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Lackmustests für Europas linke Eliten

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02.09.2021

Thomas Nowotny hat als ehemaliger Berater von Kanzler Bruno Kreisky und sozialdemokratischer Vordenker eine bemerkenswerte und kluge Replik auf Sahra Wagenknechts Buch "Die Selbstgerechten" vorgelegt. Er stimmt mit ihrer und meiner Analyse überein, was die Entfremdung der linken Moraleliten von der Normalbevölkerung betrifft. Aber er empfiehlt zu meinem Erstaunen als Zukunftsvision sowohl die derzeitige EU wie auch die Globalisierung. Dem möchte ich deutlich widersprechen. Besonders angesichts unserer aktuellen Lage zu Beginn der Zwanzigerjahre. Viele Bürger Europas stellen sich heute nämlich die bange Frage, ob diese wieder golden oder eher grausam werden - ähnlich wie vor 100 Jahren. Klar ist: Die Geschichte wiederholt sich nicht, bestimmte Wirkzusammenhänge aber schon. Diese sollten wir eingehender betrachten.

Tatsächlich befinden wir uns in einer Zeit des Übergangs, in einem Interregnum, in dem Altes noch nicht überwunden und Neues noch keinen Durchbruch erzielt hat; in einer Zeit der Verunsicherung und der Neuorientierung, teilweise vergleichbar mit jener nach dem Ersten Weltkrieg. Die damaligen Zwanzigerjahre kippten leider, trotz aller Verheißungen, in einen schlechteren Zustand ab, was nicht wieder passieren darf. Leider verdunkeln heute wie damals apokalyptische Reiter die Zukunft und versetzen große Teile der Bevölkerung in Unruhe und Sorge, ja sie spalten die politischen Lager und provozieren sogar Hass und Gewalt. So wütete auch vor 100 Jahren eine Pandemie: die Spanische Grippe, die 50 Millionen Menschen das Leben kostete, nachdem der Erste Weltkrieg "nur" 15 Millionen Todesopfer gefordert hatte.

Zur Corona-Pandemie kommt heute noch ein Kriegsdesaster in Zentralasien mit schwerwiegenden humanitären und sicherheitspolitischen Folgen. Deutschland erlebte zuvor noch die Flutkatastrophe. Nowotny und Wagenknecht haben recht, dass es den Führungsschichten des progressiven Lagers nicht gelingt, der verunsicherten Gesellschaft überzeugende Antworten auf diese Drohszenarien zu liefern und diese in reale Politik umzusetzen. Im Gegenteil: In Österreich wie in Deutschland, aber auch in Italien, Frankreich und Großbritannien bricht das Vertrauen der Bürger ins progressive Lager seit Jahren ein, während das rechte stetig hinzugewinnt. So ist........

© Wiener Zeitung


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