschichte des Steinbruchs auseinander. Es geht darum, neue Formen des Umgangs mit NS-Verbrechen zu finden und die vergessenen Orte der Zwangsarbeit wieder sichtbar zu machen.
Citizen Scientistst: In Citizen Science werden wissenschaftliche Projekte unter Mithilfe von interessierten und engagierten Amateur:innen durchgeführt. Das Konzept kommt n verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zur Anwendung. Citizen Scientists steuern historische Quellen bei, in den Naturwissenschaften führen sie Messungen durch, werten Daten aus. Das Konzept ermöglicht einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, wie er sonst nicht möglich wäre.
Der Künstler und Universitätsprofessor Martin Krenn hat eine GPS-unterstützte App gestaltet, die durch das ehemalige Granitwerk führt.
Das historisch belastete Gelände ist durch einen Feldweg erreichbar und ausgeschildert. Es gibt noch Mauerreste aus der NS-Zeit und Schautafeln, die über die Geschichte Auskunft geben. Heiligenbilder weisen darauf hin, dass an diesem Ort heute Passionsspiele stattfinden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war hier eine Badeteich, nachdem durch Versprengung eine Wasserader getroffen worden war. Der Teich ist mittlerweile wieder versiegt.
Die Stadtgemeinde Pulkau in Niederösterreich hat sich intensiv und selbstkritisch mit ihrer jüngeren Vergangenheit beschäftigt. Es gibt Gedenktafeln zu Ehren der Shoah-Opfer Theresia Schnürmacher und Mathilde Wurzel. Dazu gibt es eine Gedenktafel, die an die von den Nazis ermordete Widerstandskämpferin Anna Goldsteiner erinnert. Diese ist ganz unten an dem Ehrendenkmal der Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkriegs angebracht. Das wird von Kritiker:innen als nicht angemessen empfunden.
Lebendiges NS-Erinnern statt toter Denkmäler
Das Gefährliche am Schweigen der NS-TäterDas Thema in anderen Medien
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ORF: NS-Zwangsarbeit: Schicksale werden digitalisiert
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