Rangnick: Warum ein „billiger“ Teamchef dem ÖFB teuer käme

Ralf Rangnick bringt dem ÖFB sportlichen und finanziellen Erfolg, wird aber von Funktionären als Bedrohung gesehen.

Die ÖFB-Funktionäre priorisieren Machterhalt und Privilegien über sportliche Entwicklung und blockieren Professionalisierung.

Ein "billiger" Teamchef würde kurzfristig Kosten sparen, langfristig aber dem österreichischen Fußball schaden.

Rangnick verdient beim ÖFB ca. 1 Mio. Euro, weniger als Vorgänger Koller (2 Mio.).

Österreich besiegte unter Rangnick Teams wie Niederlande und Deutschland.

ÖFB erhielt erstmals seit 28 Jahren ein 10,5-Millionen-WM-Antrittsgeld.

Rangnicks Vertrag läuft im Juli 2026 aus.

Ralf Rangnick bringt dem ÖFB sportlichen und finanziellen Erfolg, wird aber von Funktionären als Bedrohung gesehen.

Die ÖFB-Funktionäre priorisieren Machterhalt und Privilegien über sportliche Entwicklung und blockieren Professionalisierung.

Ein "billiger" Teamchef würde kurzfristig Kosten sparen, langfristig aber dem österreichischen Fußball schaden.

Rangnick verdient beim ÖFB ca. 1 Mio. Euro, weniger als Vorgänger Koller (2 Mio.).

Österreich besiegte unter Rangnick Teams wie Niederlande und Deutschland.

ÖFB erhielt erstmals seit 28 Jahren ein 10,5-Millionen-WM-Antrittsgeld.

Rangnicks Vertrag läuft im Juli 2026 aus.

Ralf Rangnick muss eine Art Masochist sein. Beim Österreichischen Fußball-Bund kassiert er weniger Geld als anderswo, zeigt mehr Einsatz als andere und muss sich dazu noch allerlei Frechheiten gefallen lassen. Gerade wird öffentlich debattiert, ob man seinen Vertrag überhaupt verlängern soll: Ein Österreicher wäre „viel billiger“, erklärte ÖFB-Funktionär Wolfgang Bartosch vor wenigen Tagen im Kurier.

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Der ÖFB ist ein Großmeister im Großchancen vernebeln – es wäre dem Verband durchaus zuzutrauen, dass er Rangnick vergrault. Jenen Mann, der Österreich wieder Lust am Fußball gemacht hat, Kaliber wie die Niederlande oder Deutschland besiegt und als erster ÖFB-Teamchef der Geschichte zu einer EM und WM fährt.

Rangnick ist in Fußball-Europa eine prägende Figur, ein Taktik-Vorreiter und Erfolgsgetriebener. Beim ÖFB hat er auf viele Millionen Gehalt verzichtet, die ihm anderswo geboten wurden – weil er sich in den Kopf gesetzt hat, das österreichische Nationalteam und den verstaubten ÖFB wachzuküssen.

Statt Rangnick einen Billigeren zu fordern, ist so, als würde ein Haubenrestaurant den Einsatz von Billigfleisch und Fertigsaucen öffentlich diskutieren und dabei weder Qualitätsverlust noch Imageschaden fürchten.

Ob Rangnick für den ÖFB „billig“ genug sei, ist nichts anderes als eine Scheindebatte. In Wahrheit sehen die Funktionäre in ihm eine Gefahr. Einen aufmüpfigen Piefke, der alles besser weiß, sich der österreichischen „Schau-ma-mal“-Gemütlichkeit verwehrt – und (!) ihre Privilegien angreift. Er sei „sehr schwierig“, richtete ihm ein Funktionär öffentlich aus, weil er seine Nase in Dinge stecke, die ihn nichts angingen.

Dabei könnte Rangnick dem ÖFB extrem nützlich sein. Er ist nicht bloß ein Fußballtrainer, sondern ein angesehener Sanierer maroder Vereinsstrukturen, mit einem präzisen Sensor für Missstände, die er ungeniert anspricht und beheben will. Im ÖFB aber haben andere das Sagen: Ex-Bürgermeister oder pensionierte Richter regeln die sportlichen Bedingungen von Rangnick, Alaba & Co. und richten damit haufenweise Chaos an.

Ein Beispiel, das illustriert, wie der ÖFB funktioniert: 2017 entließen die Funktionäre Sportchef Willi Ruttensteiner, der Österreich in die Top Ten der Welt geführt hatte, ihnen aber schlicht zu mächtig geworden war. Sie ersetzten ihn durch den Ex-ÖFB-Kicker Peter Schöttel, weil man diesem „etwas einreden“ könne. In Gutsherrenart ließen sie sich von ihm drei Trainer vorlegen – und suchten den Teamchef selbst aus. Das wurde prompt zum Problem: Der auserwählte Franco Foda ließ defensiv spielen, während die Kicker zur Offensive taugen. Jahrelang quälte der Kick Fußballer und Fans, die Stadien blieben leer, das Team stürzte in der Weltrangliste ab.

Schon damals zeigte sich: Nicht der österreichische Fußball steht im Zentrum der Provinzkaiser-Entscheidungen, sondern Machtpolitik, Eitelkeiten und viel Dilettantismus.

Rangnick war ein Zufallstreffer. Schöttel wollte eigentlich seinen Ex-Mitspieler Peter Stöger (der ebenfalls zur Defensive neigt) als Teamchef – bei Rangnick fragte er nur wegen des öffentlichen Drucks an. Doch dann wollte der Deutsche, verzichtete auf viel Gehalt und erklärte, dass er Österreich mit Offensive erfolgreich machen will.

In seinem Ehrgeiz, immer besser werden zu wollen, kommt Rangnick aber den Funktionären ins Gehege. Im Aufsichtsrat sitzen neun Landespräsidenten, drei Bundesliga-Vertreter und der ÖFB-Boss. In Rangnick sehen viele von ihnen einen Widersacher, der ÖFB-Einnahmen – die bislang in höherem Maß in ihre Landesverbände und die Bundesliga geflossen sind – für die Professionalisierung des Nationalteams beansprucht. Dazu hat er nicht davor zurückgeschreckt, aufzuzeigen, worum es der Männerrunde geht – und sie öffentlich kritisiert.

Nun erhält Rangnick die Retourkutsche. Sein Vertrag läuft im Juli aus und Funktionäre betonen mit Freude: Eine Gehaltserhöhung sei nicht drin. Dabei verdient Rangnick nur so viel wie sein Vorgänger Foda, etwa eine Million Euro, und weit weniger als die zwei Millionen, die sein Vor-Vorgänger Marcel Koller vor zehn Jahren erhielt.

Und das, obwohl Rangnick sich übers Maß engagiert, mit seinem mutigem Spielstil das Land begeistert, die Stadien ständig voll sind, er neue Sponsoren anlockt, dem ÖFB mit seiner Macher-Mentalität ein professionelles Antlitz verpasst und dem Verband (erstmals seit 28 Jahren) ein 10,5-Millionen-WM-Antrittsgeld einspielt.

Der Verband profitiert von Rangnick wesentlich mehr als er kostet.

Machterhalt, Joberhalt, Privilegienerhalt

Normalerweise wäre so ein Fachmann für den ÖFB unerschwinglich. Rangnick hat das Red-Bull-Fußballimperium aufgebaut, Manchester United trainiert und den Ruf, nicht nur das grüne Feld zu sehen, sondern das große Ganze. Doch dem ÖFB muss er sich mit seinen Ideen groteskerweise regelrecht aufdrängen.

So versucht er gerade als Bedingung für eine Vertragsverlängerung mehr Professionalisierung einzumahnen: im Nachwuchs, der Vermarktung, im sport-strategischen Bereich. Eigentlich müssten die Funktionäre an seinen Lippen hängen. Stattdessen fahren sie ihm übers Maul. Sie versuchen nicht, Österreichs Fußball voranzubringen, sondern die Vertragsgespräche zu nutzen, um ihre Macht zu manifestieren.

So funktioniert der ÖFB. Es geht um Machterhalt, Joberhalt, Privilegien-Erhalt.

Ein Beispiel: Rangnick würde sich einen starken Sportchef wünschen, der mit ihm Reformen durchsetzt. Aber der aktuelle Sportchef Schöttel taucht lieber unter, um nicht zwischen die Fronten zu geraten und um seinen Job nicht zu gefährden. Im Hintergrund hat Rangnick viele Aufgaben übernommen, die eigentlich bei Schöttel lägen. Er kümmert sich um den Nachwuchs, forciert eine einheitliche Spielphilosophie und umwirbt internationale Top-Spieler, die er zum ÖFB lotsen will.

Im Gegensatz zu Rangnick ist der devote Schöttel aber der Liebling vieler Funktionäre, unbefristet angestellt und quasi pragmatisiert – während Rangnick gerade aufgezeigt bekommt, wer im Verband am längeren Ast sitzt.

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Rangnick-Verlängerung? Skepsis im ÖFB

Motiv der Männerrunde

Rangnick hat im Grunde nichts zu verlieren, er könnte woanders viel mehr verdienen und ist den Funktionären deshalb nicht zu Dankbarkeit verpflichtet. Mit Fans und Erfolg im Rücken kann er derzeit vehement Professionalisierung einfordern und wohl als Einziger die mächtigen Männer so richtig in Bedrängnis bringen.

Der Ruf der Funktionäre nach einem billigen Österreicher ist daher nichts anderes als die versteckte Forderung nach größtmöglichem Einfluss. Denn: International erfolgreiche heimische Trainer – Glasner, Ilzer, Hasenhüttl, Hütter – wären teuer und ebenso anspruchsvoll wie Rangnick. Ein billiger Österreicher hingegen, der hier angedacht wird, womöglich einer aus der zweiten oder dritten Reihe, müsste den Funktionären für seinen Job dankbar sein, wäre deshalb folgsam – und würde keine Revolution anzetteln.

So ein Österreicher käme dem ÖFB kurzfristig tatsächlich billiger, aber dem heimischen Fußball auf Sicht ziemlich teuer.

Gerald Gossmann verfasst alle zwei Wochen für die WZ eine kritische Fußballkolumne – er analysiert und kommentiert dabei die heißen Eisen der österreichischen Kickeria.

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Gerald Gossmann schreibt für deutschsprachige Medien wie Die Zeit, Profil und den Spiegel über Sportpolitik und beleuchtet die Problemfelder des Fußballbetriebs regelmäßig in TV-Sendungen, etwa im ORF oder bei Puls4. Er ist bekannt für seine kritischen Analysen und dafür, komplexe Inhalte in einfacher Sprache zu erklären.

Ralf Rangnick hat Klubs wie Manchester United, Schalke 04 oder RB Leipzig trainiert – und sich dazu einen Namen als Entwickler und Visionär gemacht. So hat er etwa das Red-Bull-Fußballprojekt entscheidend geprägt. Rangnick selbst war kein erfolgreicher Fußballer, sondern Lehrer.

Seit 2022 trainiert er die österreichische Nationalmannschaft. Bei der EM 2024 erreichte er mit seinem Team das Achtelfinale nach einem Gruppensieg vor Frankreich und den Niederlanden. Dazu hat er sich mit Österreich erstmals seit 28 Jahren für die WM im Sommer in den USA, Mexiko und Kanada qualifiziert. Der Erfolg hilft dem ÖFB auch wirtschaftlich – zuletzt hat der Verband einen Rekordumsatz von 70 Millionen Euro verbucht.

Geführt wird der ÖFB von zwei Geschäftsführern und dem mächtigen Aufsichtsrat. Darin sitzen neun Landesverbandspräsidenten, drei Bundesligavertreter und der ÖFB-Chef Josef Pröll.


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